XII.
Ueber die Lehre von den gesetzlichen Reinigungen.[13]
„Warum übertreten deine Jünger die Erblehre der Alten? Denn sie waschen die Hände nicht, wenn sie das Brod essen.“ — So stellten die Pharisäer unsern Herrn zur Rede, und forderten ihn zur Verantwortung auf. Sie thaten es um so dreister und zudringlicher, weil sie von dem Hauptsitze der Religion und Gottesgelehrtheit — von Jerusalem gekommen waren, um das Treiben des Nazareners in Galiläa mit eigenen hohen Augen wahrzunehmen, und bei guter Gelegenheit ihm zu Leibe zu gehen. Ueberhaupt mußte es diesen argwöhnischen und eifersüchtigen Rabbinen schon verdächtig vorkommen, daß Jesus, als vorgeblicher Verbesserer der Religion, das Licht der hierosolymitanischen Wahrheit und die scharfen Blicke des Synedriums zu scheuen und sich und sein Unwesen in dem fernen Galiläa zu verbergen schien. Ueberdieß waren die Galiläer in Jerusalem als unwissende Menschen in Betreff der Religion verachtet und vernachläßiget; die Leviten und Gesetzgelehrten gaben sich nur keine Mühe, sie besser zu unterrichten; um so bedenklicher mußten die Herren an der Tempelschule es finden, daß der neue Lehrer sich um „die verlornen und verlassenen Schaafe Israels“ annahm; da konnten seine gefährlichen Grundsätze im Volkstone vorgetragen den raschesten Fortgang machen. So selten daher die Pharisäer Galiläa mit ihren Besuchen beehrten, so begierig ergriffen sie jetzt diese Gelegenheit, ihre väterliche Sorgfalt für die Erhaltung der reinen Lehre in Galiläa mit allem Nachdrucke zu bethätigen.
Wenn man nicht unbemerkt von dem Gedanken beschlichen wird, Jesus habe als Sohn Gottes, ein Privilegium gehabt, sich über religiöse Gebräuche seines Volkes wegzusetzen, da er sie doch als Israelite beobachten sollte: so kann es nicht anders als sehr auffallend sein, daß er in manchen Fällen stracks und geflissentlich das Gegentheil von dem that, was die Pharisäer als gesetzliche Vorschrift lehrten und übten. Da er in andern Fällen so nachgiebig und schonend war, u. z. B. den geheilten Aussätzigen zu den Priestern sandte, die Tempelsteuer bezahlte, das Fest der Tempelweihe besuchte: so kann man mit Recht fragen: Warum war er gerade gegen die Erblehre der Alten so eingenommen? Sollte der Grund nicht darin liegen, weil sie der Heuchelei Thür und Thor öffnete?
Es gehört mit zu dem Verderben von Adam’s Söhnen, daß sie sich mit dem Worte Gottes selten begnügen, sondern von jeher diesen alten, milden Wein mit ihrem neuen, rauhen Säuerling genießbarer zu machen glaubten, und sich nicht wenig darauf einbildeten. An diesem Erbübel litten auch die Pharisäer. Moses Gesetz war ihrem Kleinigkeitsgeiste nicht scharf genug in seinen Bestimmungen; David’s Psalmen fand ihr an Glauben und Liebe armes Herz zu kurz und zu trocken; die Propheten — — — kurz, Gottes Geist hatte sich nicht deutlich, nicht breit, nicht ängstlich genug ausgesprochen; die Rabbi späterer Jahrhunderte sahen ernst die Punkte auf dem Jota und alle Beistrichgen recht genau, gaben Alles haarklein an, entschieden mit frommem Scharfsinne alle möglichen Fälle, zogen einen Zaun um das Gesetz Gottes, daß man von demselben nichts mehr sah, sondern den Zaun für das Hauptgebäude beinahe ansehen mußte. Allein Moses, David’s, Jesaias Geist wehte nicht in den Lehren der Alten; die wahre, innige, herzliche, lebendige, thatenreiche Frömmigkeit gewann nicht nur nichts, sie verlor alles. Darum trat Jesus diese Satzungen der Alten kühn mit Füßen.
Zur unwiderleglichen Rechtfertigung solcher Schritte gaben die Pharisäer unserm Herrn die Mittel selbst an die Hand. Noch immer ließen sie die heilige Schrift als Gottes Wort gelten, bezeugten mit schönen Reden die tiefste Verehrung, obwohl sie in der That sie aus ihrem Lehrgebäude verdrängten. Um so kräftiger zeugten dann die Männer Gottes gegen sie, daß sie verstummen mußten; Dießmal war es wieder Jesaias, den Jesus anführte, um die Rüge seiner Feinde zu Schanden zu machen. Durch diesen geistreichen Seher eiferte Jehova gegen Lippendienst, an dem das Herz keinen Theil nahm; er tadelte es scharf, daß sein Wort und sein Gesetz durch Menschenlehren und Menschensatzungen verdrängt wurde. Darum verwarf auch Gott die hohle, leere, eitle Frömmigkeit Israels; denn sie war Heuchelei. Waren die Pharisäer nicht in demselben Falle? „Es ist Korban!“ Dieses heilige Zauberwort setzte an die Stelle liebevollen dankbarer Elternpflege ein für die Priester und Leviten einträgliches Opfer. Gott hatte also Unrecht, wenn er Liebe forderte und nicht Opfer; Gott hatte Unrecht, wenn er ein reines Herz verlangte, und nicht bloß gewaschene Hände, Schüsseln und Stühle u. s. w. Dieß sagten freilich die Pharisäer nicht mit dürren Worten; wie hätten sie es wagen dürfen? Aber auf fein ersonnenen Umwegen gelangten sie zu demselben Resultate. Sie priesen den Werth der Opfer; schilderten die Pracht und Freude der heiligen Gebräuche; strichen die göttliche Einsetzung derselben heraus; rühmten den Eifer und die Weisheit der Alten in diesen Dingen; schärften den Buchstaben der Reinigungsgesetze ein — schwiegen dagegen, oder sprachen doch wenig und schwach von Glauben, Liebe, Treue, Redlichkeit, Barmherzigkeit, Keuschheit, Versöhnlichkeit, Wohlthätigkeit, Uneigennützigkeit &c.; und was blieb? Eine schöne Larve ohne Kopf und Geist!
Wir versetzen uns viel zu selten recht lebendig in die Zeit und Lage unseres Herrn, um es tief und ganz zu fühlen, wie erhaben über Vorurtheile, wie rein von Zusätzen, wie neu und unerhört das Evangelium damals war. Darum verliert so mancher Ausspruch sein Anziehendes; es fehlt ihm an Klarheit und Bedeutsamkeit; man weiß ihn nicht zu brauchen. Wie ganz anders wird dieses Alles bei Zeit gemäßer Ansicht! Wer erkennt dieß nicht bei dem Schritte, den Jesus eben jetzt that, indem „er das Volk zusammenrief“ und ihm seine Lehre von Rein und Unrein im grellsten Gegensatze gegen die Lehre der Pharisäer vortrug. Dabei fordert er zum richtigen Verstehen derselben nichts, als unbefangene Anwendung von Aufmerksamkeit und gewöhnlicher Einsicht. „Höret und denket nach! — Wer Ohren hat, zu hören, der höre!“ Dieß ist alles, was er verlangt; es war aber auch nicht mehr nothwendig, um die Wahrheit und Milde seiner Lehre zu erkennen, und das abergläubisch Abgeschmackte und läppisch Uebertriebene der Schriftgelehrten zu finden. Freilich mochte es vielen an offenem, ungebundenem, reinem Sinne für diese schöne Lehre fehlen, und dann konnte sie den heuchlerischen Geist nicht austreiben. Doch ganz fruchtlos blieb gewiß auch dieser Versuch unseres Herrn nicht.
Wundern wird man sich eben auch nicht, daß dieses Verfahren unseres Herrn sowohl als seine Grundsätze den Pharisäern ärgerlich, empörend und gottlos vorkam. Hieß das nicht ihr Ansehen beim Volke zernichten, wenn Jeder selbst entscheiden sollte? Drohte nicht ihrem Lehramte mit dieser Anrede an das Volk der Untergang? Stund nicht ihr ganzes System in der dringendsten Gefahr, wenn diese neue Lehre Eingang fand? Wer war Pharisäer, und mußte nicht so denken? Sie gaben es auch laut genug zu verstehen, wie entsetzlich anstößig ihnen die Begriffe Jesu über Rein und Unrein seien; nur wußten sie nichts Gründliches dagegen beizubringen, und zogen deßwegen voll Unwillen ab, den sie mit frommem Abscheu artig zu maskieren wußten.
Wirklich ließen sich selbst die Jünger täuschen, und ihre bedenkliche Frage an Jesus scheint darauf hinzudeuten, daß sie wenigstens in Zweifel geriethen, ob ihr Lehrer, wenn auch wahr, doch nicht zu stark gesprochen habe. Dieß konnte um so leichter geschehen, da sie selbst den Sinn der Rede Jesu nicht ganz gefaßt und verstanden hatten. Unerwartet genug für sie blieb Jesus fest auf seinem Satze, und erklärte geradezu die Lehre und Handlungsweise der Pharisäer für so verwerflich, daß man sie ohne Schonung widerlegen, aus den Herzen und Augen der Menschen entfernen und gänzlich zernichten müße, weil sie unfehlbar ins Verderben stürze. Dieses strenge Urtheil ist um so merkwürdiger, je liebreicher, nachsichtiger und erbarmender sonst Jesus die Fehler der Menschen ansah und behandelte. Allein gegen Heuchler kannte er keine Milde; diese will er ärgern; ihnen soll seine Lehre ein Todesgeruch sein; ihr Gottesdienst muß gestürzt werden, wenn wahre Religion aufkeimen soll. Faßt man dabei Zeit, Ort, Personen gehörig ins Auge, so spricht sich in Jesus eine Reinheit der Gesinnung, eine Höhe der Frömmigkeit, eine Festigkeit des Geistes aus, welche man nie genug bewundern kann.
Die nähere Erklärung für die Jünger ist eine sichere, unüberwindliche Vormauer gegen Heuchelei für alle Jahrhunderte. Zwei Punkte sind es, auf welche wir unser Augenmerk richten müßen:
1.) „Alles Aeußere, wenn es in den Menschen hineinkommt, kann ihn nicht unrein machen; denn es geht nicht in das Herz, sondern in den Magen.“