Dazu wurde auch dem Gesetzgelehrten freier Spielraum gegeben. Er mußte sich selbst in seiner Schlinge fangen. „Was steht im Gesetze geschrieben? Wie liesest du vor“ — in der Synagoge oder im Tempel? Mit dieser Gegenfrage nöthigte ihn die göttliche Weisheit, die Antwort selbst zu geben, und zwar aus dem Gesetze, nicht nach Lehrmeinungen der Schule. Ganz im Sinne Jesu berief er sich auf die geistreichste Schriftstelle, welche hier beizubringen war. Er hatte die Lehrart unseres Herrn gut und richtig gefaßt, und wußte sich fein genug zu wenden. Allein alle Schlauheit half nichts. „Du hast recht geantwortet; thue das, so wirst du leben,“ hieß es, und damit hatte Gottes Wort entschieden. Einwenden ließ sich nun eigentlich so geradezu nichts; das fühlte der Schriftgelehrte nur zu gut. Für das Gegentheil stunden ihm keine Schriftstellen zu Gebote. Aber er war nun in eine ärgerliche Verlegenheit gerathen. Entweder mußte er den Verdacht auf sich ruhen lassen, daß er gleiche Gesinnung mit dem Lehrer von Nazareth hege, oder er gab sich auf einer andern Seite bloß, als uneingeweihter und ungeschickter Vertheidiger seiner Schule. Doch half er sich noch einiger Maaßen heraus durch eine neue spitzfindige Schulfrage: „Wer ist mein Nächster?“ — Spitzköpfige, engherzige Rabbinen hatten auch da den hohen, reichen Sinn der heiligen Schrift sich und andern verkümmert, dadurch daß sie unter dem Nächsten nur den Juden verstanden wissen wollten. Dieser Lehre der Alten mit dürren Worten zu widersprechen, war eben nicht ganz rathsam, schon um einen langen und heftigen Streit zu vermeiden. Da stund unserm Herrn ein unfehlbares Mittel zu Gebote — die Parabel. In dieser lag die Antwort und der Beweis, beide durch eine Geschichte anschaulich gemacht, so klar und unwiderleglich, daß sie dem überraschten Schriftgelehrten das Geständnis abzwang, „der, welcher Barmherzigkeit an ihm gethan hat“, d. i. der Samarite sei der Nächste des Juden gewesen. Nun konnte er auch nicht mehr läugnen, daß die Liebe ächter Art weder an eine Nation, noch an eine Religionsform, noch an einen Stand gebunden sei, sondern dort walte, wo ein edles Herz sich finde, welches dem göttlichen Zuge folgt. Schwer mag es allerdings den Rabbi angekommen sein, solche Dinge einzuräumen, die mit seiner Lehre in geradem Widerspruche stunden; und wohl wurde es ihm noch sauerer darum, weil seine Glaubensgenossen, ein Priester und ein Levite, die Gott und sein Gesetz so genau im Kopfe hatten, eine gar schlechte Rolle spielten neben dem hochherzigen, menschenfreundlichen Samariten.

XVII.
Ueber Heuchelei im Urtheilen.[22]

Heuchler! Das Ansehen des Himmels wisset ihr zu beurtheilen, aber bei den Zeichen der Zeit vermöget ihr es nicht?“ — Auch bei dieser Stelle glaubt man es unserm Herrn gewöhnlich auf sein Wort, daß et seinen guten Grund gehabt habe, die Pharisäer Heuchler zu nennen; aber selten bekümmert man sich darum, zu seiner eigenen Warnung und Belehrung, die Ursache dieses Vorwurfes zu erforschen. Und doch liegt sie so nahe!

So viele und so große Wunder hatte Jesus bereits gethan vor den Augen Israels. Waren dieß nicht kennbare und leicht verständliche Zeichen Gottes zu ihrer Zeit, die ihnen sagten, was jetzt geschehe, und was bald kommen werde — das Reich Gottes mit seinem Sohne? Gehörte dazu mehr Schärfe und Tiefe des Verstandes, als zu den alltäglichsten Wetterprophezeihungen? Wo fehlte es denn? Im Herzen; an gutem Willen; an reiner Liebe zur Wahrheit. Die Natur sahen die Pharisäer nicht als ihren Feind an; von ihr befürchteten sie nichts für ihr System, für ihre Ehre oder für ihren Beutel. Ganz anders verhielt es sich mit Jesus. Darum wurde ihr Geistesauge böse, neidisch, trübe; sie sahen nicht an Jesu Lehren und Thaten, was sie am Himmel wahrnahmen — weil sie nicht wollten. Obwohl die Zeichen so deutlich waren, als Wolken, Farbe, Wind im Luftkreise, so verstunden sie doch davon so wenig, daß sie von Jesus ein „Zeichen vom Himmel“ verlangten, d. h. ein ungewöhnliches, recht viel Lärm und Aufsehen erregendes Spektakel. Ihr triefäugiger Sinn und Verstand erblickte in den göttlich wohlthätigen Heilungen Jesu nur etwas Gemeines, Alltägliches; sie argwöhnten sogar — wie in unsern Tagen — nur Täuschung und Betrug. Ein klarer Beweis, daß sie an Jesus ihren Mann nicht gefunden hatten, daß er bisher noch gar nicht nach ihrem Sinn und Geiste gehandelt hatte; darum waren sie auch nicht aufgelegt, ihn zu verstehen und anzuerkennen. Fand nun hier nicht Tücke des Herzens, Krümmung der Seele statt? Entwickelte sich nicht daraus nothwendig Verdüsterung der Erkenntniß? —

Doppelsinn im Herzen, getheilt zwischen Gott und der Welt, hinkend auf beiden Seiten, ist der Heuchler nie im Stande, jede Sache in ihrem natürlichen und wahren Gesichtspunkte zu fassen, und ein richtiges Urtheil zu fällen. Diese Verkehrtheit im Urtheilen ist es auch, was Jesus hier vorzüglich bestimmte, die Pharisäer der Heuchelei zu beschuldigen. Davon überzeugt uns am besten die Verbindung, in welcher die eben behandelte Stelle bei Lukas vorkommt. Das unserm Herrn aufgedrungene Schiedsrichteramt, welches die unübertrefflichen Lehren über Reichthum, Vertrauen auf Gott und Wachsamkeit veranlaßte; dann die tiefen Bemerkungen über die entgegengesetzten Wirkungen der Stiftung seines Reiches im Vorhergehenden geben mit dem folgenden Licht genug, um uns zu zeigen, worinn nach dem Sinne Jesu Heuchelei des Urtheiles bestehe. Wie lehrreich sind in dieser Beziehung die Erzählungen von den hingerichteten Galiläern und von der Heilung der Frau am Sabbate[23]! Man kann durch Vergleichung und Nachdenken daraus lernen, wie groß das Gebiet der Heuchelei sei, wie tief ihre Wurzeln in das Innerste unseres Herzens dringe, wie mannigfaltig sich ihre Erscheinung gestalte. Wer soll sich zu Betrachtungen dieser Art nicht hingezogen fühlen, da dieselben mit unserm Heile in so naher Verbindung stehen?

XVIII.
Verhalten der Pharisäer vor, bei und nach dem Einzuge Jesu zu Jerusalem.[24]

In den letzten Tagen unseres Herrn nahm alles einen weit höhern Schwung, einen viel raschern Gang; Thaten drängten sich auf Thaten, Reden auf Reden. Noch ein Mal durchbrach die untergehende Sonne der Gerechtigkeit die düstern Wolken des Hasses und der Verfolgung, und leuchtete in ihrer ganzen Kraft und Herrlichkeit, um die Herzen der Menschen für Wahrheit und Liebe zu entzünden. Aber auch die Werkzeuge des Fürsten der Finsterniß verdoppelten ihre Kräfte, ließen boshafte Ränke, tückische Arglist, offenen Haß und verbissenen Grimm in allen höllischen Farben der Heuchelei spielen, und erhöhten dadurch die Majestät des Glanzes, der vom Sohne Gottes ausgieng.

Zu Bethanien erscholl das Allmachtswort: „Lazarus, komm heraus!“ Und der Verstorbene kam heraus. Wer vermag den Eindruck dieser erstaunlichen That zu beschreiben? Was mußte sich in den Herzen der Maria und Martha und gleichgesinnter Zuschauer regen? Wie demüthigend und erhebend zugleich werden sie die Nähe Gottes gefühlt haben? „Viele von den Juden, die zu Maria gekommen waren, und sahen, was er that, glaubten an ihn.“ Dieß waren keine gemeinen Leute, sondern angesehene Männer aus der Hauptstadt. Bisher hatten sie sich nicht zu recht finden können in Bezug auf die göttliche Sendung Jesu; aber dieser außerordentliche Thatbeweis überwog alle Zweifel und Bedenklichkeiten; sie wurden überzeugt, und bekannten ihre Ueberzeugung laut am Grabe. An ihnen erfüllte sich das, was Jesus in seinem Dankgebete gesprochen hatte.

Aber wer hätte es glauben sollen? Einige blieben ungerührt bei der erhabenen, wahrhaft göttlichen That. Es waren wohl dieselben, welche die unschätzbaren Thränen Jesu am Grabe seines Freundes mit ihrer Lästerzunge begeiferten, und die lieblichen Worte bewegter Seelen: „Siehe! wie lieb er ihn hatte!“ mit unmenschlicher Gefühllosigkeit als Zeichen der schmerzlich gefühlten Ohnmacht des vorgeblichen Propheten deuteten. „Konnte der, welcher die Augen des Blinden aufthat, nicht machen, daß dieser nicht starb?“ — Welche Herzen! Welche Gesinnungen! Das war die fromme Bildung, welche die Pharisäer den ihrigen gaben! Wem schaudert nicht vor dieser pharisäischen Gerechtigkeit, welche taub gegen die Stimme der Natur, unempfindlich gegen die zartesten Rührungen der trauernden Liebe, ausgelernt in boshafter Verdrehungskunst wüthende Schlangenbisse des unversöhnlichsten Religionshasses in die Unschuld der reinsten Menschlichkeit thut? Befremden kann es da freilich nicht mehr, aber Entsetzen über den Abgrund der Verkehrtheit und Verhärtung erregt es, wenn man lieset: „Einige aber aus ihnen giengen hin zu den Pharisäern, und sagten ihnen, was Jesus gethan hatte.“ Wie mit der erfreulichen Nachricht eines unerwartet entdeckten Verbrechens eilten sie in die Hauptstadt, um anzusagen, der verhaßte Nazarener sei plötzlich in Bethanien erschienen, und habe da schon wieder einen Todten erwecket. Waren es gutmüthig dumme Werkzeuge der Pharisäer, oder wußten sie, was sie thaten, und warum? In beiden Fällen bebt der wahrhaft Gute zurück — ein Mal vor der schrecklichen List und Gewalt heuchlerischer Gottesgelehrter, und dann vor der furchtbaren Selbstverblendung befangener, herzloser Systematiker, wie sie damals in Judäa waren.

Welch’ ein großes Gewicht die Pharisäer zu Jerusalem auf diese Anzeige legten, läßt sich daraus abnehmen, daß sogleich der hohe Rath sich versammelte, um in seiner Weisheit zweckmäßige Maaßregeln zu ergreifen gegen den kühnen Volksverführer. Dieß war wirklich der Standpunkt, auf welchen sie ihre Leidenschaft gestellt hatte. Johannes lüftet den Schleier, und läßt uns mehr als Einen Blick in das Geheimniß der Bosheit thun. In ihre Berathungssaale legten sie, weil sie unter sich und einander gleich waren, die Maske der Heiligkeit ab, und äußerten ihre Gesinnungen unverholen: „Was thun wir? Denn dieser Mensch thut viele Zeichen.“ Eine ganz andere Sprache, als die, welche · sie vor den Ohren des Volkes führten: „Er treibt die Teufel nur durch den Obersten der Teufel aus.“ — „Was hat er dir gethan? Wie hat er deine Augen aufgethan?“ Da leugneten sie die Wunder, oder wollten wenigstens den Schein gründlicher und redlicher Zweifler haben. Jetzt können und wollen sie nicht mehr läugnen, aber auch nicht glauben. Sie gerathen in Verlegenheit; denn es liegt am Tage, daß Jesus Wunder thut, Wunder sind aber nach ihrer eigenen Lehre Beweise göttlicher Sendung; warum erkennen sie Jesus nicht als Propheten? Hat er etwa nur Scheinwunder verrichtet? Auf denn! Entdecket den Betrug, entlarvet den Verführer, und weiset das Volk zu recht! Fehlt es euch doch nicht an kritischem Scharfsinn und feiner Verdrehungskunst; die Geschichte des Blindgebornen beurkundet, daß ihr Sterne der ersten Größe am allerneuesten exegetischen Himmel sein könntet —