XIV.
Die Pharisäer und die Ehebrecherin vor Jesus.[16]
Was der heilige Sänger von der Sonne mit frohem Jubel ausspricht: „Sie stralt hervor, wie ein Bräutigam aus seinem Zimmer, und freudig, wie ein Held, durchläuft sie ihre Bahn;“ dasselbe gilt in einem noch viel höhern Sinne von Jesus, bei der rastlosen Vollendung seines Erlösungswerkes. Jeden Morgen gieng er mit unerschöpfter Kraft, mit nie zu ermüdender Beharrlichkeit, mit dem heitersten Eifer an seinen Beruf, den Menschenkindern den „Willen seines Vaters bekannt zu machen“ „und Gutes zu thun.“ So fand er sich auch an dem Tage nach dem Laubhüttenfeste mit Tagesanbruch im Tempel ein; denn sehr wahrscheinlich hielten sich noch viele Festpilgrimme zu Jerusalem auf, und traten erst an diesem oder dem folgenden Tage ihre Rückreise an. Diesen wollte er noch durch Lehren eine göttliche Wohlthat erweisen. Sonst war es eben nicht seine Gewohnheit, lange in der Hauptstadt zu verweilen.
Aber auch seine Feinde schliefen und schlummerten nicht. Jesus konnte kaum thätiger auf Menschenwohl bedacht sein, als sie auf seinen Untergang. Heute waren die Pharisäer schon sehr frühe daran, ihn endlich einmal in ihr Todesnetz zu verstricken. Daß es nicht gelang, war gewiß nicht ihre Schuld; sie thaten alles, was teuflische List und Bosheit im Gewande des Gesetzeseifers vermochte.
Eine Frau wurde auf frischer That als Ehebrecherin ertappet. Die Pharisäer liessen sie sogleich ergreifen, und führten sie nicht vor den Richter, sondern zu Jesus; denn blitzschnell hatten sie in ihr ein Mittel entdeckt, unserm Herrn eine Falle zu legen, die beinahe unvermeidlich und doch so trefflich verkleidet war, daß Niemand, der nicht tiefer sah, daran das Werk der niederträchtigsten Leidenschaft erkennen konnte.
Moses hatte auf den Ehebruch den Tod durch Steinigung als Strafe gesetzt. Dieß galt auch noch zu den Zeiten Jesu; nur durften die Richter die Todesstrafe nicht mehr vollziehen, ohne die Genehmigung des römischen Landpflegers, weil der Kaiser sich als Landesherrn betrachtete. Hätte nun Jesus den Ausspruch gethan, sie sollten nur ohne weitere Umstände die im Gesetze bestimmte Strafe vollziehen, so wären sie zu Pilatus gelaufen, und hätten ihn als Empörer gegen des Kaisers Gebot angeklagt, während sie dieselbe Erklärung an jedem Andern als ächten Patriotismus, als heiligen Eifer für Gottes Gesetz, als gerechte Verachtung der heidnischen Herrschaft über das Volk Gottes gerühmt und sich eines solchen Helden gefreuet haben würden. Die Geschichte bestätiget dieß auf mehr als Einem Blatte. Gemäß der bekannten Strenge in sittlicher Hinsicht hatten sie auch wahrscheinlich keine andere Entscheidung von Jesus erwartet. Wurden sie aber auch in dieser schönen Hoffnung getäuschet, so stund ihnen doch noch ein Weg der Verfolgung gegen den Galiläer offen. Hätte nämlich Jesus sich dahin geäußert, daß sie die Ehebrecherin zwar steinigen, aber zuvor die Bestätigung des Pilatus einholen sollten, so würden sie ihn unter dem Volke als einen von dem väterlichen Glauben und Gesetze Abtrünnigen, als einen Freund und Beschützer aller Sünder und Aergernisse, als einen Schmeichler und Partheigänger der Römer verschrieen haben. Wie fein war also nicht das Netz gestellt!
Betrachtet man aber die Sache von einer andern Seite; wie viel Schein des Guten hatten die Pharisäer für sich? Verdiente nicht vor allem ihre Wachsamkeit gebührendes Lob, durch welche es ihnen gelungen war, diese schändliche That zu entdecken? Gaben sie dem Volke nicht einen sprechenden Beweis, daß sie seinen Lieblingslehrer selbst hochschätzen, da sie ihm einen so wichtigen Fall zur Entscheidung vorlegten? Legten sie nicht Eifer, Muth und Beharrlichkeit an den Tag, dadurch daß sie Moses Gesetz selbst in den Tagen der Unterdrückung aufrecht zu erhalten strebten? Wer kann zweifeln, daß sie nicht auch das Aeußere — Worte, Mienen, Stellung — so abgemessen und einstudirt hatten, daß nicht so leicht Jemand ihre Tücke ahnen konnte?
„Jesus aber bückte sich nieder, und schrieb auf die Erde.“ — Ein Zeichen der Unaufmerksamkeit auf ihre vorgelegte Frage, wodurch er zu verstehen gab, daß er weder von dieser Sache etwas wissen, noch sie entlarven und beschämen wollte. Allein sie verstunden ihn nicht, und mochten dieses sonderbare Benehmen für Unentschlossenheit und Verlegenheit halten; um so mehr fühlten sie sich in ihrer geheimen Freude aufgemuntert, auf eine entscheidende Antwort zu dringen. Diese ward ihnen: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe zuerst den Stein auf sie!“ — Das traf, wie ein Blitz vom heitern Himmel. Betäubt, stumm und starr vor Schrecken, Schaam und Zorn stunden jetzt die Musterbilder der Heiligkeit da; ihre geheime Schande lag vor Aller Augen enthüllet; aufgedecket war die tückische Bosheit bei Vorlegung der Frage; entschieden hatte Jesus, daß sie nicht die Sünderin strafen, sondern ihm eine Falle legen wollten; darum zeigt er, daß sie im gleichen Falle mit der Ehebrecherin seien; daß sie zuerst sich selbst steinigen müßten. Wider alle Erwartung und Wünsche drang ihnen Jesus dieses Mal einen Beweis seiner göttlichen Sendung auf, der nun so unwiderleglicher war, da er in ihrem Gewissen einen lauten, unabweislichen, unfehlbaren Zeugen fand. Es war nicht nöthig, ihre Sünden auf den Boden zu schreiben[17]; sie waren mit unauslöschlichen Zügen in die Tafel ihres Herzens gegraben; und da ließ sie Jesus lesen, was sie nicht wollten, und was Niemand wissen konnte, als der Herzenskenner. Läugnen und widersprechen gieng bei aller sonstigen Dreistigkeit nicht an; sie waren zu gut getroffen, zu tief verwundet; sie schlichen sich Einer nach dem Andern davon — und hinterließen den Heuchlern aller Zeiten ein warnendes Beispiel, was sie von dem, der „die Wahrheit ist“, und der „Herz und Nieren prüfet“, zu erwarten haben, wenn sie auch ihre schwachen Brüder — die Menschen täuschen.
XV.
Die Pharisäer untersuchen gerichtlich die wunderbare Heilung des Blindgebornen.[18]
Licht und Finsterniß, Wahrheit und Lüge treten dießmal in einem wunderbaren Kampfe auf; kaum läßt uns eine andere Begebenheit des Evangeliums tiefer und deutlicher in das Labyrinth heuchlerischer Verblendung und Verkehrtheit blicken; aber kaum zeigt uns auch eine Geschichte der Zeit Jesu auffallender die unbesiegbare Kraft der reinen Liebe zur Wahrheit. Daher muß jeder Zug dieses herrlichen Gemähldes unsere ganze Aufmerksamkeit fesseln.
„Wer hat gesündiget? Dieser oder seine Aeltern, daß er blind geboren wurde?“ Welche Frage? Wer hätte sie von den Jüngern unseres Herrn erwartet? Es war noch pharisäischer Sauerteig, der in ihrem Herzen gährte; in der Synagoge war er hineingelegt worden. So licht- und lieblos konnten nur Pharisäer urtheilen; sie lehrten, daß alles Uebel von besonderer Art wohlverdiente Strafe früher begangener Sünden sei; ja, daß an Kindern die Vergehungen der Aeltern bestraft würden; noch mehr, daß Jemand schon vor seiner Geburt, in einem frühern Lebenszustande, könne gesündiget haben, und jetzt dafür leiden müße. Damit war nun der Gewissensrichterei ein weites Thor geöffnet; das gemeine Volk lernte diese empörende Sprache nur zu bald führen, weil sie den kürzesten Aufschluß in jedem Falle gab. Ueber der Heuchellehre anmaßender Selbsterfinder vergaß man Gottes Wort, welches laut bezeugte, daß Hiob, Joseph, David, Jeremias, viele Andere, gelitten hatten — nicht, weil sie in jedem Falle Sünder waren, sondern weil Gott sie liebte und prüfte. Unter dem Lärm gelehrter Schreier verscholl fruchtlos die Stimme Ezechiels, durch welchen Jehova gesprochen hatte[19]: „Die Seele, welche sündiget, soll sterben. Der Sohn soll nicht tragen die Missethat des Vaters.“ War es nicht gerechte Strafe von Gott, wenn er solche „blinde Führer“ in die Irre gehen ließ, daß sie eher eine Art heidnischer Seelenwanderung zur Erklärung des Uebels zu Hülfe nahmen, als Belehrung aus ihres Gottes Wort und That schöpften?