Ich wurde mit Gewalt zur Leitung des Baues von Sankt Peter gezwungen und habe nun schon ungefähr acht Jahre ohne Entgelt, ja mit grossem Schaden und viel Ärger der Aufgabe geopfert. Nun geht die Arbeit voran, wir haben Geld und ich bin im Begriff, die Kuppel zu wölben; wollte ich jetzt abreisen, so würde das den Bau zugrunde richten. Das müsste mir in der ganzen Christenheit die grösste Schande bringen und würde eine schwere Schuld für meine Seele sein. Darum bitte ich Euch, mein lieber Herr Giorgio, dankt dem Herzog in meinem Namen für die grossen Anerbietungen, von denen Ihr mir schreibt und bittet ihn, er möge mich in Gnaden noch so lange hier arbeiten lassen, bis ich in gutem Ruf und mit Ehren und ohne Sünde von hier abreisen kann.
Euer Michelangelo Buonarroti.
27.
An Messer Giorgio Vasari, meinen lieben Freund, in Florenz.
Rom, den 23. Februar 1556.
Messer Giorgio, mein lieber Freund! — Das Schreiben kommt mich schwer an, aber um Euch zu antworten, will ich einiges sagen. Ihr wisst, dass Urbino gestorben ist. Durch seinen Tod hat Gott mir eine grosse Gnade gegeben, aber ich habe sie mit einem teuren Gut und mit unendlichem Schmerz bezahlen müssen. Die Gnade war die, dass er, der während seines Lebens mich am Leben hielt, durch seinen Tod mich sterben lehrte. Und nun sehe ich dem Tode nicht mehr mit Widerwillen, sondern mit Sehnsucht entgegen. Ich habe ihn sechsundzwanzig Jahre bei mir gehabt und ihn für ganz wahrhaftig und treu befunden; und nun, da ich ihn reich gemacht hatte und hoffte, er werde der Stab meines Alters sein, ist er mir entschwunden, und ich habe keine Hoffnung mehr als die, ihn im Himmel wiederzusehen. Für diese aber hat uns Gott seinen seligen Tod Bürge sein lassen. Nun schmerzt es mich nicht mehr, dass ich sterben muss, sondern dass er mich mit so viel Leiden in dieser treulosen Welt lebend zurückliess, denn der grössere Teil von mir ist mit ihm gegangen, und mir ist nur ein tiefes Elend geblieben. Ich bitte Euch inständig, entschuldigt mich, wenn es Euch keine Mühe macht, bei Messer Benvenuto, dass ich ihm noch nicht auf seinen Brief antwortete. Ich bin so in diesen traurigen Gedanken versunken, dass ich nicht schreiben kann. Empfehlt mich ihm, und ich empfehle mich Euch.
Euer Michelangelo.
28.
An Lionardo …
Rom, den 31. Mai 1556.