Als Kunst der Koalitionsbildung (und -auflösung) ist die Politik heute eine Epitomisierung allgemeiner menschlicher Praxis. Berufspolitiker entwickeln Strategien für die Koalitionsbildung und finden die effektivsten Interaktionsmuster für ein bestimmtes politisches Ziel heraus. Sie entwickeln eine eigene Sprache und eigene Kriterien der Effizienzbewertung für ihre hochspezialisierte Praxis.

Die Effizienzbesessenheit in der Politik und anderswo kommt nicht von Kräften, die außerhalb von uns liegen. Und die Übertragung von Verantwortlichkeiten führt nicht zu enttäuschten Politikern, Philosophen oder Pädagogen. Die kürzeren politischen Zyklen, die wir heute antreffen, entsprechen der Dynamik einer Praxis, die sich auf das Unmittelbare im Rahmen eines globalen Daseins konzentriert. Offenbar vollzieht sich ein Übergang vom begrenzten kommunalen Leben, das nach Kontinuität und Beständigkeit strebt, zu einer globalen Gemeinschaft interagierender Individuen, deren Identität selbst variabel ist und die bereit sind, sich auf Diskontinuität und Wandel einzulassen. In diesem Universum können die Handlungen nicht mehr über große integrative Mechanismen wie Sprache oder Behörden koordiniert werden. Eine Alternative hierzu wären begrenzte Operationen, die ihrem Wesen nach Koalitionen entsprechen würden, die man durch Meinungsumfragen oder elektronische Stimmabgabe vorab testet und die man den raschen Veränderungen anpassen könnte. Auch das geschieht inzwischen.

Monarchien symbolisieren die Ewigkeit der Herrschaft; Verträge unter Monarchen sollten die Monarchen überleben. Der Zugang zu einer 15 Minuten währenden politischen Macht, der in einigen Teilen der Welt alles andere als eine Metapher darstellt, ist so wichtig wie jede andere Form der Berühmtheit, da politische Prozesse und Machtverhältnisse immer weniger miteinander zu tun haben und von der Fixierung auf Universalität und Zeitlosigkeit befreit sind. Eine 15 Minuten bestehende Koalition ist so entscheidend wie der Zugang zur Macht und so nützlich wie die von den daran beteiligten Menschen akzeptierten neuen Prinzipien. Statt eines Top-down-Modells finden wir in der Politik zunehmend eine Kombination von Top-down- und Bottom-up-Modellen. Unter diesen Umständen bleibt die Koalitionsbildung eine der wenigen verbliebenen wichtigen politischen Aufgaben. Die Zentren der politischen Macht—Wirtschaft, Recht, Interessengruppen—stellen Pole dar, um die solche Koalitionen gebildet oder aufgelöst werden. Die neue Mitte in Deutschland ist nur ein Name für eine Koalitionsbildung. An und für sich kann man schwer die Linke in der Mitte plazieren.

Man muß sich fragen, ob solche Koalitionen nicht in der universalen Sprache der Schriftkultur entstehen können. Die Schriftkultur wird ja mit dem Argument verteidigt, daß sie einen gemeinsamen Nenner darstellt. Was man dabei vergißt, ist der Umstand, daß Koalitionen nicht unabhängig von ihrem Ausdrucksmedium sind. Auf Schriftkultur beruhende Koalitionen verfolgen Ziele und Handlungen, die mit dem sie erfordernden pragmatischen Rahmen im Einklang stehen. Bedürfnisse, die mit diesem pragmatischen Kontext nicht übereinstimmen, erfordern andere Mittel der Koalitionsbildung. Wenn die Führer der wirtschaftlich stärksten Industrieländer sich auf feste Wechselkurse einigen oder wenn Freund und Feind eine politische Koalition gegen eine Invasion eingehen, die einen Präzedenzfall schaffen und Konsequenzen für die globale Wirtschaft haben könnte, dann kann es den Anschein haben, als seien schriftkulturelle Mittel verwendet worden. Tatsächlich aber sind diese Mittel weitgehend wort- und schriftlos. Sie ergeben sich aus Datenverarbeitung und Verhaltenssimulation auf Finanzmärkten, aus Szenarien der virtuellen Wirklichkeit, die zu Handlungen führen, die kein Drehbuch vorher beschreiben könnte. Während die Politiker vielleicht noch nach einem Drehbuch handeln, wählen die Machtzentren die effizientesten Mittel, um neue Koalitionen zu evaluieren. Folglich besteht kaum ein Zusammenhang zwischen der Autorität politischer Institutionen, die auf schriftkulturellen Voraussetzungen beruhen, und der Dynamik von Koalitionen, die den pragmatischen Rahmen jenseits der Schriftkultur widerspiegeln.

Das Gefühl vom Anfang geht weit über die neuen Staaten, die neuen politischen Mittel oder die Kunst der Koalitionsbildung hinaus. Es ist ein Neuanfang für das neue zoon politikon, für ein gesellschaftliches Wesen, das die meisten seiner gesellschaftlichen Wurzeln verloren hat und dessen menschliche Natur wohl eher mit politischen Trieben als mit kulturellen Leistungen zu definieren ist. Kultur spielt eigentlich keine Rolle mehr. Kultur kann man schließlich nicht mit sich herumtragen. Aber man kann auch sein Dasein nicht ohne politische Mittel aushandeln, die dem neuen gesellschaftlichen Zustand entsprechen, welcher sich strukturell von allem Vorausgegangenen unterscheidet. Das auf sich zentrierte Individuum kann nicht umhin, mit anderen in Beziehung zu treten und sich in bezug auf sie zu definieren: "We Am a Virtual Community" ("Wir bin eine virtuelle Gemeinschaft") ist nicht nur ein anspielungsreicher Titel (von Earl Babble) eines Artikels über Interaktionen im Internet, sondern eine genaue Beschreibung der heutigen politischen Welt. Die spezifischen Beziehungsformen, gerade auch die Wir-binFraktion, sind vielen Faktoren unterworfen, nicht zuletzt der biologischen und kognitiven Neudefinition des Menschen. Wenn alles, buchstäblich alles, möglich und akzeptabel ist, muß das zoon politikon neue Wege für seine Entscheidungen und Ziele finden, ohne dabei Gefahr zu laufen, seine Identität zu verlieren. Das ist wohl die entscheidende politische Schlacht, die die Menschen noch gewinnen müssen.

Kapitel 6:

Gehorsam ist alles

Elektronische Hochpräzisionsaugen auf erdumkreisenden Satelliten nahmen das Abfeuern der Rakete und die Startparameter auf. Daten wurden zur Verarbeitung an ein Computerzentrum weitergeleitet, die verarbeiteten Informationen, Spezifizierungswinkel, Abfeuerungszeit und Flugbahn wurden an AntiRaketenflugkörper weitergegeben, die auf das Abfangen von Feindattacken programmiert waren. Das System—eine riesige verteilte gut verbundene Konfiguration—vereinigt Sachwissen aus elektronischen Sichtvorrichtungen, in einer Software kodiertes Wissen, mit deren Hilfe man Raketenumlaufbahnen (auf der Grundlage von Startzeit, Position, Winkel, Geschwindigkeit, Gewicht und meteorologischen Gegebenheiten) berechnen kann, schnelle Übertragungsnetze und automatische Positionierung sowie Auslösevorrichtungen.

Dieses integrierte System hat schriftgebundene Formen der praktischen Kriegsführung ersetzt. Statt der Handbücher, die früher viele für das Militärpersonal wichtige Parameter und Einsätze beschrieben haben, enthalten jetzt Computerprogramme diese Informationen. Die Programme erübrigen lange Ausbildungszeiten, teure Militärmanöver und die ständige Überprüfung von Handbüchern auf ihre Aktualität. Verteiltes Wissen und Vernetzung haben den Befehl von oben ersetzt. Das beschriebene System enthält eine Vielzahl von Vermittlungskomponenten, die höchst effiziente Kriege ermöglichen.

Weitere Episoden aus dem Golfkrieg liefern Beispiele, die der relativen Vernichtung der berüchtigten (und ineffektiven) SCUD-Raketen ähneln, so z. B. die insgesamt 100 Stunden dauernde sogenannte Bodenschlacht. Diese Schlacht veranschaulichte die tödliche Kraft von Artillerie und Panzern, die Effizienz der Modellierung und der Simulation sowie Planungs- und Testmethoden, die unabhängig von schriftlich fixierter Militärstrategie und -taktik operieren. Die Armee des Feindes war nach Prinzipien organisiert, die aus dem pragmatischen Rahmen der Schriftlichkeit hergeleitet waren: zentralisierte Kommandostrukturen, eine strenge Hierarchie, moderne Militärausrüstung, die Teil eines hauptsächlich sequentiellen und deterministischen Kriegsplans war und auf einer Logik langfristiger Auseinandersetzungen aufbaute.