Es läßt sich gar nicht sagen, wie viel Zurückstossendes, zarte Herzen Empörendes in der Gesinnung des Pharisäers gegen Jesus und gegen die Sünderin liegt. Ganz versenkt in die Vorstellung seiner gesetzlichen Heiligkeit; trunken von Freude über seine Sittenreinheit vor den Augen der Menschen blickt er Jesus und die Sünderin mit verachtendem Widerwillen und Eckel an. Es wäre wirklich lehrreich für den Menschenkenner, Stirne, Augen, Mund und Gebehrden des treuen Sklaven eines heilig sein sollenden Buchstabens zu sehen. Aber kaum würde er seinen Unwillen unterdrücken können beim Anblicke der grinsenden Lieblosigkeit des aufgeblasenen Heuchlers, der gefühllosen Härte des unbekannten Sünders, des undankbaren Herzens gegen seinen wohlthätigen Schöpfer. Aus dieser bittern Quelle floß die geläufige Sophistik, welche blitzschnell beweisen konnte, daß Jesus kein Prophet sei, weil er sich von einem solchen Weibe berühren ließ. Das Verdammungsurtheil war systematisch und rabbinisch vollkommen consequent; also mußte es wahr sein, so sehr es auch allem Geiste der Lehren und Thaten Gottes widersprach.
Zwischen der Sünderin und dem scheinheiligen Simon befand sich der göttliche Mittler. Konnte er gleichgültig oder auch nur geduldig die schonungslose Verachtung ansehen, mit welcher die bessere Sünderin von dem schlechtern Frömmler behandelt wurde? Unmöglich! Er müßte die verlornen Schaafe Israels weniger geliebt haben, wenn er geschwiegen hätte. Aber er machte die Rüge dadurch ausserordentlich eindringend und scharf, daß er durch eine treffliche Parabel den sich weise dünkenden Simon zuerst dahin brachte, über sich selbst das Urtheil zu fällen, und dann die aufrichtige Reue, die flammende Gottesliebe, den unbegränzten Dank, das felsenfeste Vertrauen der berüchtigten Sünderin verglich mit der eingebildeten Heiligkeit des kleinen Schuldners, der aber so wenig als die große Schuldnerin bezahlen konnte; mit der starrenden Kälte des frommen Stolzes gegen den Allerbarmer; mit der unhöflichen Aufnahme des hohen Gastes; mit dem mißtrauischen Sinne des selbstgerechten Gottesgelehrten, der nur auf sich bauete.
Je länger man dieses herrliche Sittengemälde betrachtet, desto mehr gewinnt es an Bedeutung und Anwendbarkeit für Kopf und Herz. Durchsuchen wir doch die geheimsten Gänge und Falten unseres Busens, schütteln wir ihn ganz aus! Denn wir haben einen Herrn und Richter, der alle stolzen Ansprüche selbstgerechter Heiligkeit kräftig niederschlägt, der äußere Frömmigkeit ohne innere in ihrer ganzen Nacktheit darstellt, der die Liebe nach Thaten wäget, nicht nach Worten und Gefühlen, der auf ein gebessertes, reines Leben mehr hält als auf schulgerechte Lehrformen u. s. w.
XI.
Heilung eines Besessenen, der blind und stumm war. Urtheil der Pharisäer. Antwort Jesu.[12]
Mit einem Worte seiner Allmacht hob Jesus ein dreifaches Uebel vollkommen. Konnte er eine That verrichten, die seine Sendung von Gott stärker bewies? Auf die Herzen des Volkes machte sie auch wirklich einen solchen Eindruck. Verwunderung, Staunen, heiliger Schauer ergriff die Zuschauer, sie fühlten die Nähe Gottes, weil sie unbefangen und geradsinnig die That ansahen, und gar wohl begriffen, daß etwas geschah, was kein Mensch so zu thun vermochte. So stieg dann in ihren unverdorbenen Herzen der Gedanke auf: „Sollte dieser nicht der Messias sein?“ Richtig zog ihr gesunder Verstand den Schluß, daß dem, der Macht hat, solche Dinge zu thun, wohl auch die Rettung der Nation für Zeit und Ewigkeit nicht unmöglich sei. Das Wunder führte also die unpartheiischen Menschen dahin, wo Jesus sie haben wollte — an die enge Pforte des Glaubens an ihn, als den Sohn David’s und Gottes.
Noch jetzt wird man lebhaft ergriffen, wenn man sich diese wahrhaft beseligende Scene vergegenwärtiget; welche Wirkung muß sie erst an Ort und Stelle hervorgebracht haben! Wer konnte ungerührt bleiben? Niemand blieb es — als die Pharisäer und Schriftgelehrten, welche von Jerusalem gekommen waren. Ist es möglich? Sollten sie bei ihrer gelehrten Bildung nicht früher und besser als das Volk, die göttliche That bemerkt und bewundert haben? Nicht nur dieses nicht, sondern noch unglaublich mehr. Sie fällten über dieses offenbare und allgemein dafür anerkannte Wunder ein Urtheil, welches an ruchlosem Unsinne kaum seines Gleichen in der Geschichte findet. „Jesus“, sagten sie, „treibt die Teufel anders nicht aus, als durch Beelzebub, den Obersten der Teufel.“ Damit glaubten sie das dumme Volk eines Bessern zu belehren, das Erstaunen über die göttliche Heilung niederzuschlagen, den Glauben an Jesus im Keime zu ersticken, und seiner Lehre vorsichtig und wohlweise den Weg zu versperren. Und der Beweis für diese sinnlose, empörende Wundererklärung? Sie hatten keinen andern, als ihr Ansehen, von dessen Allgewalt sie mächtigere Wirkungen sich versprochen, als von Gottes Wort und That. Ihnen sollte das Volk ohne Beweis und Siegel glauben; bei Jesus sollte Gottes Siegel ungültig sein — eben weil es Jesus war, der verhaßte Neuerer, der fluchwürdige sogenannte Prophet, der sie um ihren Kredit beim Volke, um ihre Bequemlichkeit im Sorgenstuhle des religiösen Ceremonielles, um den Ruhm der Schrift- und Satzungsgelehrtheit, um ihr selbstgeschaffenes Ideal vom Sohne David’s und von seinem Reiche — um alle geliebten Scheindinge zu bringen drohte. Ein solcher Mensch konnte nichts Gutes thun, weil er es nicht thun sollte, und nach ihrem Sinne nicht thun wollte. Eher mußte der Teufel ihm zur Seite stehen, als Gott, so entschieden auch Letzteres war. Bei Jedem aus ihrer Kaste hätten sie Jehova gepriesen für den Sieg über den Satan; nur bei Jesus nehmen sie zum Wahnsinne Zuflucht, weil sie von Leidenschaft gegen ihn an Kopf und Herz gefesselt waren.
Allein diese giftige Schlange verbargen sie tief im Busen; überfüllt von ihrem Geifer im Innersten, färbten sie den Ausbruch desselben mit religiöser Schminke. Daher sollte die wüthendste Lästerung für Beförderung der Ehre Gottes, die ungemessenste Verfolgungssucht für Bewachung des Seelenheiles der Israeliten, die unersättlichste Rachsucht für gerechten Unwillen angesehen werden, weil sie von Jerusalem, der Stadt Gottes, gekommen waren.
Unser Herr breitet sich nicht leicht über eine Sache aus; aber dießmal that er es mit aller Kraft seiner himmlischen Beredsamkeit. Er wollte unstreitig die Scheußlichkeit und Strafbarkeit dieser Art von Heuchelei ins hellste Licht setzen, um die Menschen — seine bis in den Tod geliebten Brüder — dringend zu warnen. Zuerst zeigt er das Ungereimte, Widersprechende in ihrer Behauptung, also das innerlich Unmögliche. Dann widerlegt er sie durch die Werke ihrer eigenen Kinder, und durch den wahren Begriff vom Reiche Gottes, als Gegensatz der Herrschaft des Satans. Hierauf macht er auf das äußerlich Unmögliche der Sache in einer Parabel aufmerksam. Endlich stellt er sich selbst geradezu als Gegner des Satans auf, und erklärt feierlich, daß man zu Einer von beiden Partheien sich schlagen müsse — zu Gott oder zum Satan. Dabei unterscheidet er genau sein damaliges, leicht verkennbares Verhältniß zu Gott, und vergiebt es daher gerne, wenn man ihn lästert; aber unverzeihlich für Zeit und Ewigkeit nennt er es, wenn man die Werke des Geistes Gottes, der in ihm wirkt, dem Teufel zuschrieb, bloß um nicht an Jesus glauben zu dürfen. Solche Menschen findet er unheilbar und unverbesserlich, so fromm sie scheinen mochten. Endlich deckt er das Brandmal ihres Herzens auf, aus dem nichts Gutes kommen konnte. Er weiset nach, daß ihre gleißenden Worte nur Ausgeburten der alten Schlange seien. Sogar auf das furchtbare Gericht Gottes lenket er den Blick hin, um die zu schrecken, welche er nicht rühren konnte.
Wären die Pharisäer noch einer Besserung fähig gewesen; hätten sie sich nicht verkriechen müßen vor Reue und Scham über die höhnische, absprechende, scheinbar warnende und wohlmeinende Gebehrde und Sprache, mit der sie Jesus verläumdet hatten? Welche Gründe der Wahrheit, welche Thatsachen stritten für ihn! Was mußte ein redlicher Zuhörer denken? Was sollen wir dabei denken, daraus lernen?? —