Natürlich ist die Sprache des Krieges etwas anderes als die Sprache unseres Alltags; aber sie hat doch ihren Ursprung in der Alltagssprache und wird in ihr ausgedrückt. Strukturell sind beide Sprachen gleich. Mit dem Zugang zur Sprache des Feindes habe ich einen Zugang zu seinen Plänen. Viele sind davon überzeugt, daß der entscheidende Schlag im Zweiten Weltkrieg die Entschlüsselung des Codes der deutschen Enigma-Maschinen war; somit wäre bei allen Anstrengungen von Millionen Menschen die Sprache zum entscheidenden Faktor des Krieges geworden. Polnischen Geheimschriftanalytikern und dem Britischen Geheimdienst mit Alan Turing (der Vater des modernen computergestützten Rechnens) gelang es, Nachrichten zu entziffern, zu rekonstruieren, zu übersetzen und sie neu verschlüsselt in alliierten Codes (das sogenannte ULTRA-Material) als entscheidende taktische Waffen zu verwenden.

Gegen Ende des Krieges hatte sich die Welt bereits nachhaltig verändert. Im Rahmen des Krieges und im direkten Zusammenhang mit den Veränderungen in den Formen der menschlichen Selbstkonstituierung hatte ein Strukturwandel eingesetzt, der eine veränderte Lebens- und Arbeitsdynamik mit sich brachte. Verschiedene Lebensaspekte, die den Krieg letztendlich verursacht hatten, wurden durch die neuen lebenspraktischen Umstände in Frage gestellt und durch neue Bedürfnisse ersetzt: dazu gehörte insbesondere die Einsicht, nationale Interessen zu überwinden und Grenzen zu überschreiten, besonders die im Krieg zum Ausdruck gebrachten Grenzen von Haß und Zerstörung; die Einsicht in die Notwendigkeit, Ressourcen zu teilen und auszutauschen. Sehr weit vorausschauende Beobachter erkannten auch, daß trotz der Opfer, die der Krieg gefordert hatte, das Bevölkerungswachstum rasant ansteigen und eine neue Skala der Lebenspraxis erfordern würde, die sich in einem fest strukturierten, unflexiblen System mit nur wenigen Freiheiten kaum würde entfalten können.

Der Golfkrieg und die nicht enden wollenden weltweiten Terroranschläge können rückblickend als Produkt eines Krieges verstanden werden, der der Schriftkultur ein Ende bereitet hat. Der Blitzkrieg und der Abwurf der Atombombe über Hiroshima und Nagasaki boten nur einen Vorgeschmack auf den schnellen, effizienten schriftlosen Krieg, zu dessen jüngsten Entwicklungen ausgeklügelte genetische Texte und eine Nanotechnologie gehören, die dem Laien als ein blühendes Produkt aus Science-fiction-Romanen erscheint.

Der Nintendo-Krieg

Überall auf der Welt verfügt das Militär über die modernste Technologie. Selbst Länder, die sich aufgrund ihrer Bevölkerungsdichte, der relativ niedrigen Löhne und der bestehenden allgemeinen Wehrpflicht eine unzeitgemäß große Armee leisten können, bemühen sich unverhohlen um das Beste und Neueste, was Wissenschaft und Technologie an Waffen zu bieten haben. Der Rüstungsmarkt ist vermutlich der allumfassendste aller Märkte. Am beunruhigendsten ist dabei sicherlich, daß sich der menschliche Geist zum Handlanger von Tod und Zerstörung macht. In manchen Ländern reichen die Nahrungssmittelvorräte gerade für ein oder zwei Erntezyklen, während das Militär mit Vorräten für einen jahrelangen Einsatz ausgestattet ist.

Heute verfügt das Militär über die ausgeklügeltsten Technologien, die je entwikkelt wurden. Gleichzeitig beklagt die Öffentlichkeit den geringen Bildungsstand der Truppen. Das gilt wohl weniger für die Befehlsebene als für die eingezogenen jungen Soldaten. Armeen unterweisen die Rekrutierten im Umgang mit Waffen, von denen die meisten für Schriftunkundige entwickelt wurden, und im Lesen und Schreiben. Letzteres festigt wohldosiert Ideologie, Religion, Geschichte, Geographie, Psychologie und Sexualverhalten. Die Situation ist paradox: Die heutigen militärischen Anforderungsprofile—moderne Technologie, Aufgabenverteilung, Netzwerke und verteilte Verantwortung—stehen im Konflikt mit den traditionellen militärischen Tugenden—klare Befehlsstruktur, Hierarchie, Autorität und Disziplin. Die technologischen Mittel, die die Schriftkultur überflüssig machen, sind offenbar willkommen, aber ihre Auswirkungen auf die Beschaffenheit des Menschen erscheinen besorgniserregend.

Ein schriftgebildeter Soldat kann natürlich besser indoktriniert und den Regeln und Zwängen unterworfen werden. Aber das Gesicht des Krieges hat sich verändert: für die schnellen Abläufe ist das Lesen—von Anweisungen, Befehlen, Botschaften—unzureichend, ja sogar gefährlich. Um Ziele anzuvisieren, die sich mit enormer Geschwindigkeit nähern, benötigt man die Mittlerdienste des digitalen Auges. Konflikte sind heute so segmentiert wie die Welt insgesamt, erkennbare Grenzen zwischen Gut und Böse bestehen nicht mehr. Angesichts der komplexen Dynamik heutiger Konflikte ist eine zentralistisch organisierte militärische Praxis mit Autoritäts- und Hierarchiestrukturen kontraproduktiv.

Der Vietnamkrieg ist hierfür ein dienliches Beispiel. Befehle wurden von oben an die Truppen weitergegeben, über Truppenführer, die für die Kriegsführung in Vietnam nicht ausgebildet waren. Sogar der Präsident der Vereinigten Staaten schaltete sich ein, allzu oft mit Entscheidungen, die den Kriegsverlauf negativ beeinflußten. Die USA vergaßen die Lehren ihrer eigenen Geschichte, indem sie die in der Schriftkultur entwickelte europäische Kriegsführung für den illiteraten Dschungelkrieg übernahmen. Später veröffentlichte Memoiren (etwas die von Robert MacNamara) decken auf, wie das in Regierung und Militär verkörperte schriftkulturelle Paradigma der Öffentlichkeit wichtige Informationen vorenthielt, die rückblickend den Verlust so vieler Menschenleben sinnlos machen.

Der Luxus einer großen Armee und die Kosten für lange militärische Ausbildungszeiten gehören einer überholten Lebenspraxis an. Ein Soldat auf Lebenszeit ist ein Anachronismus. Die Kriegswirklichkeit verändert sich mit der Geschwindigkeit, in der neue Waffensysteme entwickelt werden. Die neue Skala des Menschen verlangt nach globaler Effizienz, die wir nicht erreichen, wenn wir produktive Kräfte von produktiven Erfahrungen fernhalten. Vor dem war das Militär eine von der Gesellschaft abgetrennte Institution. Unser neues Entwicklungsstadium hat das Militär wieder in das Netz von gemeinsamen Aufgaben und Funktionen innerhalb einer hocheffizienten Lebenspraxis eingebunden. Zwischen dem mittelalterlichen Krieger in voller Rüstung und dem heutigen Soldaten in Alltagskleidung—der oft eine wissenschaftliche oder technische Ausbildung hinter sich hat—liegen nicht nur mehr als 500 Jahre, sondern vor allem neue Formen der Selbstkonstituierung und Identitätsfindung. Zwischen dem Schwefeldampf, der vor zweitausend Jahren in der Schlacht von Delium eingesetzt wurde, und der Bedrohung durch chemische und biologische Waffen im Golfkrieg besteht ein oberflächlicher Zusammenhang. Das Wissen, das in die Herstellung neuer chemischer und biologischer Verfahren für eine hocheffiziente Landwirtschaft und für Lebensmittelbearbeitung eingeht, dient auch bei der Herstellung chemischer und biologischer Massenvernichtungswaffen. Die Gentechnik und äußerst komplexe digitale Mittel und Methoden definieren die Grenzen unserer Möglichkeiten neu.

Das ist weder eine Befürwortung effizienter Armeen, die wir bei Naturkatastrophen dringend benötigen, noch eine Apologie von Vernichtungskriegen, was und wer auch immer sie rechtfertigen mag. Wenn es dennoch so klingt, dann liegt das daran, daß die schriftliche Beschreibung des strukturellen Hintergrunds, vor dem sich die militärische Praxis abspielt, den Stempel schriftkultureller Praxis trägt. Das Militär hat mittlerweile erkannt, daß es unsinnig wäre, schriftkulturelle Bildung als Koordinierungsmittel für militärische Aufgaben wiederzubeleben. Denn sie ist kaum geeignet, im Zusammenhang der hochentwickelten Rüstungstechnologie optimale Leistungen zu erzielen. Auch eignet sie sich kaum dazu, Kriege zu verhindern. Der in der Schriftkultur gebildete Mensch erwies sich als ebensolche Kriegsbestie wie der zwangsweise eingezogene Soldat oder der Söldner, wenn er diese nicht sogar an Bestialität übertraf. Die fast 2 Millionen Kinder, alle Analphabeten, die als Söldner in Asien oder Afrika dienen, sind Teil der gleichen Realität, die ich hier beschreibe.