Das Bewußtsein von den verfügbaren Ressourcen entsprach dem Bewußtsein der Skala. Die Skala, die aus einem Mitglied einer Lebensgemeinschaft auch einen Krieger machte, ergab sich aus den frühen Siedlungsformen, dem erhöhten Bedarf an Nahrungsmitteln, aus größerer Produktivität und Besitzanhäufung—woraus sich wiederum die Notwendigkeit herleitete, die Sprachverwendung über die Unmittelkeit der Mündlichkeit hinaus zu entwickeln. Die Effizienz von Arbeit und Kampf war in etwa auf der gleichen Ebene angesiedelt. In gewisser Weise dauerten Kriege ewig; der Frieden war nur eine Erholungspause zwischen den militärischen Auseinandersetzungen. Gefangenschaft (meist gleichbedeutend mit Sklaverei) unterstrich die Bedeutung menschlicher Arbeitskraft und Tüchtigkeit für die Sicherung einer Gemeinschaft, die Vermehrung des Reichtums der Mächtigen und den Lebensunterhalt aller anderen. Auch die soziale Struktur des Militärs war an Effizienz und Vermittlung gebunden. Zwar wurde die Kampfeffizienz in Größenordnungen von gezielter Zerstörung oder Bewahrung (des Lebens und lebenswichtiger Einrichtungen) gemessen, sie umfaßte jedoch auch Verteidigungsmaßnahmen, deren Ziel es war, Zerstörungen durch den Feind gering zu halten oder zu verhindern.

Während einzelne Konflikte keine weitere über die Mündlichkeit hinausgehende Sprache erforderten, wurde bei Konflikten zwischen größeren Gruppen der Bedarf nach einem Koordinierungsinstrument deutlich. Neue Wörter und Konstruktionen bezeugen derartige Konflikte und die mit ihnen assoziierten magisch-mythischen Manifestationen. Die Sprache projizierte diese Erfahrung auf den Hintergrund verschiedener anderer Praxiserfahrungen. Schon immer besaßen Armeen jeglicher Art, unter jeder Regierungsform, wegen ihrer besonderen Funktion einen Sonderstatus in der Gesellschaft. Natürlich hat die Schrift keine Armeen geschaffen, aber sie bot doch (selbst in den rudimentärsten Notationsformen) die Voraussetzung dafür. Die Schrift beeinflußte die Kriegsführung: als Auflistung von Mitteln und Menschen, als Bericht über Kriegshandlungen und deren Folgen, als Planungsinstrument. Alle Bestandteile dieser Institution objektivieren den Zweck des Krieges in einer bestimmten Zeit. Sie objektivieren zudem die Beziehungen innerhalb einer Gesellschaft, und, während Friedenszeiten, zwischen einer Gesellschaft und ihren Soldaten. Die Objektivierung vollzieht sich durch die Sprache. Die Sequenzialität der Schrift und die Notwendigkeit, konfliktbezogene militärische Abläufe auszudrücken, gehören zusammen. Das Zitat von Clausewitz ist nur die sprachliche Fortschreibung der vielen Aspekte des Krieges.

"Konnte Gideon hebräisch lesen? Konnte Deborah es?", mögen jetzt manche mit Blick auf die Heerführer des Alten Testaments fragen. Andere könnten Beispiele aus den griechischen Epen und den Chroniken des Nahen Osten anführen. Die römische Mythologie und die Zeugnisse des Islam geben keinen Aufschluß darüber, ob all ihre Krieger lesen und schreiben konnten. Aber sie geben uns Aufschlüsse über die Umstände, die zur Einrichtung einer Armee als eine eigenständige Institution in Fortsetzung der synchretistischen Praxiserfahrung führten, und darüber, wie sich diese Institution allmählich ihren eigenen Daseinsbereich und ihre eigene Daseinsberechtigung schuf.

Die Veränderungen in der Kriegsführung entsprechen den unterschiedlichen Ebenen der Schriftkultur: von dem persönlichen Kampf zwischen zwei Kriegern, der kaum Sprache verlangte und mit dem Sieg des Stärkeren endete, hin zu den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen vielen Menschen, bei denen hoch entwickelte Technologien—die ebenfalls wenig Sprache erforderte—eine entscheidende Rolle spielte. In jenen Formen der kriegerischen Auseinandersetzung, in denen sich zwei Armeen direkt gegenüberstanden, trug die Sprache die entscheidenden Koordinationsleistungen. Zur Bestimmung der Kriegsziele, zur Formulierung und Verbreitung der Pläne, auch zur Veränderung der Pläne an veränderte Bedingungen war die Sprache mindestens ebenso wichtig wie die Zahl der Pferde, die Qualität der Waffen und der Munition. Wie beim Jäger lag die Fähigkeit des Soldaten im Angriff und in der Verteidigung und darin, bei sich verändernden Machtverhältnissen die Mittel an die Ziele anzupassen. Die ersten und vermutlich die meisten Kriege wurden geführt, bevor es eine allgemein verbreitete Schriftkultur gab. Die bedeutendsten uns bekannten Krieger alter Zeiten—die ägyptischen Pharaonen Thutmosis III. in der Schlacht um Meggido (1479 v. Chr.), Ramses II. in der Schlacht bei Kadesch gegen die Hethiter, Nebukadnezar und Darius, die Spartaner unter Leonidas (480 v. Chr.), Alexander der Große (bei der Eroberung Babylons 330 v. Chr.), Julius Cäsar (49-46 v. Chr.) und Octavian (31 v. Chr.) und die zahllosen chinesischen Krieger aus dieser und späterer Zeit—benötigten für ihre Kriege keine Schriftlichkeit und Schriftkultur. Ihre Strategien ergaben sich aus den gleichen Erwartungen und pragmatischen Notwendigkeiten, die schließlich zur Herausbildung der Schrift führten.

Kriege wurden geführt auf gut ausgewähltem Terrain, von Soldaten, die Befehle ausführten, die einem begrenzten Befehlsrepertoire entnommen wurden. In der Terminologie der generativen Grammatik: Es gab eine eingeschränkte Sprache des Krieges mit nicht allzuvielen Möglichkeiten zur Generierung von Kriegssätzen. Als sich mit den verbesserten Arbeits- und Produktionsmethoden die Mittel der Kriegsführung mehrten, konnten die Befehlshabenden mehr Kriegstexte, mehr Drehbücher schreiben. Mit zunehmender Kriegseffizienz stieg auch die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenbruchs der militärischen Anstrengungen aufgrund mangelnder Integration und Koordination. Die militärische Struktur spiegelte die Merkmale einer menschlichen Praxis wider, die zur Schriftsprache und später zur Schriftkultur führte: eine relativ geringe Dynamik; zentralisierte, hierarchische Organisationsformen; ein geringes Anpassungsniveau; eine strikt sequentielle Handlungsweise und eine deterministische Mentalität. Durch die Jahrhunderte hindurch entwickelte sich mit dem Fortschritt von Wissenschaft und Technologie die Waffentechnik und Militärstrategie weiter.

Der Rahmen, der das Ideal der Schriftkultur schuf, berührte nicht nur die technische Kriegsführung, sondern auch die Strategie, nach der Kriege ausgespielt wurden. Ungeschützte vorrückende Linien waren Teil einer Konfrontationsdynamik, die die im alltäglichen Leben vorherrschende Linearität widerspiegelte. Eine Reihe nach der anderen feuerte ihre Salven ab und ging dann zum entscheidenden Bajonettangriff über. Die Struktur der Schrift (Sequenzen, Hierarchie, Akkumulation, Abschluß) und die Struktur dieses besonderen Militäreinsatzes ähneln einander. Schriftkundigkeit gehörte erst sehr spät zum Qualitätsprofil eines Soldaten. Nachdem sie aber erst einmal Bestandteil der militärischen Selbstkonstituierung war, veränderte sie die Kriegsführung und erhöhte die militärische Effizienz. Nun handelte es sich nicht mehr um Gefechte zwischen verfehdeten Feudalherren, sondern um große Konflikte zwischen Nationen. Diese Konflikte wurden zwar seltener, gewannen aber an Intensität. Ihre Dauer entsprach den relativ langen Produktions-, Verteilungsund Verbrauchszyklen, die die schriftkulturelle Praxis kennzeichnen.

Der Krieg wurde bestimmten Regeln unterworfen. Er wurde zivilisiert, zumindest in einigen Aspekten. Die katholische Kirche als Hüter der Schriftkultur im Mittelalter, in dem viele kleinere Kriege zwischen verfehdeten Feudalherren ausgetragen wurden, übernahm dabei die Führung. Zum Schutz von Nahrung und Leben in den barbarischen Gesellschaften Europas nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches versuchte die einzig wirksame Machthierarchie, die Soldaten mit den schriftkulturellen Gesetzen der Kirche zu bändigen. Die weltlichen Herrscher akzeptierten diese Vorschriften, nicht ohne eigene pragmatische Überlegungen im Hinterkopf. Man brauchte ein Jahrtausend um zu begreifen, daß ein Krieg niemals endgültige Ergebnisse zeitigt. Aber man lernte auch, daß Kriegserfahrung neues Wissen schuf (etwa über die verwendeten Mittel, über klimatische Strukturen und geographische Territorien, über Merkmale des Feindes) und Kreativität freilegte—was man die Kunst des Krieges nennt. Im Angesicht von Tod und Zerstörung sind Kriege jedoch auch die erbarmungslosesten Schulen unseres Lebens.

Das Militär als Institution

Theodor Heuss nannte die allgemeine Wehrpflicht das Kind der Demokratie. Die allgemeine Wehrpflicht wurde in der französischen Revolution eingeführt—Levée en masse von 1793. Der Bürgersoldat ersetzte Söldner und Berufssoldaten. Der Ruf "Aux armes, mes citoyens", der zu einer Strophe der französischen Nationalhymne wurde, glorifizierte die Hoffnungen jenes Augenblicks. Preußen folgte dem Beispiel aus wirtschaftlichen Gründen: billige Menschenkraft für den Krieg. Auf dem langen Weg, eine gesellschaftliche Institution zu werden, erhielt das Militär die Unterstützung des Staates, den es verteidigte, oder der privaten Institutionen (Kirche, Landbesitzer, Kaufleute), die seine Dienste benötigten.

Im Gegenzug richtete die Institution ihre Strukturen an den praktischen Erfahrungen der Menschen aus und erhöhte ihre Effizienz. An jedem entscheidenden Entwicklungspunkt des Menschen mußte das Militär eine Effizienz beweisen, die es als entscheidenden Faktor bei der Verteidigung der Ressourcen rechtfertigte. Wenn die Effizienz nicht mehr genügte und das Militär die sozio-ökonomischen Fundamente zu sehr belastete, wurde es gestürzt, wie wir es an Militärdiktaturen immer wieder beobachten können.