In himmlischer Verklärung trit auch hier das Evangelium mit seinem reinen Gottesglauben der doppelherzigen Heuchelei gegenüber. „Weder dieser hat gesündiget, noch seine Aeltern; sondern Gottes Werke sollten an ihm offenbar werden.“ Freilich eine ganz andere Auflösung des Knotens, als die pharisäische! Gott ließ diesen Mann blind geboren werden, damit er durch die Heilung desselben mittelst seines Sohnes verherrlichet würde. Der Vater im Himmel behandelt seine Kinder nicht nach dem erträumten Strafcodex sauertöpfischer Heuchler, sondern er leitet sie in unendlicher Liebe zu seines Namens Ehre. Wenn anders die Worte unsers Erlösers zu unserer Belehrung und Anweisung gesprochen sind: so dürfen wir es als unbezweifelten Grundsatz der göttlichen Regierung auch heute noch annehmen, daß Unglückliche in der Welt sind, damit der Sohn des Vaters Werke — Erbarmung, Rettung, Liebe — an ihnen mit göttlicher Macht und Weisheit thue, und damit die, welche dem Sohne angehören, in ihrem Kreise und nach ihren Kräften deßgleichen thun. Welch’ ein Trost für den Elenden! Welch’ eine Aufmunterung für den Glücklichen! Welch’ eine Schande für den Heuchler! —
Diese Schande muß bis zum Erblassen und Erstarren, so wie jener Trost bis zum Frohlocken und Jubel steigen, wenn man den Sohn Gottes sein Werk Gottes am Sabbate schon zum voraus rechtfertigen höret. Die Aufträge der Liebe seines Vaters gegen seine Kinder gestatten keinen Sabbat, sondern müßen an jedem Tage, zu jeder Stunde, wo es seyn kann, vollzogen werden. Die Sonne erquicket und erfreuet nach ihres Schöpfers Willen alle Tage die ganze Natur; so handelt auch Jesus, die Sonne der Gerechtigkeit für die Geisterwelt. Es wäre Entheiligung seiner Bestimmung auf Erden, wenn er im pharisäischen Sinne Sabbatsruhe halten, frömmelnde Gebete sprechen, und die Unglücklichen schmachten lassen würde. — — Haben nicht auch die Menschen Werke Gottes in Liebe jeder in seinem Kreise zu verrichten? Sind nicht alle zu Lichtern der Welt berufen? Sollen, dürfen sie da ausruhen vom Gutesthun? Dürfen sie der Welt je ihr Licht entziehen? Heuchler! könnet ihr es vergessen, daß „eine Nacht kommt, wo Niemand wirken kann?“ — —
Der Blindgeborne wandelt ohne Führer frohlockend durch die Straßen Jerusalems. Viele Menschen bemerken ihn, staunen, zweifeln, lassen sich die Wahrheit seines Sehens von ihm selbst bestätigen — und gerathen in wilden Eifer, als sie hören, daß und wie ihn Jesus am Sabbate sehend gemacht habe. „Wo ist der —?“ fragten die pharisäisch gesinnten Frommen mit drohender Gebehrde, die zu verstehen gab, daß er von ihnen nichts geringeres als Steinwürfe für diese Wohlthat zu erwarten habe. Steinwürfe als Belohnung eines Wunders? — Warum denn nicht? Welche Feier des Sabbates war wohl solcher Leute würdiger, als die durch tumultuarischen Menschenmord zur Ehre ihres entstellten und verkannten Gesetzes? Kinder des Vaters der Lüge und des Mordes — dafür hatte sie die ewige Wahrheit selbst erklärt — prahlten sie mit den prunkenden Tituln: „Kinder Abrahams, Kinder Gottes“, und verleugneten diesen und jenen im Leben durch Wort und That. Hatten sie doch kurz zuvor an eben diesem Sabbate Jesus im Tempel steinigen wollen, weil er sich für den ewigen Sohn Gottes etwas räthselhaft erklärt. Kaum entgieng er ihren gesetzeseifrigen Händen[20]. Jetzt sollte er nicht mehr entkommen, weil er himmlische Wahrheit der Lehre noch durch eine wunderbare Wohlthat zu besiegeln und zu verstärken sich erkühnte. Welche tiefe Bedeutung erhält nun ihre Frage: „Wo ist der —?“
Leidenschaft macht blind; Einseitigkeit religiöser Ansichten mit unerleuchtetem Eifer erzeugt Ungerechtigkeit, die man für Gottesdienst hält. Einen Beleg dazu liefert das, was jetzt mit dem Blindgebornen erfolgte. Da er nicht angeben konnte, wo Jesus sei, so nahmen die Fragesteller dieses für bösen Willen und für geheimes Einverständniß mit dem verhaßten Lehrer; sie fanden daher ihn wegen seiner Anhänglichkeit an Jesus eben so schuldig, als diesen selbst, und führten ihn vor ein Gericht schriftgelehrter Pharisäer, um Untersuchung wegen Sabbatsverletzung über ihn zu veranlassen. Sollten sie für diesen kräftigen Beweis ihrer Anhänglichkeit an das Gesetz so ganz ohne wortreiche Lob- und Segenssprüche entlassen worden sein? — —
Der arme Blindgeborne! Kaum hat er durch ein Wunder das Tageslicht erblickt; kaum der schönen Welt seines Gottes einige Augenblicke sich gefreuet; noch ist sein gutes Herz trunken von Jubeldank und Liebe; noch haben seine Augen den Retter nicht gesehen — und schon wird er angefeindet, verfolgt, vor Gericht gezogen um Jesus willen! Noch vor wenigen Stunden hatte ihn wohl mancher Pharisäer als einen wegen seiner Sünden von Gott Geplagten verachtet; jetzt wird er eben von solchen Menschen des größten Verbrechens beschuldiget, weil Gott ihm durch Jesus geholfen hat! Welche Gefühle und Gedanken fliegen in ihm auf, als er das erstemal eine Versammlung von Menschen, und in ihnen bereits seine Feinde erblickte? Doch ein edles Gemüth, innig und lebendig von Wahrheit und Liebe ergriffen, findet sich überall zu recht. Einfach und bescheiden, aber auch bestimmt und fest beantwortet er die erste Frage über seine Heilung.
Wie der Blitz in einer grauenvollen Gewitternacht die Gegend in ein klares, aber zu plötzliches und schauerliches Licht versetzt: so wirkte der Geradsinn und die Wahrheit in der Antwort dieses Mannes auf die düstern Herzen der Heuchler. In einem Nu verwandelt sich die Scene; nicht mehr der Sabbat und seine Heiligkeit, noch weniger der Blindgeborne und das an ihm geschehene Wunder, sondern Jesus einzig und allein ist jetzt der Gegenstand, der ihren Geist und ihr Gemüth fesselt; entschieden, obwohl unbewußt, trit es hervor, das nicht die Sache, sondern seine Person in Untersuchung kommen soll; der böse Schatz des Herzens thut sich auf: „Dieser Mensch ist nicht von Gott, weil er den Sabbat nicht hält.“ Jesus hat Erde mit Speichel gemischet, die Augen des Blinden damit bestrichen, diesem noch einen weiten Gang und eine Waschung aufgebürdet — also hat er gearbeitet und Arbeit befohlen; also den Sabbat geschändet; folglich ist er ein Sünder, mithin kein göttlicher Gesandte! Eine treffliche Schlußreihe! Zuerst macht man eine beliebige Auslegung der Heil. Schrift zur Grundlage; dann zieht man eben so willkürliche Schlüsse aus entstellten Thatsachen, schmiedet diese mit Schriftworten zusammen, und verurtheilt den Heiligsten und Gerechtesten als den größten Verbrecher und Betrüger! Das von Neid, Haß und geistiger Herrschsucht kranke Auge schielt weg über die Kraft Gottes auf Umstände und Nebendinge, ärgert sich ohne Grund der Wahrheit an diesen, und verabscheuet die That und den Mann, weil dieser sich keine von Menschen erfundene Form aufzwängen läßt, sondern ein natürliches Gewächs in Gottes Garten sein will.
Doch nicht Allen gefiel dieses Urtheil. Bei Manchen regten sich Bedenklichkeiten und Zweifel an der Wahrheit desselben. Es klang ihnen gar zu sonderbar, das Wunder als wirklich geschehen dahingestellt sein zu lassen, und den Urheber einer göttlichen That für einen gottlosen Menschen zu erklären. Die Sprache leidenschaftlicher Uebereilung war hier zu kennbar. Sie machten daher auf das Unzusammenhängende und Widersprechende aufmerksam. Dieß hatte eine Theilung der Meinungen zur Folge, welche die Versammlung zu einem höchst sonderbaren Schritte verleitete. Der Blindgeborne sollte sein Urtheil über Jesus abgeben, und sich darüber aussprechen, daß Jesus diese Heilung eben am Sabbate vorgenommen habe. Die brennende Begierde unsern Herrn auf irgend eine Weise in eine Schuld zu verwickeln, ließ die guten Männer ihren gelehrten Stolz, ihre richterliche Würde und ihre erkünstelte Rechtschaffenheit auf einige Augenblicke so ganz vergessen, daß sie von einem gemeinen Manne Belehrung über eine so wichtige Sache, von einem Angeklagten ein Urtheil, von einem wunderbar Geheilten Undank gegen seinen Retter erwarteten. Dieß thaten die frommen Lehrer Israels — am Sabbate!! Wie mußten sie sich im Stillen schämen, als der biedersinnige Mann mit edler Haltung sprach: „Er ist ein Prophet?“ Als er darauf unbeweglich bestund, Jesus habe ein Wunder an ihm verrichtet, also den Sabbat nicht verletzet, also nicht gesündiget; folglich habe Gott ihn gesandt? Da lag ihre schlaue Sophistik, durch das reine Wahrheitsgefühl und durch die innige, dankbare Liebe zu der Wahrheit und zu ihrem Urheber von einem blind gewesenen Bettler besiegt, schimpflich am Boden.
„Nun glaubten die Juden nicht, daß er blind gewesen und sehend geworden war.“ Ein seltsamer Sprung! Nachdem sie mit ihren hochfahrenden Urtheilen, mit scheinheiligen Verdrehungen und Verläumdungen, selbst mit aller Niederträchtigkeit an der redlichen Standhaftigkeit des Geheilten gescheitert waren, verwandelten sie sich plötzlich in scharfsinnige Zweifler; jetzt erst fanden sie für nothwendig, sich zu erkundigen, ob dieser Mensch auch wirklich blind geboren, ob nicht das Ganze ein feiner Betrug sei. Anfangs war ihnen die That willkommen, weil sie hofften, auf irgend eine Weise dieselbe zur Sabbatschändung zu stempeln; als dieses nicht angieng, läugneten sie das Wunder. So wechselt das heuchlerische Chamäleon alle Farben!
Die Aeltern des Blindgebornen wurden gerufen; der Sohn mußte abtreten; jene kamen in die Versammlung, wurden gefragt, bestätigten vor Gericht die Thatsache, daß dieser ihr Sohn blind geboren sei. Mehr wollten sie nicht wissen. Gar erbaulich ist der Grund, welchen Johannes für diese geflissentliche Unwahrheit angiebt — Furcht vor dem Kirchenbanne. Das Synedrium hatte nämlich einen Beschluß bekannt gemacht, daß Jeder, welcher Jesus für den Messias bekennen würde, von der Synagoge ausgeschlossen werden sollte. Mit Recht fürchteten daher diese gemeinen Leute die Auslegungskunst dieser gelehrten Herren; denn wie leicht war es, jede Sylbe die sie zu seiner Gunst auch nur zu sprechen schienen, dahin zu deuten, daß sie dem Nazarener von Herzen zugethan, ihn äußerlich wenigstens für einen Propheten, innerlich aber Zweifels ohne für den Messias hielten, also in den Bann verfallen seien? Schelmisches Lächeln würde die Lippen des Schriftgelehrten unausstehlich verzogen haben, wenn es ihm gelungen wäre, an dem sichtbar mit Bedacht zweideutig abgefaßten Beschlusse ein solches Pröbchen seiner Kunst zu geben. Fein und listig bleibt die Wendung alle Mal, daß sie bloß verboten, „ihn für den Messias zu erkennen.“ Daß er seine Lehren mit Wundern bestätigte, folglich ein Prophet sei, war zu offenkundig, als daß sie es läugnen durften; daß er für den Messias gehalten sein wolle, davon glaubten sie viele Spuren entdeckt zu haben; endlich hatten sie schon öfter bemerkt, wie geneigt die erstaunten und begeisterten Schaaren seien, ihm diese höchste Würde beizulegen. Es blieb also keine bessere Auskunft übrig, als bei harter Strafe einen solchen entscheidenden Schritt jedem Einzelnen zu verbieten, und sich die Hinterthür offen zu lassen, entweder diese Entscheidung selbst zu geben, wenn ihre Erwartungen vom Messias an ihm in Erfüllung giengen, oder seinen und des Volkes Plan wo möglich zu vereiteln. Im ersten Falle hätte man ihre weise Vorsicht — eigentlich schön verkleidete Gewissensherrschaft, loben müßen; im zweiten wollten sie jeden Widerspenstigen ihren starken Arm fühlen lassen, d. h. Gott widerstreiten. Die Schlauen wurden aber in ihrer eigenen List gefangen; und dieß ist vom Herrn geschehen!!