Das Verhör mit den Aeltern war eben so fruchtlos, wie das mit dem Sohne. Bei diesem konnten die Pharisäer ihr verläumderisches, voreiliges Urtheil nicht durchsetzen, weil sie selbst nicht einig waren; bei jenem fanden sie eine Bestätigung, statt einer Widerlegung des Wunders. Wenn ein Sterblicher in dieser Stunde das Innere dieser Unglücklichen hätte durchschauen können, wie würde er sich entsetzt haben über dem wilden, ungestümmen, greulichen Kampfe des in den Banden der Sophistik schmachtenden Wahrheitsgefühles und des mit Gewalt unterdrückten Gewissens mit der in Schlangenkrümmungen sich windenden Heuchelei und mit zügellosem Hasse, Neide und Stolze? und doch war der letzte Auftritt noch nicht erfolgt; noch stund Aergeres bevor. Jesus konnte, durfte und sollte das Wunder nun einmal nicht verrichtet haben; es war unannehmbar, unglaublich, unmöglich, weil er nicht ihr Mann war. In solchen Fällen ist Gott zu Ehren das Schlimmste zu vermuthen, zu behaupten, zu thun erlaubt in den Augen des Heuchlers. Folgen wir der Geschichte, damit diese beweise, daß man den Pharisäern nicht leicht zu viel Böses zutrauen könne!
Das zweite Verhör begann mit den Worten: „Gieb Gott die Ehre!“ — Was soll diese heilige Formel an der Spitze? Mehr nicht, aber auch nicht weniger, als: Du bist bisher nicht ganz aufrichtig gegen uns gewesen: noch hast du uns manchen Nebenumstand von Bedeutung verborgen; denke, du stehest vor Gott, dem Allwissenden; darum sage die Wahrheit, d. h. mache durch eine wohlangebrachte Lüge Jesus zu Schanden, um unsere Ehre zu retten. Empörend; aber noch nicht genug! „Wir wissen, daß dieser Mensch ein Sünder ist.“ — Wir!? Also auf ihr Wort sollte der Blindgeborne seine auf Gottes Kraft und Geist gegründete Ueberzeugung aufgeben? Hatte ihr bisheriges Betragen ihm so viel Zutrauen einflößen können? Warum gaben sie Jesus für einen Sünder d. h. für einen Irrlehrer und Betrüger aus? Weil er nicht zu ihren Füßen saß, und die Lehren der Alten hörte; weil er den Sabbat nicht heiligte, wie sie, sondern wie Gott, sein Vater; weil er den Buchstaben des Gesetzes übertrat, um den Geist zu befolgen. — Von gerechtem Unwillen ergriffen, gab der biedere Mann ihnen ihre Lieblosigkeit deutlich genug, aber doch mit seltener Mäßigung zu verstehen. Ueber die beleidigende Ansicht seiner persönlichen Gesinnung gieng er edelmüthig weg; zeigte ihnen mit feiner, satyrischer Anwendung auf sich, wie sie Jesus hätten beurtheilen sollen, und blieb unbeweglich dabei, daß er blind gewesen, und durch den Propheten sehend geworden sei.
Diese Zurechtweisung wäre stark genug gewesen, um Menschen, welche weniger erboßt und nicht so ganz an innere Schande gewöhnt waren, verstummen zu machen; die Pharisäer aber wurden nur noch schamloser und zudringlicher mit Fragen: „Was hat er dir gethan? Wie hat er deine Augen aufgethan?“ Auf diesem Wege hofften sie wenigstens der äußerlichen Schande zu entgehen, und ihre Ehre vor Menschen zu retten, wenn der Blindgeborne bei so oft wiederholter Erzählung etwas weglassen oder hinzusetzen würde, was ihnen Anlaß gäbe, die That und ihren Urheber verdächtig zu machen. Welche Niederträchtigkeit!
Diese Bemerkung entgieng auch dem armen Manne nicht. Es ist wirklich ein anziehendes Schauspiel, das Lamm mitten unter Wölfen mit so viel Ruhe, Besonnenheit, Muth und Geistesgegenwart reden und handeln zu sehen. Je schlichter sein Verstand, je unverdorbener sein Herz war, desto tiefer und schmerzlicher empfand er die Tücke seiner Gegner. Entschlossen weigerte er sich, die Erzählung zu wiederholen, und schloß mit einer beißenden Gegenfrage: „Oder wollet etwa auch ihr seine Jünger werden?“
Das gieng ihnen durch das Herz; sie sahen, daß der Mann ihre Arglist durchschauet habe, und ergrimmten. Allein es war ein ohnmächtiger Grimm, der sich höchstens in Schimpfwörtern Luft machen konnte. So sehr vergaßen sich die Meister Israels, die Vorbilder der Rechtglaubigkeit und Frömmigkeit, die Richter über göttliche Thaten und göttliches Leben!!! Moses Sendung von Jehova war jetzt ihr letzter Anhaltspunkt; Moses Jüngerschaft ihr einziger Wunsch, ihr Stolz — wer hätte dieses von den unumschränkten Vertheidigern der Satzungen der Alten erwarten sollen? An Jesus können sie nur keine Spur einer göttlichen Sendung finden.
„Eben darin liegt das Sonderbare, daß ihr nicht wisset, woher er ist &c.“ gab unvergleichlich schön und treffend der Blindgeborne zur Antwort. Schärfer hätte er ihre Eitelkeit nicht züchtigen, tiefer ihren schriftgelehrten Stolz nicht beugen können, als dadurch, daß er das prunkende: „Wir wissen“ mit einem solchen „Ihr wisset nicht“ erwiederte. Sein mit allem Grunde empörtes Gefühl legte ihm einen eben so kräftigen als kurzen und gehaltenen Verweis auf die Zunge. Wer bewundert nicht die Herrschaft über sich selbst in solcher Lage? Wer möchte ihm nicht um den Hals fallen für die Schutzrede, welche er so bündig, so nachdrücklich, so unerschrocken seinem Wohlthäter hielt? Wer verabscheuet nicht die Pharisäer, welche aufhörten, wie sie angefangen hatten, indem sie auch ihn für „geboren in Sünden“ erklärten, während sie allein die Reinen — in ihren Augen, — waren und blieben? Wer läßt sich nicht freudig mit dem Blindgebornen aus der Synagoge stoßen, wo solche Versammlungen von solchen Menschen sind?
Evangelium! du Gottes Wort! Was für ein Strom von Licht, welche Allmacht der Kraft, welcher Himmel von Seligkeit liegt in Dir! Was hast du, Erlöser! mit Einer That aus diesem Blinden gemacht! Wie bieder, wie gerade, wie bescheiden, wie mäßig, wie entschlossen, wie gottbegeistert steht er da unter schlauen, verkehrten, unverschämten, leidenschaftlichen, lichtscheuen, von der Hölle entflammten Heuchlern! — Und noch hatte der Verbannte seinen Retter — den Sohn Gottes nicht gesehen. Er sah ihn, fiel nieder, betete an — wir mit ihm!!
XVI.
Beantwortung der Frage eines Schriftgelehrten über die Liebe.[21]
Schon der königliche Sänger spricht von Leuten, welche „segnen mit dem Munde, und doch im Herzen fluchen,“ deren „Worte glatt, wie Oel, unter deren Zunge Dolche sind.“ David lernte sie als seine furchtbarsten Gegner kennen. Dieselbe Erfahrung machte unser Herr. Er hatte Menschen um sich, welche seine Denk- und Redeweise einstudirten, sich ihm mit verstellter Lernbegierde näherten, zur Verstärkung des Scheines wohl gar ernstliche Sorgen für ihr Seelenheil blicken ließen, gar demüthig um Belehrung über die wichtigsten Gegenstände baten — alles bloß in der boshaften Absicht, ihn bei solcher Gelegenheit in die damals geführten Streitfragen zu verwickeln, und durch freimüthige Entscheidung derselben verhaßt zu machen. So schlich sich einmal ein Gesetzgelehrter an ihn heran, und trug die Frage vor: „Lehrer! was muß ich thun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ Schon die Ausdrücke sind hier mit Sorgfalt und Bedacht gewählt. Jesus sprach gerne von ewigem Leben, und bezeichnete damit den höchsten, vollkommensten Zustand, welchen der Mensch in sittlicher und religiöser Hinsicht für Zeit und Ewigkeit erreichen kann. Die heiligen Schriften des A. B. hatten sich derselben Sprache schon bedient; aber aus den Schulen der geistlosen Rabbinen war sie verbannt worden oder doch verdrehet. Sie stritten sich lieber, selbst in ihren erbaulich sein sollenden Vorträgen an das Volk, darüber, ob die Sitten- oder die Ceremonialgesetze den Hauptpunkt der Gottes-Verehrung ausmachten; und die Zahl derer, welche sich für Opfer und Gebräuche entschieden, war aus sehr nahe liegenden Gründen nicht die kleinere, bei dem großen Haufen aber die beliebtere. Stellte der Schriftgelehrte die Frage in der gewöhnlicher Schulform, so konnte er nicht hoffen, Jesus in die Falle zu bringen; darum heuchelte er die Sprache unseres Herrn, und glaubte nun, seiner Sache gewiß zu sein. Ueberdieß war der Punct, wie man wohl sieht, von höchster Bedeutung; es handelte sich um das Wesen der Religion. Die Frage selbst lautete so allgemein und unbestimmt, daß die entgegengesetztesten Antworten statt finden konnten.