Der erste Krieg jenseits der Schriftkultur
Dieses Kapitel wurde—die einleitenden Zeilen ausgenommen—konzipiert, als niemand den Konflikt im Arabischen Golf unter Beteiligung amerikanischer Truppen voraussah. Im Verlauf dieses Krieges wurden alle theoretischen Argumente zur Institution des Militärs jenseits der Schriftkultur einem leibhaftigen Test unterzogen, vermutlich weit über unser aller Erwartungen und Wünsche hinaus. Der in den Medien dargestellte Golfkrieg erinnerte an ein Computerspiel oder eine Fernsehshow. Beim Zuschauen gewann ich den Eindruck, als ob jemand einen Teil meines Textes genommen und über die Nachrichtenkanäle übertragen hätte. Die Geschichte gab gute Schlagzeilen ab; aber aus dem Kontext gerissen, bzw. auf den Kontext einer auf einen Fernsehbildschirm reduzierten Wirklichkeit beschränkt, blieb ihre Gesamtbedeutung unklar. In mancherlei Hinsicht wurde der bewaffnete Konflikt letztlich trivialisiert, eine weitere Vorabendserie, ein Zuschauersport. Andere Berichterstattungen informierten über die Frustrationen in der Truppe hinsichtlich der knappen Zahl an Telefonleitungen. Auch hieß es, daß der traditionelle Brief durch die Videokassette ersetzt wurde. Wir erfuhren ebenfalls von einer fast schon magischen Vorrichtung namens CNX, die allen, die auf diesem riesigen Wüstenkriegsschauplatz dienten, zur Orientierung verhalf. Man berichtete desweiteren über die vorgefertigten Lebensmittel mit ihren exotischen Namen und über den Zeitvertreib der Truppen.
Schließlich geriet der Kontext mehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Dies sollte der erste Krieg einer Zivilisation jenseits der Schriftkultur werden: eine äußerst effiziente (das Wort erhält hier eine ungewollt zynische Konnotation) Aktivität, die nicht sequentielle, größtenteils parallel verlaufende praktische Erfahrungen beinhaltet. Hierfür war präzise Synchronisation (jedes Versagen kostete Opfer vor dem euphemistisch umschriebenen "verbündeten Feuer"), verteilte Entscheidungsfindung, intensive Vermittlung, höchste Spezialisierung und Aufgabenverteilung notwendig. Diese Merkmale verkörperten eine Ideologie von relativem Wert, die vom politischen Diskurs und moralischen Prinzipien losgelöst war. Niemand erwartete von diesem Krieg, daß er Pfeil und Bogen oder gar das Rad neu erfinden würde. Möglicherweise hatten einige Offiziere von einem Buch mit dem Titel Die Kunst des Kriegs (verfaßt von Sun Tzu 325 v. Chr. oder früher) schon einmal gehört oder von anderen einschlägigen Büchern, die die Bibliotheken der Militärakademien und der renommierten Forschungseinrichtungen füllen. Aber dieser Krieg wurde nicht für das Buch, im Namen des einen Buches (Koran oder Bibel) geführt, und auch nicht auf eine Art und Weise, wie sie in Büchern beschrieben ist. In gewisser Weise war der Golfkrieg wahrhaftig die "Mutter aller Schlachten", indem er die Regeln des Krieges neu formulierte—oder sich von ihnen verabschiedete.
Alle Merkmale der Zivilisation jenseits der Schriftkultur finden sich in den praktischen Erfahrungen des heutigen Militärs. Hochvermittelte Praxis mit Hilfe von digitalen Speichern und Abrufen von Informationen; die Ablösung früherer wirtschaftlicher Knappheit in Kriegszeiten durch einen Überfluß an Verteidigungs- und Zerstörungseinrichtungen; Ersatz der kriegsrelevanten Fakten (deren Ermittlung das Eindringen in feindliches Terrain erforderte) durch Bilder und Bildverarbeitungstechnologien; eine Verschiebung von einer hierarchischen Struktur strenger Autoritäts- und Befehlslinien zu einem relativ offenen Kontext, der die Entscheidung den einzelnen Soldaten weitgehend überläßt; an Stelle von Entbehrung und Isolation von allen nicht-militärischen Bereichen (Bedingungen, die früher als Teil einer Militärkarriere akzeptiert waren), Freizeit und Vergnügungen, die sich aus der allgemeinen Permissivität der Gesellschaft ergaben. Daß einige dieser Erwartungen unerfüllt blieben, wurde kritisiert, aber nicht wirklich verstanden. Die Gastgeber der amerikanischen Armee leben nach anderen Maßstäben. Das muslimische Gesetz verbietet Alkohol und bestimmte Formen der Unterhaltung ebenso wie das Beerdigen von Ungläubigen in einem Land, das sich als heilig versteht.
Der Golfkrieg war an seinen verschiedenen Fronten kein Krieg unvereinbarer Religionen, Moralvorstellungen oder Kulturen. Es handelte sich um einen Konflikt zwischen einer künstlich erhaltenen Schriftkultur, in der reiche Ölvorräte als Puffer gegen Effizienzmaßnahmen in allen Bereichen des Lebens dienten, und einer anderen Zivilisation, die durch Schriftlosigkeit sowie durch eine nach Energie dürstende, globale Wirtschaft mit hoher Effizienzdynamik gekennzeichnet ist. Die Schlußoffensive mag Kriegsgeschichtler und Militärstrategen an das Überraschungsmanöver des Epaminondas (371 v. Chr.) in der Schlacht von Leuctra erinnert haben: statt eines Frontalangriffs ein Angriff auf eine Flanke. General Schwartzkopf ist kein Epaminondas. Seine Mission war erfolgreich, weil die Aufgaben in einer internationalen Armee—eher ein Fluch als ein Segen—verteilt waren, was zu vielen Flanken führte. Helmuth von Moltke änderte im deutsch-französischen Krieg (1870/71) die Befehlsstruktur zu den untergebenen Offizieren, indem er sie unter sehr weitgefaßten Richtlinien agieren ließ. Die Generäle und Kommandeure der zahlreichen am Golfkrieg beteiligten Armeen nutzten die Vorteile der Netzwerke und führten einen Angriff mit höchst effizienten und kostspieligen Vernichtungstechnologien nach einem Plan, der von den heutigen Computern wiederholt simuliert wurde.
Da ich aber schon eingeräumt habe, daß ich einen Großteil dieses Kapitels drei Jahre vor dem Golfkrieg geschrieben habe, könnte man einwenden, daß ich den Krieg durch die Brille meiner Hypothese betrachtet und nur das gesehen habe, was ich sehen wollte, um mein Modell bestätigt zu sehen. Ich glaube aber, daß ich die Argumentation in der ursprünglichen Fassung beibehalten sollte, so daß die Ergebnisse die angebotenen Antworten kommentieren mögen.
Krieg als praktische Erfahrung
"Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln", schrieb Carl von Clausewitz (Über den Krieg, 1818). Es ist schwierig, dem zu widersprechen, aber man könnte diese Feststellung historisch relativieren und folgendermaßen paraphrasieren: Krieg ist die Fortsetzung des Überlebenskampfes einer Gesellschaft, die die verfügbaren Ressourcen zu kontrollieren und zu verteilen beansprucht. Entsprechend orientiert sich der Kampf an den Strukturen anderer praktischer Erfahrungen. Die Jagd—eine frühe Kampferfahrung ohne menschlichen Gegner—erforderte Waffen, die schließlich auch zum Krieg taugten. Es waren die Werkzeuge, die die primitiven Menschen nutzten, um Nahrung zum eigenen Überleben und für das Überleben der Gemeinschaft zu beschaffen. Zukünftige Aspekte dieser Aktivitäten und die damit assoziierten moralischen Werte lassen uns manchmal vergessen, daß die synkretistische Natur der Menschen, d. h. die Projektion natürlicher Anlagen in die praktische Erfahrung, im Synkretismus der benutzten Werkzeuge zum Ausdruck kommt. Dieser Synkretismus ergab sich aus der Arbeitsteilung, deren frühes Ergebnis der Berufssoldat ist.
In dem Maße, in dem sich die militärischen Werkzeuge von den Arbeitswerkzeugen zu unterscheiden begannen, trat eine konzeptuelle Komponente (Taktik und Strategie) hinzu. Sie bestand aus einer bestimmten Abfolge, einer eigenen Logik und einer Methode, auf Feindesmanöver zu reagieren. Von Clausewitz betonte ausdrücklich, daß der Krieg eine Fortsetzung der Politik ist; frühere Äußerungen zu diesem Thema behandelten den Krieg als Teil der Lebenspraxis. Zwei byzantinische Herrscher, Maurice (539-602) und Leo der Weise (836-911) versuchten militärische Strategien und Taktiken pragmatisch zu begründen. Ihnen zufolge bestimmt der pragmatische Rahmen die Natur des Konflikts, die Kriegsbedingungen und die Waffen. Tatsächlich stand jede uns bekannte Veränderung in der militärischen Ausrüstung im Einklang mit den Veränderungen der Praxiserfahrungen einer Gesellschaft. Die Erfindung des Steigbügels durch die Chinesen (600) verbesserte deren Reitkünste. Dies ermöglichte eine Kriegsführung, in der das Rückgrat der Schlachtformation nicht mehr aus Fußsoldaten, sondern aus berittenen Soldaten bestand. Mechanische Apparate (z. B. das im Jahr 1100 erwähnte Trebuchet) zum Schleudern großer Steine oder anderer Wurfgeschosse verlagerten die Kriegsanstrengungen von umfangreichen Verteidigungsmaßnahmen (die vor dem 14. Jahrhundert erbauten Festungen, Stadtmauern und Burgen) hin zu Offensivstrategien. Das gleiche galt für die Kanonen, die die Türken bei der Eroberung Konstantinopels (1453) einsetzten. Aber nicht die militärische Praxis als solche interessiert uns, sondern ihre Bedeutung für die Sprache und die Schriftkultur.
In einer begrenzten Skala menschlicher Aktivitäten mit vielen autarken, kleinen Gruppen bestand kaum ein Bedarf an organisierter Kriegsführung oder an speziell ausgebildeten Soldaten. Rudimentäre militärische Praxis mit ihren beiden Komponenten von Angriff und Verteidigung wurde erst in einer erweiterten Skala relevant. Diese Entwicklung vollzog sich parallel zur Entstehung der Sprache, besonders der Schrift. Das erwähnte Buch von Sun Tzu und weitere frühe Zeugnisse von Kriegen (in Mythologie, religiösen Werken, Epen und philosophischen Texten) sind hier zu nennen. Diese militärische Praxis vereinte Überlebenstechniken und -werkzeuge, wie zum Beispiel Jagen und die Abgrenzung und Bewachung des Gebiets, das die Nahrung lieferte.