Lehrreich im hohen Grade ist es immer, so oft die Zeitgenossen unseres Herrn über die Erwartung des Messias ihre Meinung abgeben. Da zeigt es sich recht klar, welchen schädlichen Einfluß die verkehrten Lehren der Pharisäer auf die Auslegung der eben so einfachen als erhabenen Weissagungen der Propheten hatten. Anstatt die auf den Messias Bezug habenden Stellen zusammenzutragen, mit Sorgfalt, Umsicht und Ehrfurcht zu vergleichen, und daraus das Bild des Sohnes David’s und seines Reiches zu entwerfen, giengen sie mit vorgefaßten Meinungen an dieses wichtige Unternehmen, und suchten diese aus der heiligen Schrift zu bestätigen. Schielende, halb wahre, auf selbst ersonnene Ansichten sich stützende Schullehren, der damaligen unangenehmen politischen Lage nachgebildete Ansichten, eitle Wünsche ihres verdorbenen Herzens — dieß waren die Grundlagen dessen, was sie vom Messias lehrten, und mit Schriftstellen, wie mit Purpurlappen, umhängt, dem Volke als einzige und ewige Wahrheit anpriesen und einprägten. Je sinnlicher, dem Eigennutzen und Nationalstolze schmeichelnder diese Lehre war, desto lieber hörte man sie, desto mehr Eingang in Kopf und Herz fand sie, weil der eigene innere Zustand vollkommen damit harmonirte. Unerträglich aber, irrig, ärgerlich und gefährlich schien die Art und Weise, wie Johannes und Jesus die Lehre vom Messias behandelten. Welch’ ein Gegenstoß zwischen Gott und den Menschen in ihren Ansichten! Allein reine Wahrheit und gleißende Lüge können unmöglich anders sich verhalten.

Wenn man nun Einwohner von Jerusalem, bei denen sich solche Vorurtheile aus sehr begreiflichen Ursachen am meisten festsetzten, so sprechen hört: „Von diesem wissen wir, woher er ist; wenn aber Christus kommt, weiß Niemand, woher er ist;“ zu welchen Betrachtungen wird man da nicht veranlasset? Wer erkennt nicht auf den ersten Blick das menschliche Machwerk dieser Lehre? Wo hatten die Propheten so ins Blaue hineingesprochen? Freilich gaben sie Fingerzeige auf eine mehr als irdische Abkunft und Größe des Messias; aber nicht auf eine solche vieldeutige Art. —


Simon, als er das Kind Jesus in seinen Armen hielt, hatte weissagend gesprochen: „Dieser ist gesetzt zum Zeichen, dem widersprochen wird“ — „damit die Gedanken vieler Herzen offenbar werden.“ Man vergleiche mit diesen Worten des von Gott begeisterten Greisen die Erzählung des Evangelisten: „Viele aus dem Volke glaubten an ihn, und sprachen: Christus, wenn er kommt, kann er wohl mehr Zeichen thun, als dieser gethan hat? Die Pharisäer hörten, daß das Volk dieses von ihm murmele; da schickten die Pharisäer und Hohenpriester Gerichtsdiener ab, daß sie ihn ergreifen sollten.“ War es möglich, den Widerspruch gegen Jesus und gegen sich selbst weiter zu treiben? Ein Theil des Volkes, welcher noch am Geiste nicht verkrüppelt und im Herzen von Heuchelei nicht angesteckt war, verehrte in Jesus nicht nur den Propheten, sondern den Messias selbst, weil er mit göttlicher Lehre göttliche Thaten verband. Allein eben darin erkannten die Vorsteher und Führer der Nation einen Grund, ihn zum Tode zu bringen, als Betrüger und Volksverführer. Wer von beiden hatte nun den Balken im Auge? Die Pharisäer konnten das Sonnenlicht der Wahrheit und Liebe, welches von dem Sohne Gottes segenreich sich über Israel verbreitete, nicht ertragen, weil es den düstern Kerzentag ihrer irdischen Weisheit überstralte. Sie selbst glaubten die Sonne zu sein, um welche sich Erde, Mond und Sterne in demüthiger Entfernung bewegen sollten. Neid, Furcht und Erbitterung mußten daher den höchsten Grad erreichen, als sie sahen und hörten, daß viele Menschen bereits anders dachten, und den Zimmermannssohn über ihre alten, verordneten Lehrer erhoben. Wie hätten sie sich da anders helfen können, als mit Gefangenschaft und Tod des gefährlichen Mannes? Wenn er den Augen des Volkes entrissen ist, dachten sie, wird er bald vergessen sein, und unser Ansehen wird sich dann von neuem befestigen.

Als aber der Anschlag mißlang; als die Gerichtsdiener mit leeren Händen zurückkamen; als sie sich mit der unwiderstehlichen Kraft der Wahrheit, die von seinem Munde floß, entschuldigten; wie scheußlich öffnete sich da der böse Schatz ihres tückischen Herzens? Was sprachen sie aus der Fülle desselben? — „Habt auch ihr euch verführen lassen? Glaubt auch Jemand von den Vorstehern oder von den Pharisäern an ihn? Sondern dieser Pöbel da, der das Gesetz nicht kennt — — verflucht sind sie!“ — Entsetzliche Worte! Eine solche Sprache führen die Richter Israels, da sie Lehren und Thaten eines göttlichen Mannes nach Wahrheit unpartheiisch prüfen sollten?! Solche wilde Ausbrüche der niedrigsten Leidenschaft erlauben sich die Meister Israels, die vor den Augen des Volkes als Muster der Einsicht, Frömmigkeit und Heiligkeit glänzten und schimmerten?! Weil Jesus ihren Ansichten, ihren Erwartungen, ihren Wünschen nicht entsprach; weil er sein Ansehen nicht von ihnen borgte; weil er anders lehrte und handelte, als sie es wollten: so wird er nur geradezu für einen „Verführer“ erklärt, mochte auch das innigste Wahrheitsgefühl und der ganze Himmel göttlicher Kräfte für ihn zeugen. Wer kann das Maaß des Stolzes und der Herrschsucht bestimmen, welche aus der Anmaßung sprechen, daß das Volk nicht anders glauben dürfe, als die „Vorsteher und Pharisäer?“ Welch’ ein Gewissenszwang! Welch’ ein eisernes Joch! Nicht Wahrheit der Lehre, nicht Göttlichkeit des Lebens und der Wunder, nicht unwiderstehliche Ueberzeugungsfülle des Kopfes und Herzens redlicher Menschen — Nichts von allem — ihr Ansehen, ihr Wille, ihre Meinung entschied, obgleich sie beinahe die leibhaftige Lüge selbst waren. Wem schaudert nicht? — —

Armes, unglückliches Volk! du mußt dir deine Unwissenheit im Gesetze zum Vorwurfe machen lassen; und von wem? Von denen, welche sich deine Hirten, Führer und Lehrer nannten; von denen, welche vor deinen Augen und Ohren mit ihrer Schrift- und Schulgelehrtheit sich breit machten, und dir von ihrer, wie sie behaupteten, reich besetzten Tafel geistiger Gerichte so wenig zukommen ließen, als jener reiche Mann dem armen Lazarus. Welch’ ein Grad von Bosheit und Heuchelei gehörte dazu, es dir für ein Verbrechen anzurechnen, wenn du hungerig und durstig anderswo Sättigung fandest — und zwar „Brod aus dem Himmel“ und lebendiges „Wasser“ — bei Jesus von Nazareth?! Aber eben deßwegen trifft dich der Fluch deiner Lehrer und Vorsteher, weil du nicht länger ihre unverdaulichen Speisen verschlingen oder gar darben wolltest. Welche tiefe, herzzerreißende Wahrheit liegt in den Worten des Evangelisten[15]: „Jesus ward innigst gerührt über sie; denn sie waren verschmachtet und zerstreuet, wie Schaafe, die keinen Hirten haben!“

Nikodemus, der sonst so schüchtern war, konnte den empörenden Auftritt nicht mehr aushalten; das lebendige Gefühl für Wahrheit und Recht, welches ihn beseelte, gab ihm Muth, die hohe Versammlung auf ihre übereilte Hitze und Partheilichkeit aufmerksam zu machen. Wahrlich ein Licht am finstern Orte, dessen reiner Strahl für das Geistesauge um so lieblicher und willkommener ist, je tiefer und stürmischer die Nacht der Leidenschaften den Zuschauer umhüllt! Allein sein edler Sinn, sein besonnenes Wort, seine schonende, kluge Warnung macht nur die Verkehrtheit der Andern noch bemerklicher. Nicht nur richtete Nikodemus nichts aus; er selbst wurde mit dem brandmarkenden Sektennamen des „Galiläers“ belegt, und wie sie wähnten, widerlegt. Zuletzt schloß sich die Scene, wie sie eröffnet worden war — mit Scheingründen, welche der bitterste Haß angab: „Aus Galiläa ist noch kein Prophet aufgestanden“ — also wird keiner auferstehen; also kann Jesus kein Prophet sein! Eine Schlußart, die solcher Meister im Heucheln und Verfolgen würdig ist!

War denn Jesus ein geborner Galiläer? Hielt es gar so schwer, der Wahrheit durch Nachfrage auf die Spur zu kommen? Oder ließ es die schriftgelehrte Erbitterung und der beleidigte Stolz nicht zu? Auf jeden Fall bleibt es merkwürdig, wie Gott auch diesen Umstand der verkannten Geburt seines Sohnes zur Probe der reinen Wahrheitsliebe, die nicht an Zeit und Ort hängt, machte, und zur Erreichung seines göttlichen Planes benützte.

„Und ein Jeder gieng in sein Haus.“ Lassen wir uns dieses sein Symbol geistiger Einkehr bei und in uns selbst sein, um über diese wichtigen Vorfälle vor Gott nachzudenken — um unser selbst willen!