2.) „Was aber aus dem Munde herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das verunreiniget den Menschen.“

Ist es möglich, daß auch nur der leiseste Zweifel entstehe über die Fragen: Wann ist der Mensch rein vor Gott? Was macht ihn mißfällig vor Gott? Der Geist des alten Testaments konnte nicht herrlicher gegen den Tod des Buchstabens gerettet und allgemein anwendbar gemacht werden, als auf diese Weise. Die Reinigungsgebräuche sollten kein religiöses Handwerk werden, wodurch man bei Gott etwas auf Rechnung bringen könnte; sondern erinnern, hinweisen sollten sie auf Reinigung des Herzens. Wer diese Sprache nicht versteht; wer von solchen starken Winken die Anwendung auf sich nicht zu machen weiß; was soll dem das neue Testament? Er hat noch nicht einmal das alte erreicht!

Seid auch ihr noch so unverständig?“ So sprach Jesus damals zu seinen Jüngern; was würde er jetzt sagen?? —

XIII.
Jesus auf dem Laubhüttenfeste zu Jerusalem.[14]

Für seine Zeitgenossen — und nur für diese? — war das Leben unseres Erlösers ein wahres, schwer zu lösendes Räthsel. Auf einer Seite war er genau in Beobachtung aller göttlichen Vorschriften über Glauben und Liebe; auf der andern Seite handelte er frei in Bezug auf menschliche, den göttlichen gleich sein sollende, Gesetze: bald war er strenger Israelite, bald schien er unreiner Heide zu sein; jetzt besuchte er ein nicht gebotenes Fest, dann schändete er wieder in vieler Augen den Sabbat; einmal sprach er holdselige, trostreiche, göttlich erhabene Worte, ein anderesmal ärgerte er viele durch unerhörte, schneidende, gegen alle Schullehren verstoßende Vorträge u. s. w. Bei ihm waren dieß freilich keine Widersprüche mit sich selbst; alle diese scheinbar so entgegengesetzte Handlungen waren Ein Erguß eines sich ewig gleichen, unerschütterlichen Charakters, der allen Umständen gebot, und doch auch sich in alle Lagen zu fügen wußte, ohne sich selbst zu verlieren. Freunde und Feinde, Gute und Böse, Starke und Schwache am Geiste, Geradsinnige und Tückische, Zeiten, Orte &c. gaben dem Einen Leben so mannigfaltige Farben. Aber welch’ ein reiner und tiefer Blick gehörte dazu; welche Einfalt und Güte des Herzens wurde erfordert, „sich nicht zu ärgern an dem Sohne des Menschen!“

Wundern kann es uns also nicht, wenn seine Zeitgenossen widersprechende Urtheile über ihn fällten; vielmehr müßte es befremden, wenn dieß nicht geschehen wäre. „Die Einen sagten: Er ist rechtschaffen. Die Andern sprachen: Nein! sondern er verführet das Volk.“ Wer hatte Recht? Unstreitig die Erstern; sie bewiesen ein uneingenommenes Gemüth, einen reinen Willen, der fähig war, auf die Wahrheit aufmerksam zu sein, und Erkenntniß derselben dadurch herbeizuführen. So sahen sie, trotz aller Hindernisse, ungeachtet alles widrigen Anscheines das Gute, das Göttliche in Jesus Lehren und Thaten. Aber die Andern; wie kamen diese zu ihrem Urtheile? Hier zeigten sich unläugbar die Früchte pharisäischer Bearbeitung des Volkes. Die Pharisäer müßten weniger schlau und scharfsinnig in Besorgung ihres eigenen Vortheiles gewesen seyn, wenn sie es nicht frühzeitig hätten merken sollen, in Jesus sei ein Mann aufgetreten, der ihrem Wesen und Treiben ein Ende zu machen drohe; denn er hielt sich in Wort und That so an Gottes Wort, daß ihre selbst erfundenen Lehren, mit denen sie das göttliche Gesetz verunstalteten, in ihrer ganzen Grund- und Werthlosigkeit erschienen. Selbst der gemeine Mann fieng an, dieses einzusehen. Welche Gefahr für das damalige Synedrium, und in demselben natürlich für die Religion der Väter selbst! In solchen Fällen erlaubt sich der gleißende Religionseifer jedes Mittel, um mit dem Scheine der Gottesfurcht seine vortheilhafte Sache zu retten. Reichen Gründe nicht aus — wie es hier der Fall war — so nimmt man zu Lästerungen seine Zuflucht. Daher warfen sie häufig mit Sabbatschänder und Volksverführer um sich, und erreichten so bei manchem Kurzsichtigen ihren Zweck schneller und sicherer, als mit Beweisen, die sie nicht liefern konnten oder mit wahrhaft frommen Thaten, die sie nicht ausüben wollten. Viele im Volke, besonders die Bewohner der Hauptstadt, sprachen den weisen und eifrigen Lehrern nach, und lästerten, „was sie nicht verstunden.“ So leisteten gehässige Namen, mit denen man eine gute Sache brandmarkte, schon damals den Heuchlern treffliche Dienste!!


Wie versteht denn dieser die Schrift, da er sie doch nicht gelernet hat?“ Diese Frage würde unsere ganze Aufmerksamkeit fesseln, wenn wir es nicht zu sehr gewohnt wären, Alles, was die Feinde unseres Herrn sagen und thun, ungereimt und böse zu finden, ohne weiter über den Grund der Sache nachzudenken und in unser eigenes Herz zu blicken. Wir selbst werden an den Pharisäern gar oft auch zu Pharisäern.

Schon mit zwölf Jahren hatte der Sohn des Zimmermannes die Alten in der Tempelschule durch Fragen und Antworten in Verlegenheit und Staunen gesetzt; und später hatte er es niemals nöthig gefunden, zu den Füßen eines Rabbi zu sitzen, um Weisheit zu lernen; und doch war er ihnen in der Blüthe des männlichen Alters an Schriftkenntniß unendlich überlegen. Sie führten den prangenden Titul; Er hatte die wichtige Sache. Daher spricht ihre Frage eben so viel Neid und Verkleinerungssucht als Befremdung und Verwunderung aus. Den meisten Antheil daran hatte aber offenbar ihr gleißender Charakter, vermöge welchem sie es nur nicht begreifen konnten, daß Jesus außer ihrer Schule, ohne ihre Formen, frei von ihren Erblehren die Wahrheit sollte gefunden haben. Es liegt in der Natur des Heuchlers, daß er vor allem fragt, wie, wo, bei wem Jemand etwas gelernet habe, nicht was er wisse, und welche Gründe er dafür gelten mache. Auch in dieser Beziehung wird Aeußeres für Inneres, Form für Sache genommen; wie wichtig ist aber dieß bei Religionswahrheiten!