Was werden die Hohenpriester von diesen scheinbaren Widersprüchen der Schüchternheit und Kühnheit in dem Betragen Jesu gedacht und gefaselt haben? Ungefähr dasselbe, was noch heute sadducäische Feinde und pharisäische Freunde von seinen Lehren und Thaten träumen und schwätzen.


An der heiligen Flamme des Gottbegeisterten Führers entzünden sich die Herzen Aller, die mit frommem Vertrauen um ihn sind. Dieß war der Fall bei Maria, Martha und Lazarus. Unverholen bekannten sie sich zu dem verfolgten, geächteten Lehrer von Nazareth, liebten und verehrten ihn als ihren Freund und Retter vor den Augen Aller, in der Nähe der Hauptstadt, in dem Angesichte seiner Todfeinde, die mächtig, angesehen und gewissenlos genug waren, um alles Böse fürchten zu lassen.

Das Volk — war es anders gesinnet, als die hochherzigen Geschwisterte? Schaarenweise zog es nach Bethanien, sahe Lazarus, und glaubte an Jesus, gegen das scharfe Verbot der Hohenpriester: Die Wahrheit sprach zu laut zum Herzen des gemeinen Mannes, daß er nicht Gott mehr hätte gehorchen sollen, als den Menschen.

Anstatt durch solche auffallende Zeichen auf Gottes Wege aufmerksam zu werden, „giengen die Hohenpriester damit um, auch den Lazarus zu tödten.“ War es möglich, die Verblendung weiter zu treiben? Konnte verhärtete Bosheit und Heuchelei schrecklicher wüthen? Gottes Werke wollte menschliche Tücke widerlegen — durch doppelten Mord!!!

Unserm Herrn blieb von allen diesen Planen gewiß nichts verborgen; deßungeachtet ließ er sich nicht abschrecken, festen Sinnes den letzten Schritt zu thun, und seinen feierlichen Einzug zu Jerusalem als Messias zu halten. Welch’ ein Muth! Welche unerschütterliche Ergebung in den Willen seines Vaters! Aber auch andererseits welche Reinheit, welche Demuth, welche göttliche Hoheit! — Da zieht er den Oelberg heran — David’s und Gottes Sohn — auf dem Füllen einer Eselin, das mit Kleidern seiner Jünger gepolstert ist.

Schaaren seiner Jünger und Verehrer begleiten ihn mit frohen Gefühlen. Jetzt kommt er auf die Spitze des Berges; Jerusalem, die prächtige, die sündhafte liegt zu seinen Füßen; ihr Anblick entflammt seine Begleiter zum lauten Triumphgeschrei — Jesus zerfließt in Thränen der Wehmuth und Erbarmung. — Kleider bedecken die Straße, Palmzweige wehen in den Händen, Freudenruf erfüllet die Luft — Ihm glänzt die Thräne im Auge. So ist er seinen Feinden furchtbar und unbezwinglich!

Hier lernet Heuchelei und Wahrhaftigkeit, beide in ihrer Siegeshöhe, kennen; jene fliehen, diese nachahmen!!


Der Einzug unseres Erlösers zu Jerusalem giebt uns noch Gelegenheit zu mehr als Einer interessanten Vergleichung der Pharisäer mit andern geradsinnigen Menschen.