In der Antwort auf die hämische Frage der Juden bekennet sich Jesus zu einer ganz andern und höhern Schule, als die Tempelschule zu Jerusalem war, welche so häufig als die einzig ächte Quelle der Wahrheit und Weisheit gepriesen wurde. Er hatte seine Lehre unmittelbar von Gott empfangen; kein Wunder, wenn sie von dem menschlichen Machwerke seiner und aller Zeit so himmelweit verschieden war. Dagegen gab er aber auch ein Kennzeichen seiner Lehre an, auf welches die Pharisäer unmöglich verfallen konnten, und welches sie eben so unbrauchbar finden mußten. Um die Wahrheit und Göttlichkeit seiner Lehre zu erproben, forderte er einen praktischen Versuch, und versprach als unfehlbaren Erfolg, die lebendigste und festeste Ueberzeugung. Wie natürlich! Wer den Willen Gottes nach dem Evangelium zu befolgen sich bestrebt, dem erweiset sich diese Lehre in seinem Herzen durch Erfahrung als eine solche, welche das Reich Gottes und mit demselben die ganze Fülle alles Friedens und aller Seligkeit bringt. Wie könnte sich da Jemand noch um künstliche Schlüsse für und wider das Evangelium kümmern; er hat ja schon den Thatbeweis; wozu noch Worte und Zeichen? Diese können doch mehr nicht thun, als ihn von Außen anregen, aufmerksam, geneigt machen, die Probe im Leben zu unternehmen, ohne welche jeder andere Beweis nicht wahrhaft und fest im Innern wurzelt, weil die Erfahrung fehlt.

Aber wie sollten sich die Pharisäer zu einer solchen Prüfung der Lehre Jesu verstehen! Bei ihnen mußte ja der Meister sein Werk loben; von Gott aber heißt es nur: „Die Himmel verkündigen die Ehre Gottes.“ Dieses galt auch von Jesus und von seiner Lehre.

Wahrhaftigkeit und Heuchelei werden daher von unserm Herrn auch noch in einer andern Beziehung einander entgegengesetzt. Die Pharisäer gaben sich alle erdenkliche Mühe, das von Gott gegebene Gesetz mit recht vielen, fein ersonnenen, Geräusch der Frömmigkeit erregenden Zusätzen zu vermehren, die Gebote Gottes und ihre eigenen sorgfältig zu vermengen, aus beiden ein kunstvolles Gewebe oder System zu machen, und so sich den Ruhm der Schriftgelehrtheit zu erwerben. Dieses ganze Unternehmen war offenbar nichts anderes, als ein Bestreben, ihre eigene schlechte Waare unter göttlicher Firma einzuschwärzen in das Reich Gottes, und als Erfinder neuer Wahrheiten zu glänzen, wohl auch guten Gewinn daraus zu ziehen. Sie suchten daher bei ihren Religionsvorträgen nur sich, nicht Wahrheit, noch weniger das Wohl ihrer Mitmenschen, noch weniger Gott und seine Ehre. Wie ganz anders dachte und handelte Jesus, „der Wahrhaftige, in dem kein Unrecht war, weil er nur die Ehre dessen suchte, der ihn gesandt hatte!“

Ist diese Selbstverläugnung bei Verkündigung der Wahrheit und besonders des Wortes Gottes, ist diese Demuth und Bescheidenheit, ist diese Uneigennützigkeit von unserm Erlöser nur den Pharisäern gegenüber geübt und angedrungen worden, oder drang sein allsehender Blick auch in künftige Jahrhunderte? Gab er auch ihnen eine solche Anweisung? Wer zweifelt daran? Und doch — —


Von der Vertheidigung seiner Lehre nahm Jesus natürlichen Anlaß, auch seine Handlungsweise zu rechtfertigen, weil bei ihm Wort und That nie getrennt war. Man hatte ihm bei seiner letzten Anwesenheit zu Jerusalem die Heilung des 38jährigen Kranken als Sabbatsschändung gedeutet, und gesetzlich eifrige Juden wollten ihn schon damals steinigen — um einer Wohlthat willen! Zwar entgieng er ihren Händen, aber nicht ihren Racheplanen; sie brüteten jetzt noch auf Mordanschlägen; und die Frage: „Wo ist er?“ mag in dem Munde manches Eiferers nichts anderes gewesen sein, als ein ungeduldiger Ausbruch des ungesättigten Durstes nach dem Blute des verhaßten Nazareners. Jesus wußte dieß gar wohl; hatten die Pharisäer doch schon in Galiläa, wo Jesus seine meisten Anhänger hatte, bei der Heilung des Lahmhändigen mit den Herodianern Rath gepflogen, wie sie ihn umbringen könnten, da sie ihn nicht mit geistigen Waffen zu besiegen im Stande waren. Um so gefährlicher war diese gleißende Parthei für ihn zu Jerusalem; darum gieng er ganz in der Stille und erst nach dem Beginnen des Festes dahin, damit sein unvermuthetes Erscheinen die Plane seiner Feinde schon größtentheils vereitelte. Sie konnten nämlich keine sichern Anstalten treffen, und als er durch seinen Vortrag alle Zuhörer in Erstaunen setzte, war für sie der günstige Augenblick verloren, aber für ihn war die Stunde gekommen, wo er die gute Stimmung der Zuhörer benützen und eine für seine Würde wie für sein Leben höchst nachtheilige Beschuldigung widerlegen konnte. Welche Klugheit und Vorsicht! — Aber mit Taubeneinfalt, nicht mit pharisäischer Schlangenlist gepaart!

Wie vertheidigte sich nun Jesus? So, daß er seine Feinde mit ihren eigenen Waffen schlug; denn es kostete wenig Mühe, ihnen Widersprüche ihres eigenen Betragens mit ihrem Urtheile über die Heilung des Kranken augenscheinlich zu zeigen. Moses hatte ihnen das strengste Gebot gegeben, den Sabbat zu heiligen; sie rühmten sich dessen und der pünktlichen Erfüllung dieses Gesetzes; und doch verrichteten sie die Beschneidung — eine mühsame und schmerzhafte Operation, also eine Arbeit am Sabbate, weil ein anderes Gebot diese Ceremonie auf den achten Tag nach der Geburt unerläßlich festsetzte. War hier das Gesetz oder die Menschen mit sich selbst im Widerspruch? Keines von beiden; sondern da die Beschneidung schon von Abraham eingeführt war, so mußte der später eingesetzte Sabbat der ältern göttlichen Verordnung weichen; und man glaubte sich keine Verletzung seiner Feier zu Schulden kommen zu lassen, wenn man nach Gottes Vorschrift die Beschneidung vornahm. Wer findet dieß nicht natürlich? Ist es aber nicht höchst widernatürlich, wenn man nun bei Beurtheilung der Thaten Jesu die Pharisäer gerade den entgegengesetzten Weg einschlagen sieht? Kann man in diesem Zuge die doppelsinnige Gleißnerei verkennen? Wie Gott alle Tage den Menschen Gutes thut, so machte es Jesus auch am Sabbate; er heilte Kranke, die sich ihm eben anboten. Die Pharisäer nannten ihn deßwegen einen Sabbatschänder, und wollten ihn ermorden. War etwa Gottes eigenes Beispiel noch kein gültiger Grund? Lag nicht die reinste und erhabenste Idee des menschlichen Lebens darin? War es nicht die älteste und höchste Vorschrift, Gutes zu thun wie Gott? Mußte also der Sabbat hier nicht noch mehr zurückstehen, als bei der Beschneidung?

Was wollten, was konnten die Feinde Jesu gegen diese Beweisführung sagen? Sie verstummten, von ihrem Gewissen zwar unsichtbar, aber desto unwiderstehlicher geschlagen. Um so nachdrücklicher wirkte dann ein anderer Vertheidigungsgrund, vermöge welchem Jesus seiner Heilung einen unbestreitbaren Vorzug vor der Beschneidung beilegte. Diese bezog sich nur auf einen Theil des Menschen, und machte ihn auch nur in so ferne und wegen dieses Zeichens fähig, an den Wohlthaten des Volkes Gottes Theil zu nehmen; aber die Heilung am Sabbate stellte den ganzen Menschen wieder her zum frohen Genusse der Rechte eines Kindes Gottes. Welch’ ein Uebergewicht fällt bei dieser Vergleichung auf die Seite unseres Herrn? Wie wollten seine Feinde jetzt den Schluß entkräften: also durfte ich ohne Sünde am Sabbate heilen? Hätten sie nicht selbst und laut diesen Schluß ziehen und die That Jesu loben sollen, wenn sie aufrichtig vor Gott gewesen wären? So aber fanden sie das an Jesus todeswürdig, was sie sich selbst zum Verdienste vor Gott anrechneten!

Wie voll tiefen Sinnes müssen uns jetzt die Worte sein: „Urtheilet nicht nach dem äußern Ansehen; sondern fället ein gerechtes Urtheil!“ Wahrheitsliebend, rücksichtslos, unpartheiisch, rein von Eigenliebe, frei von Vorurtheil, abgewandt vom Scheine, auf die Sache gerichtet soll das Auge unseres Geistes sein, wenn wir Reden und Thaten Anderer beurtheilen, besonders in religiöser Beziehung. Prüfen wir uns selbst, und zwar genau! — — — Oder wollen wir noch nach 18 Jahrhunderten die Parabel vom Splitter und Balken in und an uns selbst wiederholen??