Wie andere stark strukturierte Handlungsbereiche des Menschen identifizierte sich das Militär durch repetitive Handlungsformen. Jede einzelne Handlung konnte verstanden werden als eine gegebene Menge von weiteren Aufgaben oder Befehlen, die wiederum mit bestimmten Motivationen und Rechtfertigungen verbunden waren und die insgesamt die dem Militär spezifische Arbeitspraxis darstellten. Einige dieser Strukturen bezogen sich auf das Leben innerhalb dieser Organisation, etwa die Möglichkeit der Beförderung oder die Beeinflussung zukünftiger Handlungen. Sie waren intern in dem Sinne, daß sie von den impliziten Regeln abhingen, die diese Institution sich gegeben hatte. Andere waren externer Art und drückten das Verhältnis zwischen Militär und Gesellschaft aus: Symbolstatus, Machtbeteiligung, Akzeptanzerwartungen.
Entwicklungen im militärischen Bereich führten zu Veränderungen in der Sprache, die die für die militärische Praxis charakteristischen Interaktionen definierte und modifizierte. Die Sprache paßte sich zunehmend dem militärischen Ziel—dem Sieg—an und löste sich von der alltäglichen Sprache, die Träger jenes Diskurses war, in dem sich die Kriegsgründe herauskristallisierten. Dementsprechend fanden auch die Beziehungen zur Außenwelt—zu den zukünftigen Militärangehörigen, zu den sozialen, politischen und kulturellen Institutionen und zur Kirche—in einer Sprache statt, die sich von der alltäglichen Sprache immer weiter entfernte.
Mit den Veränderungen in der Struktur der Lebenspraxis und mit den Veränderungen, die aus einer wachsenden Skala resultierten, ergaben sich auch Veränderungen im Militärbereich. Wenn sich die Individuen überwiegend als schriftkulturell gebildete Individuen konstituierten, mußte auch das Militär die Erwartungen und Merkmale der Schriftkultur übernehmen. Vermutlich ergaben sich daraus die ersten Militärakademien. Von Moltkes Überlegungen über veränderte Verhältnisse zwischen Offizieren und Untergebenen nahmen viele Fortschritte in der Kriegstechnologie vorweg: den Einsatz dampfgetriebener Kriegsschiffe (durch die Japaner im Krieg gegen Rußland 1905); die Einführung von Radio, Telefon und automotivem Transport (im Ersten Weltkrieg); und das (von Erich Lindendorf entwickelte) Konzept des totalen Krieges. Alle Entwicklungen ergaben sich in einem pragmatischen Rahmen, in dem Schriftkultur nötig war und in dem sich die Merkmale der Schriftkultur in allen Formen der Lebenspraxis widerspiegeln. Der totale Krieg ist seiner Struktur nach der Vorstellung von einer universalen Bildung und Schriftkultur ähnlich: in der Forderung, das eine einzige Schriftkultur und Bildung alle anderen zu ersetzen habe. Und die stillschweigende Erwartung der Dauerhaftigkeit der Institution, die sich in den Regeln und Bestimmungen, den Hierarchien und zentralistischen Strukturen niederschlägt, ähnelt denen von Staat, Industrie, Religion, Bildungswesen, Wissenschaft, Kunst und Literatur. Das gleiche gilt für Zentralismus, Hierarchie und Disziplin. Das erklärt im übrigen, warum fast alle Armeen dieser Welt ähnliche, auf Schriftkultur basierende Strukturen angenommen haben. Im Gegensatz dazu sind zum Beispiel Guerillakriege insofern analphabetisch, als sie nicht auf den Konventionen der Schriftkultur beruhen. Sie entfalten sich dezentralisiert und gründen auf der Dynamik sich selbst organisierender kleiner Zentren. Deshalb werden sie von allen Militärstrategen als so gefährlich angesehen.
Die militärischen Handlungsmuster und die sich wiederholenden Sprachmuster, die wir mit diesen militärischen Handlungen assoziieren, drücken die Haltungen und Werte dieses pragmatischen Rahmens aus. Auf dem Höhepunkt der schriftkulturellen Entwicklung verfolgte zum Beispiel England eine stark strukturierte, fast schon ritualisierte Art der Kriegsführung. Zu den Hauptklagen während der amerikanischen Revolution gehörte, daß die Bewohner der Kolonien nicht nach den Regeln kämpften, die das schriftkulturell gebildete Westeuropa die vergangenen Jahrhunderte hindurch aufgestellt hatte. Mit dem Umbruch, der zu einem Stadium jenseits der Schriftkultur hinführte, erschöpften sich diese Haltungen und Werte und mit ihnen die Sprache und die Muster militärischer Handlungen, es sei denn, sie wurden auf andere Bereiche, insbesondere auf Politik und Sport, übertragen.
Nachdem sich das Militär als gesellschaftliche Institution etabliert hatte, wurde es zu einem Selbstzweck und bestimmte die Regeln des sozialen und politischen Lebens, statt sie von dort zu übernehmen. Nach den beiden Weltkriegen übernahm das Militär in vielen Ländern unter verschiedenen politischen und ideologischen Vorwänden die Macht. Militärdiktaturen oder vom Militär gestützte Diktaturen, die die gleichen Merkmale wie zentralistische Monarchien oder auch Demokratien unter einer Präsidialverfassung aufwiesen, schossen überall dort aus dem Boden, wo sich andere Regierungsformen als ineffektiv erwiesen hatten. In vielen Teilen der Erde, die sich noch immer an wirtschaftlichen und politischen Modellen der Vergangenheit orientieren, also zum Beispiel in Südamerika, dem Nahen Osten und Afrika, geschieht dies noch heute.
Vom schriftgebundenen zum schriftlosen Krieg
Der letzte unter dem Zeichen der Schriftkultur geführte Krieg war vermutlich der Zweite Weltkrieg. Die Tatsache, daß der letzte Weltkrieg mit dem Abwurf der Atombombe beendet wurde, ist ein weiterer Beleg dafür, daß eine Skalenveränderung in einem Lebensbereich zwangsläufig ihre Auswirkungen auf alle anderen Lebensbereiche hat. Die Millionen von Kriegsopfern (von denen die meisten nach den Maßstäben der Schriftkultur erzogen worden waren) läßt uns zögern, in diesem Zusammenhang von Bildung und Schriftkultur zu sprechen; das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die systematische Grausamkeit und die Vernichtungskraft des Krieges aus Merkmalen der Schriftkultur resultierten, die die Effizienz der Kriegsmaschinerie und die Ausformulierung der Kriegsziele ermöglicht. In der Geschichte des Zweiten Weltkriegs ist das Kapitel über die Sprache vermutlich genauso aufschlußreich wie ein Kapitel über die neuen Waffen, die in diesem Krieg entwickelt wurden: die Vorläufer der modernen Raketensysteme und die Atombombe. Alle Kriegsteilnehmer wußten, daß der Feind ohne die integrierende Kraft der schriftkulturellen Leistung nicht siegen konnte. Viele Bücher sind darüber geschrieben worden, wie die Sprache der politischen und ideologischen Diskurse die Feindseligkeit eskalieren lassen. Viele der in diesem Krieg artikulierten Vorurteile wurden in Sprachwerken von höchstem sprachlichen Niveau formuliert und von perfekten, logischen Argumenten getragen. Andere Verfasser hoben indes auch die Schwächen der Schriftkultur hervor. Roland Barthes zum Beispiel untersuchte ihre faschistische Natur. Andere führten die Unangemessenheit dieses Mediums auf dessen mangelnde Klarheit zurück; es sei so opak, daß es Gedanken verberge, statt sie aufzudecken, daß sie falschen Werten einen Sinn verleihe, statt sie als das hinzustellen, was sie de facto waren.
Und tatsächlich wurde die Sprache der Politik die Sprache des Krieges. Über Radio, Zeitungen und Massenkundgebungen erreichte sie ganze Nationen. Die Industrie, auf der die Kriegsmaschinerie ruhte, verkörperte in allem die Merkmale der schriftkulturellen Lebenspraxis. Das industrielle Modell intensiver Produktion läßt sich an diesem Fall gut ablesen. Millionen Menschen mußten an zahlreichen Fronten bewegt, ernährt und logistisch geführt werden. Eine Wirtschaft in der Krise, die alles andere als Überfluß bot, gehörte zu den Antriebskräften dieses Krieges. Deutschland und seine Alliierten hatten auf einen Blitzkrieg gesetzt und alle begrenzten Ressourcen auf die Vorbereitung und Durchführung dieses Krieges aufgewendet. Europa war gerade dabei, sich von der Wirtschaftskrise in der Folge des Ersten Weltkrieges zu erholen. Mit dem Sieg versprach man den Menschen den wohlverdienten Lohn. Die Schriftkultur wurde in allen Bereichen, in denen sie etwas bewirken konnte, mobilisiert: in Bildung, Propaganda, religiöser und nationaler Indoktrination, in den rassistischen Rechtfertigungsdiskursen und in der Formulierung der Kriegsziele. Sie richtete sich an die Soldaten an der Front und an ihre Familien in der Heimat. Sie unterstützte Selbstdisziplin und Entsagung, förderte Zentralismus und Hierarchie und lange, intensive Arbeitszeiten bei relativ stabilen, wenn auch nicht unbedingt fairen Arbeitsbeziehungen.
Sehr fortgeschrittene Formen der Arbeitsteilung und eine verbesserte Koordination aller beteiligten Gruppen, also alle Merkmale industrieller Produktionsweise, kennzeichneten auch die militärische Praxis. Der Krieg führte zu Konfrontationen zwischen riesigen Armeen, die auf allen Seiten praktisch die gesamte Zivilbevölkerung mit einbezogen. Es gab Aushungerungsstrategien (Blockaden, Getreidevernichtung, die Unterbrechung lebensnotwendiger Tätigkeiten), und es gab die totale Vernichtung. Millionen von Menschen wurden ausgelöscht. In der Struktur der Armee spiegelte sich die zugrundeliegende Struktur des pragmatischen Rahmens. In ihrer Funktionsweise spiegelte sich das Industriesystem, das darauf zugeschnitten war, riesige Mengen an Rohstoffen zu verarbeiten, um uniforme Produkte in Massenproduktion herzustellen.
Das, was die Schriftsprache der Schriftkultur zum entscheidenden Faktor für die Arbeit und die Marktabläufe werden ließ, machte sie auch in den für die militärischen Ziele angemessenen Formen für die Kriegsführung unentbehrlich. Deshalb wurden auch alle nur denkbaren Anstrengungen unternommen, diese Sprache als Leistungsträger der eigenen Bemühungen und als Sprache des Feindes zu verstehen. Keine Anstrengung wurde unterlassen, um so schnell wie möglich an die sprachlich codierten Informationen über Taktik und Strategie heranzukommen und um dieses sprachliche Wissen umgehend in Gegenstrategien und Überraschungsangriffe umzusetzen. Sprache wurde zu einem entscheidenden Operationsbereich. Man entschlüsselte die Codes des Feindes und sparte nicht an Geld, Intelligenz oder Menschenleben, wenn es darum ging, die gegnerischen Pläne zu entschlüsseln. Die klügsten Köpfe wurden herangezogen, um Täuschungsstrategien zu entwickeln und umzusetzen: die Sprache des Feindes war der direkte Zugang zu dessen Gedanken.