Meister, verbiete es doch deinen Jüngern!“ So fuhren die Pharisäer unsern Herrn an, als die Schaaren seiner Verehrer ein lautes Hosianna dem Sohne Davids erschallen ließen. Die Jünger und die Volkshaufen, welche nach Bethanien gekommen waren, wurden durch die wechselseitig erregte Erinnerung an die großen Thaten Jesu ganz begeistert; sie waren jetzt gewiß, daß er und kein Anderer der Messias sei; darum gaben sie dem mächtigen Drange ihrer überzeugten Herzen nach, und drückten sich lebhaft und stark genug aus. Jesus ließ es geschehen, weil dieser ehrende Zuruf nur volle und reine Wahrheit enthielt. Die Sache so angesehen, gehörte doch nicht wenig freche Tadelsucht und schamlose Eigenliebe dazu, Jesus öffentlich darüber Vorwürfe zu machen. Aber hatten denn die Pharisäer auch hier wiederum gar so Unrecht? War Jesus nicht vom Synedrium förmlich als falscher Prophet und Messias erklärt worden? Wie konnten die alten, frommen Väter Israels sich so ganz an ihm versehen, wenn er der Sohn Gottes wirklich gewesen wäre? Was bedurfte es da noch einer eigenen Untersuchung jedes Einzelnen, wo die Vorsteher schon so bestimmt entschieden hatten? Diese unberufenen Tadler handelten im Geiste ihrer Sekte, und konnten sich in ihren Augen an einem Menschen, wie Jesus war, unmöglich versündigen.

Die Wahrheit dieser Erklärung wird unwiderleglich bestätiget durch den Ausbruch pharisäischen Unwillens, welchen Johannes erzählt: „Ihr sehet, daß ihr nichts ausrichtet; sehet, die ganze Welt läuft ihm nach!“ Sie hatten also schon gegen Jesus entschieden; einer nähern Prüfung wollten und konnten sie weder gemeinschaftlich noch für sich selbst seine Lehren und Thaten nicht mehr unterwerfen. Ihr ganzes Bemühen war nur dahin gerichtet, ihn um das Zutrauen des Volkes zu bringen, oder, wenn dieß nicht möglich wäre, aus dem Wege zu räumen. Daher der niederträchtige, feigherzige Zorn, als keines von beiden gelingen wollte. Und doch bildeten sie sich dabei ein, die Stützen der Wahrheit und Religion zu sein. Wie liebenswürdig erscheint hier der gemeine Jude, der sein redliches Herz dem Zuge des himmlischen Vaters folgen ließ, und Jesus als Messias bekannte, ohne einen Pharisäer zu fragen!

Als Jesus nach seinem Einzuge im Tempel verweilte, kamen Blinde und Lahme zu ihm, um geheilt zu werden. Der laute Ruf seiner Thaten, besonders der wiederbelebte Lazarus, hatte sie ohne Zweifel zu diesem Schritte ermuntert — und zu ihrem Besten. Sie wurden wieder hergestellet. Die Hohenpriester und Schriftgelehrten waren Augenzeugen dieser göttlichen Thaten, die doch wohl laut genug für seine Messiaswürde sprachen; sie sahen und hörten die Freude, den Jubel und Dank der Geheilten gegen Gott und seinen Sohn — und blieben ungerührt! Aber noch mehr! Knaben fanden sich auch dabei ein; diese hatten es schon in den Straßen gehört, und hörten es jetzt von den Geretteten wahrscheinlich wieder mit Enthusiasmus ausrufen, daß Jesus der Sohn David’s sei; was war daher natürlicher, als daß sie mit jugendlicher Unschuld und Freude nachriefen: Hosianna dem Sohne David’s?! Dieß brachte die Pharisäer außer sich. „Hörest du, was diese sagen?“ Wie herzlos, wie empörend, und doch auch lächerlich klingen diese Worte im Munde der Meister Israels!! Jünger, Kinder — Steine verkündigten die Ehre unseres Herrn; die Heuchler fluchten ihm, und segneten sich dabei — Jehova zu Ehren! —

Kein Wunder! Jesus hatte sie auch zu arg gereizet. Zum zweiten Male nahm er ihnen ihr frommes Gewerbe im Tempel, indem er die Verkäufer austrieb. Dieß war in ihren Augen offenbar nur Rachsucht gegen sie, die er unter dem Schutze des mit ihm eingezogenen Volkes verübte. Da es schon Abend war, mußten sie es geschehen lassen; aber sie sannen wüthend auf Wiedervergeltung. Wie mancher Pharisäer wird sich in der folgenden Nacht wie ein getretener Wurm auf seinem Lager gewälzet und auf Racheplane gedacht haben!

Der Tag brach an; Jesus kam in den Tempel; das Volk strömte herbei; Jesus lehrte, wie gewöhnlich; die Hohenpriester und die Aeltesten des Volkes stellten sich auch ein; sie hatten schon ein Mittel ausgesonnen, sich für die Schmach des vorigen Tages empfindlich an ihm zu rächen. Todeshaß im Herzen, Brandmale im Gewissen, Ruhe im Gesicht, Wahrheit und Recht im Munde, Amteswürde im Gange — so traten sie zu Jesus, unterbrachen seinen Vortrag und stellten feierlich die Frage: „Sage uns, aus welcher Vollmacht hast du das gethan? Und wer hat dir die Macht gegeben?“ — Es war nicht so leicht, auf diese listige, unerwartet vorgelegte amtliche Frage auf der Stelle eine genügende Antwort zu geben. Wer Mißbräuche abstellen will, muß dazu befugt sein; Jesus hatte dieß gethan, und zwar auf eine für den Priester- und Levitenstand gar nicht ehrenvolle Weise. Sie hatten ihm dazu keine Erlaubniß gegeben; und er würde wohl auch vergeblich darum nachgesucht haben. Mit gutem Grunde konnten sie also ihm Verletzung der bestehenden Ordnung, Kränkung ihrer Ehre und Verminderung ihres Ansehens vorwerfen. — Aber Jesus war ja als Messias in die Stadt eingezogen, und hatte mithin als solcher gehandelt! Eben dieß war es, worauf sie lauerten. Wie geschwinde würden sie ihm Beweise seiner Messiaswürde abgefordert, diese ungültig und nichtig befunden und ihm, als Betrüger, den Prozeß gemacht haben! Die Heuchler maßen unsern Herrn nach ihnen selbst; darum verrechneten sie sich so sehr. Reinheit des Herzens, Heiligkeit des Lebens, Wahrheit der Lehre, Weisheit und Kraft Gottes — dieß waren die Waffen, mit denen er den großen Kampf für uns kämpfte. Er war bereit, sich zu verantworten, und öffentlich sich als Messias zu bekennen, sobald die Hohenpriester eine vorläufige Frage öffentlich beantworten würden; nämlich, ob Johannes, der Täufer, ein Prophet gewesen sei, oder nicht? Bejaheten sie die Frage, so hatte Jesus einen göttlichen Gesandten zum Zeugen, daß er Gottes Sohn sei; ein für Juden unwidersprechlicher Beweis! Leugneten sie die Sendung des Täufers, so mußten sie Beweisgründe anführen; woher wollten sie aber diese nehmen? Jesus war also auf jeden Fall gesichert — durch Wahrheit; sie geriethen in die schrecklichste Verlegenheit. Welche Hölle mit allen Aengsten der Verzweifelung und Ohnmacht werden diese Elenden empfunden haben! Da stunden sie vor den Augen des Volkes; sagten sie ja, so mußten sie mit Schande abziehen; sagten sie nein, so drohten die gemeinen Leute, ihnen mit Steinwürfen den Gegenbeweis ihrer Lüge zu machen. Ihre Fuchsnatur fand noch einen Schleichweg — sie wußten es gar nicht, ob Johannes von Gott oder Menschen gekommen sei. Nun blieb auch Jesus seine Antwort schuldig. Aber lieber wollten sie die Sache unentschieden lassen und mit Schande bedeckt abziehen, als dem verhaßten Nazarener Recht geben. —

Winkelzüge dieser scheußlichen Art, Verleugnung der Wahrheit und Anhänglichkeit an die Lüge unter der Maske des Guten mit solcher Tücke und Verhärtung — welche Warnung für uns Alle! Wie sehr sollen wir uns hüten vor den Anfängen und leisesten Spuren der Heuchelei um nicht so zu enden!

Jesus ließ Manches der Art ohne besondere Bemerkung an sich vorübergehen; aber dieser Vorfall ergriff ihn selbst zu lebhaft, regte gerechten Unwillen und tiefes Mitleid zu sehr in ihm auf, als daß er den Pharisäern ihr Unrecht nicht hätte zu verstehen geben und noch einen Versuch zu ihrer Besserung machen sollen. In malerischen Gegensätzen schilderte er ihr Betragen gegen Gott und seine Gesandten, und brachte sie auch dießmal dahin, sich selbst das Urtheil zu sprechen. Ein gewaltiger Stich aber mußte ihnen durch ihr Herz gehen, da Jesus vor allem Volke den Täufer für einen Propheten erklärte, und ihre erheuchelte Unwissenheit beschämte. Kränkender konnte überdieß kaum etwas sein, als daß er Huren und Zöllner mehr bei Gott gelten ließ als sie, die angepriesenen Musterbilder ächter Frömmigkeit. Ein ernster, wohl zu beherzigender Wink, daß Gott Sünder, die offenen Ungehorsam verüben, aber denselben innig und thätig bereuen, liebevoll aufnimmt, während er Frömmler, die scheinbar seinen Willen thun, im Geheimen aber seinen Namen schänden, und keine Reue fühlen, wohl gar auf Belohnung Anspruch machen, mit richterlichem Unwillen verwirft! Der gewöhnliche Sünder spricht: „Ich will nicht,“ und thut zuletzt doch noch den Willen des Vaters; der schlaue Heuchler sagt mit schmeichelnder Miene: „Ja, Herr!“ und thut das Gegentheil. Mit welchem haltet ihr es lieber, Menschenkinder?! — —

Doch unser Herr war damit noch nicht zufrieden, bloß überhaupt das Betragen dieser Leute gerüget, und die göttliche Sendung Johannes in Schutz genommen zu haben; sie hatten in seinen Augen — und bei wem nicht? — eine noch schärfere Ahndung in Bezug auf ihr Verhalten gegen seine eigene Person verdient. Aber er kleidete diesen äußerst eingreifenden Verweis in Parabeln ein — von den Pächtern des Weinberges und von der königlichen Mahlzeit.

Sie faßten auch den Sinn so richtig und ganz, wenigstens so weit er sie betraf, daß sie schon nach der ersten Parabel fest entschlossen waren, sich seiner zu bemächtigen, und ihm für die Zukunft Gelegenheit und Macht zu solchen Angriffen zu nehmen. Nur eines hielt sie ab — Heuchelei. Mit dem Volke wollten sie es nicht verderben; denn dieses hielt Jesus für einen Propheten, und entschiedene, öffentliche, formwidrige Prophetenmörder wollten sie doch nicht sein. Listiger waren sie doch, als — ihre Väter.

Als aber Jesus auch die zweite Parabel mit gleicher Unbefangenheit und Unerschrockenheit vortrug, riß ihre Geduld, die Furcht ward überwunden auf einer Seite, auf der andern waren sie noch gefesselt davon; darum „giengen sie hin, und hielten einen Rath, wie sie ihn fienqen in seiner Rede.“