Die heutige Rüstungsforschung versucht, den Menschen aus der direkten kriegerischen Konfrontation heraus zu halten. Nichts beeinflußt die öffentliche Meinung bei militärischen Einsätzen mehr als Leichensäcke. Sie verderben den Spaß am Spiel mit teuren Raketen, der auch der Grund dafür war, daß man den Golfkrieg "Nintendo-Krieg" genannt hat. Raketen erfreuen sich bei den Netoyens trotz ihrer Zurückhaltung gegenüber militärischen Einsätzen größerer Beliebtheit. Hocheffiziente, digital programmierte Systeme haben einen anderen Bezug zu Raum und Zeit als die Menschen. Das verleiht den digitalen Kriegsmaschinen und genetischen Waffen einen besonderen Vorteil bezüglich der notwendigen Koordination. Die Zeit ist auf eine Weise segmentiert, die sich der menschlichen Wahrnehmung und Kontrolle entzieht; der Raum erweitert sich zu Dimensionen jenseits der menschlichen Vorstellung und Kontrolle. Wesentliche Teile der Kriegsmaschinerie operieren im All mit äußerst zeitempfindlichen Geräten. Die Strategic Defense Initiative (S.D.I., Star wars genannt) ist das bekannteste, obwohl inzwischen schon wieder vergessene, Beispiel. Relativ triviale Systeme, wie sie zur Orientierung der Truppen in der Wüste dienten, sind dabei schon Routine. Die Ausdruckskraft, die wir aufwenden müssen, um Motivationen zu steigern und der Irrationalität einen Anschein von Rationalität zu verleihen, steht im krassen Gegensatz zu der Geschwindigkeit und Präzision, die zur Umsetzung der taktischen und strategischen Pläne entscheidend sind. Die Koordination solcher Informationssystem-Maschinen kann nicht auf eine Sprache zurückgreifen, die für diese dynamischen Abläufe weder präzise noch schnell genug ist. Bei der Überschallgeschwindigkeit von Flugzeugen, Raketen und Satelliten würde ein Soldat, wenn er ein Ziel ortet, für das Auslösen einer Waffe keine Zeit mehr haben—vom Warten auf einen Feuerbefehl ganz zu schweigen.

Selbst die Wartung dieser komplexen Kriegsmaschinerie kann mit Mitteln der Schrift nicht mehr geleistet werden. Das elektronische Buch gehört daher im militärischen Bereich zum Alltag. Dieses Buch speichert die Beschreibung eines Gerätes digital. Wenn wir den Inhalt eines solchen für Flugzeuge oder Waffensysteme an Flugzeugen und Schiffen funktionswichtigen Buches in einem konventionellen gedruckten Handbuch unterbringen wollten, würde das bloße Gewicht der Bedienungsanleitung das Flugzeug startunfähig machen. Jede Veränderung im System würde den Neudruck Tausender von Seiten erfordern. Als elektronische Version ist das Buch eine Sammlung von computerbearbeiteten Daten, die auf Wunsch visualisiert werden und so programmiert sind, daß man jedes Problem und die dazugehörige Lösung schnell und einfach ab-sehen kann—also gewissermaßen idiotensicher. Dieses Buch hat keine Seiten im üblichen Sinn; es erstellt jede Seite je nach konkretem Wartungs- oder Reparaturbedarf. Das elektronische Buch wendet sich an eine andere Leserschaft. Sie besteht aus visuellen Lesern, die wissen, wie man bildliche Anweisungen ausführt. Dabei werden sie vom System überwacht und verlassen sich auf dessen Feedback. Das Paradigma sich selbst bedienender und reparierender Maschinen (eine von John von Neumann entwickelte Idee) ist längst Wirklichkeit geworden.

Das elektronische Buch—das weit über den militärischen Anwendungsbereich hinausgeht—ist eines von vielen Beispielen dafür, wie veraltet unsere gute alte Schriftkultur ist. Über (drahtgebundene oder drahtlose) Netze aufgebaute elektronische Bücher unterstützen eine Vielfalt kooperativer Unternehmungen. Die militärische Praxis macht sich solche Aktivitäten zunutze. Entscheidend für derartige Kooperation ist der Zugang zu Ressourcen und zu einer unbegrenzten Zahl möglicher Interaktionen. Die in den elektronischen Büchern verwendeten Digitalformate dienen als Medium für die Übermittlung und das Verstehen von gemeinsamen Zielen.

Die vermutlich einzige militärspezifische Komponente, die aus der früheren militärischen Praxis übernommen wurde, ist die Unterordnung des Individuums unter das militärische Ziel. Aber auch diese Unterordnung folgt nicht mehr dem zentralistischen und hierarchischen Modell der Schriftkultur. Von jedem einzelnen Soldaten wird heute eine stärkere Eigeninitiative verlangt. Dieses Ansinnen drückt sich vornehmlich in den verschiedenen Ausdrucks- und Kommunikationsmitteln aus.

Die heutige Technologie macht es möglich, mit großer Geschwindigkeit auf niedriger Höhe zu fliegen, aber die dem Menschen gesetzten biologischen Grenzen lassen dies für den Piloten zu einer großen Gefahr werden. Ab einer gewissen Geschwindigkeit kann der Mensch seine Bewegungen nicht mehr koordinieren, was das Fliegen auf niedriger Höhe zu einer selbstmörderischen Angelegenheit macht. Aber auch Selbstmord ist keine Antwort auf Radargeräte des Feindes, denn es gibt keine Worte, die den Piloten auf einen von Hitzedetektoren geleiteten Flugkörper aufmerksam machen könnten. Folglich verändern die vielen Sprachen, die die Maschinen lenken, und Sichtvorrichtungen mit Detektionsfähigkeiten die menschliche Beteiligung bei kriegerischen Einsätzen. Für diese Sprachen spielt die Schriftsprache eine völlig untergeordnete Rolle.

Ich führe diese Beispiele—die im Vergleich zum Nintendo-Krieg, den wir vor einigen Jahren auf unseren Fernsehgeräten verfolgen konnten, rudimentär sind—als jemand an, der an das Leben, den Frieden und an die Verständigung zwischen den Menschen glaubt; aber auch als jemand, der beobachtet, wie sich in einem der sprachabhängigsten Bereiche menschlicher Interaktion und Tätigkeit Sprache, Schrift und schriftkulturelle Bildung zunehmend erübrigen. Wie alles, was sich von Schrift und Schriftkultur löste, wurde auch die militärische Praxis entmenschlicht. Für den militärischen Bereich ist diese Konsequenz sehr begrüßenswert. Wir lassen Maschinen gegen Maschinen kämpfen und sich gegenseitig töten. Wir machen aus dem Krieg einen Krieg der Gene und der Genmanipulation, der neuronalen Netze und der maschinellen Intelligenz, des intelligenten Datenbank-Managements und vernetzter, verteilter Aufgaben. Wie bereits in den Fabriken und den Büros wird der Mensch in der militärischen Praxis von Programmen ersetzt, die durch ein Wissen betrieben werden, das nicht durch Schrift und Schriftkultur vermittelt wird. Die neuen Sprachen der Rüstungstechnologie verändern die Struktur militärischer Tätigkeit und die Rolle, die die Sprache dabei spielt. Daß Computerspiele mit Flug- und Kampfsimulationen im Grunde nichts anderes sind als die Präzisions- und Zerstörungssysteme des Golfkriegs, brauchen wir hier nicht noch einmal zu wiederholen. Aber daß diejenigen, die solche Spiele spielen, sich Fähigkeiten aneignen, die wir von Jet-Piloten und den Betreibern dieser äußerst produktiven Technologie erwarten, verdient Beachtung und sollte uns nachdenklich stimmen.

Können Waffen sprechen, schreiben und lesen? Verstehen sie die Sprache des Offiziers, der entscheidet, wann sie abgefeuert werden sollen? Kann ein intelligentes Waffensystem kompetent darüber entscheiden, ob ein Ziel tatsächlich vernichtet werden soll, obwohl die gegebenen Umstände eine Zerstörung aus moralischen Gründen verbieten würden? Können genetische Methoden der Feindvernichtung ethischen Kriterien standhalten? Ich stelle diese Fragen—die alle nur mit einem Nein beantwortet werden können—mit Bedacht. In ihrer schriftkulturellen Ausprägung beruht die militärische Praxis auf Befehl und Gehorsam, wofür wir die Sprache benötigen. Das stellt uns vor einen unlösbaren Widerspruch. Die nicht-militärische Praxis wird zunehmend von vielen Spezialsprachen vermittelt und in einem umfassenden Netz verteilter Aufgaben synchronisiert. Wenn die militärische Praxis weiterhin auf der Schriftlichkeit beruhen würde, hieße das, unterschiedliche Strukturen der Lebenspraxis zu pflegen und Ziele mit ungleicher Effizienz zu verfolgen. Noch immer spiegeln sich schriftkulturelle Prinzipien in den hierarchischen und zentralistischen Strukturen des Militärs wider (in den Vereinigten Staaten ist wie in vielen anderen Ländern der Präsident der Oberbefehlshaber der Armee). Andererseits erfordert die Effizienzerwartung nicht-hierarchische Strukturen mit eigener Kompetenz, die die Koordination und Kooperation innerhalb eines großen Netzes mit verschiedenen Aufgaben garantiert. Die partielle Schriftlichkeit des Militärs formuliert heute die neuen militärischen Ziele und Aufgaben, wie zum Beispiel die Umsiedlung von Flüchtlingen oder die Unterstützung von Opfern einer Naturkatastrophe. Die kleineren, guerillaartigen Kriege, mit denen der internationale Terrorismus seine Ziele durchsetzen will, haben zu kleinen Armeen mit hervorragend ausgebildeten Spezialisten geführt, die die Zivilbevölkerung schützen. Terroristische Anschläge sind ein globales Phänomen, aber im Gegensatz zu den kleinen Kriegen des Mittelalters respektiert der analphabete Terrorist oder das bewaffnete Kind, das zum Kampf gezwungen ist, keine Regeln und erkennt keine übergeordnete Autorität an.

Blicke, die töten können

Kleiner, besser einsetzbar, so effizient wie möglich—das sind die Merkmale der neuen Waffen, die auf der Wunschliste fast jeder Armee der Welt stehen. Die Verteidigungsexperten haben die Forschungs- und Entwicklungsziele spezifischer formuliert. Im folgenden sind einige davon, die allesamt bald veraltet sein werden, aufgeführt: * Weltweit und unter allen Wetterbedingungen einsetzbare Kräfte für begrenzte Kriegsführung, die keinen Hauptstützpunkt benötigen; einschließlich einer Einheit, die 30 Tage lang logistisch unabhängig ist; * Das Aufspüren von strategisch beweglichen Zielen; * Globale Befehlskontrolle, Kommunikation und Aufklärungsausrüstung (C3I), für die Überwachung ausgewählter Territorien und Informationsübermittlung in Echt-Zeit an Befehlsstellen; * Waffensysteme, die der Feind nicht anvisieren kann und die die feindlichen Abwehrmaßnahmen durch Einsatz von digitalen Signaturen und elektronischen Systemen überwinden; * Überlegene Luftverteidigungssysteme; * Waffen, die ihre Ziele selbständig erfassen, klassifizieren, verfolgen und zerstören; * Reduzierung der Operations- und Nachschubressourcen um 50%, ohne die Einsatzfähigkeit zu beeinträchtigen. Alles, was man dazu sagen kann, ist, daß in dieser militärischer Effizienz alle Merkmale der Zivilisation jenseits der Schriftkultur zum Ausdruck kommen: Globalität, Vernetzung, offene Ziele und Motivationen, verminderte menschliche Beteiligung und viele partielle Sondersprachen. Der fragwürdige Aspekt dabei ist die Dauerhaftigkeit der Institution des Militärs, die vermutlich das widerstandsfähigste Vermächtnis der Schriftkultur ist. Die Technologie jenseits der Schriftkultur verlangt, daß wir die Abstraktionen (die Sprache, den genetischen Code) beherrschen, die sie vorantreiben, ebenso wie die mit dieser Sprache verbundenen partiellen Spezialbildungen, die der militärischen wie jeder anderen Praxis zugehört. Die partielle Spezialbildung der militärischen Praxis bestimmt ihren Handlungsspielraum und die Interpretation ihrer Handlungen. Daher ist es zum Beispiel auch wichtig, daß Abrüstungsverträge nicht ohne diese militärische Spezialsprache, d. h. ohne Militärexperten, die wir mit diesen Verträgen aus ihren Aufgaben entlassen wollen, formuliert werden. Ein jeder dieser Verträge führt dazu, daß ein Teil dieser Rüstungssprache und der damit verbundenen Technologien ausrangiert wird oder doch zumindest an Bedeutung verliert; wie ein jeder Vertrag natürlich auch neue Wege für erhöhte militärische Effizienz eröffnet.

In der neuen militärischen Praxis geraten Technologien und die damit verbundenen militärischen Spezialsprachen in eine Konfrontation. Wenn wir also heute darüber nachdenken, welche Befehle ein Offizier erteilt, ob eine Waffe diese Befehle versteht usw., dann bedeutet das, daß wir das Militär aus einem Blickwinkel betrachten, der aus jener Zivilisationsphase stammt, von der das Militär sich zunehmend absetzt. Künstliche Augen (Radar, Sichtsysteme), Geruchsdetektoren, berührungsempfindliche Vorrichtungen, Geschwindigkeitssensoren und viele andere digitale Instrumente entziehen den Menschen der direkten kriegerischen Konfrontation und eliminieren den Tod als mathematische Größe in der Formel des Krieges. Wer Photos aus vorangegangenen Kriegen neben die Trickbilder von Computerspielen hält, vergleicht eine Daseinsform, die durch direkte Konfrontation und durch die Erfahrung begrenzter Lebensbedingungen gekennzeichnet ist, mit einer Daseinsform, die aus vermittelten Wirklichkeitserfahrungen besteht. Der von Leuchtspurgeschossen aufgehellte Himmel, die unheimlichen, an Videospiele erinnernden Vorgänger, die durch entfernt plazierte Kameras beobachteten Ziele scheinen einem ganz anderen Bereich als dem der Zerstörung und des Blutvergießens anzugehören, wo es noch moralische Bedenken gegeben hat. Die Erwartung ist pragmatisch, der Maßstab ist die Effizienz.