„Wenn wir ihn gehen lassen, werden alle an ihn glauben.“ Das war ein Mal aufrichtig gesprochen; nicht die Lehre, nicht die Wunder stunden ihnen im Wege, sondern die Person Jesu und das allgemeine große Ansehen, welches er sich ohne ihr Zuthun, ja gegen ihr Wollen und Sträuben erworben hatte. Sich glaubten sie zurückgesetzt zu sehen, ihr Ansehen zernichtet, ihre Lehrstühle entbehrlich gemacht, wenn der Nazarener so viele Anhänger finde. Jesus hätte nicht nur ihre Menschensatzungen, er hätte Moses und die Propheten angreifen und umstürzen dürfen, wenn er nur Befreiung vom römischen Joche geprediget, den Pharisäern geschmeichelt, ihnen hohe, einträgliche Stellen in seinem Reiche versprochen hätte. Da er aber nur von Besserung, von einem himmlischen Reiche, von Freiheit durch lebendige Wahrheit, von Demuth und Selbstverleugnung, von reiner Liebe sprach, und dieß Alles, ohne von ihnen dazu autorisirt zu sein: so konnte Gott mit dem ganzen Himmel wohlthätiger Kräfte und Thaten an diesen selbstsüchtigen Frommen nichts ausrichten; sie drückten die Augen zu vor dem Glanze seiner Herrlichkeit; sie verhärteten ihr Herz gegen seine Vaterstimme; sie stritten gegen Gott, um ihre Religion zu vertheidigen.
Aber mit welchen Waffen wollen sie sich in diesen entsetzlichen Kampf wagen? Mit geistigen nicht: diese haben sie nicht; sondern mit dem Rüstzeuge dieser Welt. „Dann werden die Römer kommen und uns Land und Leute nehmen.“ Höret ihr die staatsklugen Väter des Volkes? Da sie unsern Herrn von sittlicher und religiöser Seite nicht mit Grund anklagen, da sie seine Wunderthaten nicht leugnen oder widerlegen konnten, so liehen sie seinem göttlichen Plane der Menschenerlösung eine politische Wendung. Durch den Glauben an Jesus war der Staat bedroht. Eigentlich aber drückten sie sich nur zweideutig aus; denn der Staat — das waren sie. — — Die Geschichte bestätiget es unwiderleglich, daß nach dem Tode unseres Herrn die fanatischen Pharisäer sich von den schlechtesten Betrügern, als vorgeblichen Messiassen (Joh. V, 43), zu allen Greueln der Empörung hinreißen ließen; worauf dann wirklich die Römer kamen, und ihnen Land und Leute nahmen. Diejenigen aber, welche an Jesus glaubten, entgiengen diesem Grausen erregenden Untergange des jüdischen Staates. — Es bleibt aber ein für alle Jahrhunderte merkwürdiger Zug des Verfolgungsgeistes scheinheiliger Heuchler, daß die Pharisäer die Sache der Religion so listig mit der Politik zu vermischen wußten.
Wie Bileam wider seinen Willen Israel segnete, so weissagte Kajaphas das größte Heil für das Menschengeschlecht, da er Tod und Verderben über Jesus schnaubte. „Besser ist es, Ein Mensch sterbe für das Volk, als daß das ganze Volk zu Grunde gehe.“ Wie wahr im Sinne Gottes, und wie entsetzlich im Munde des staatsklugen Oberpriesters! Der Mann war würdig in dem Rathe der Pharisäer oben an zu sitzen, obwohl er selbst nicht zu diesem Orden gehörte, sondern Sadducäer war. Aber in listiger Verstellung und vermummter Ungerechtigkeit gab er dem wüthendsten Pharisäer nichts nach. Ohnehin haßten die Sadducäer Jesus so sehr, als die Pharisäer. — Das rasche, blutige Wort riß die erbitterten, aber unschlüssigen Pharisäer aus ihrer Verlegenheit. Ob Jesus schuldig oder unschuldig sei, kam jetzt nicht mehr in die Frage; sondern ob er noch länger geduldet werden könne, oder nicht. Sie fanden ihn unerträglich für ihre Lehre und mehr noch für ihre Lebensweise; also war er gefährlich, staatsverderblich — todeswürdig. Von nun an dachten sie ernstlich auf seinen Untergang und auf die Mittel dazu. Um aber doch auch die Form des Rechtes zu beobachten, machten sie einen Befehl bekannt, daß jeder eifrige Jude gehalten und verbunden sei, den geheimen Aufenthaltsort Jesu anzuzeigen, damit man ihn ergreifen könne.
Woher ist denn diesen weisen Vätern der Muth auf ein Mal so sehr gewachsen, daß sie es wagten, öffentlich die Hand nach Jesus auszustrecken? Diese Kühnheit ist so groß nicht, als sie beim ersten Anblicke zu sein scheint. Sie hatten ja schon einen vorbereitenden Schritt gethan durch das Verbot, Jesus für den Messias zu erkennen. Da er sich dadurch von seinem Lehren und Wirken nicht abschrecken ließ; da es vielmehr von seiner Messiaswürde immer lauter wurde: so schien dieser zweite Befehl nicht übereilt zu sein. Ueberdieß durften sie auf ihr priesterliches Ansehen doch auch etwas rechnen, besonders zu Jerusalem und in Judäa; und für diese Gegend scheint die Aufforderung besonders gegolten zu haben wegen dem Aufenthalte Jesu während der Festzeit. Endlich war ihr Anhang unter dem vornehmen und niedrigen Pöbel immer noch groß und stark genug, um die sich erst bildende Parthei unseres Herrn zu überwältigen, da sich ohnehin nur gute, stille Menschen an ihn anschlossen. Man vermißt also auch bei diesem offenen Mordanschlage die Fuchsnatur der Heuchler nicht.
Einen schönen Contrast mit der im Finstern schleichenden Bosheit der Pharisäer bildet die ächte Klugheit und der wahre Muth, welchen Jesus in seiner immer schwieriger werdenden Lage bewies.
Er wollte sterben zum Wohle der Menschen, aber nicht früher und nicht anders, als es der Wille seines Vaters war. Darum wich er mit der besonnensten Vorsicht der Verfolgungswuth seiner erboßten Feinde aus, und zog sich nach Ephraim zurück, einem Städtchen, welches nahe an der Wüste lag, und ihm einen sichern Zufluchtsort gewährte. In dem Charakter unseres Herrn lag also weder die unüberlegte Hitze des Fanatikers, der sich blindlings in Gefahr und Tod stürzet, noch die schwachherzige Feigheit des Heuchlers, der Wahrheit und Tugend menschlichen Rücksichten opfert. Durch weise Mäßigung ward er uns Muster der Nachahmung. —
Als seine Stunde gekommen war, legte er einen Muth und eine Entschlossenheit an den Tag, welche seine Freunde in die höchste Begeisterung versetzte, und alle Feinde in die schrecklichste Verlegenheit stürzte. Wer hätte es erwartet, daß er sich sobald wieder nach Bethanien wagen würde? Ja, er ließ sich von Maria als den Retter ihres Bruders auf eine ausgezeichnete Weise verehren, billigte nicht nur ihre dankbare Gesinnung, sondern nahm sie sogar gegen pharisäische Seitenbemerkungen des Judas und der von ihm verleiteten Jünger in Schutz.
Niemals trug Jesus seine Wunderthaten zur Schau; aber eben so wenig verbarg er sie ohne Noth. Dießmal wollte er die Erweckung des Lazarus so laut und öffentlich bekannt gemacht wissen, als es möglich war; denn diese That war entscheidend.