Heute Morgen war am Brunnen von nichts anderem die Rede als von dem nächtlichen Anfalle der Tscherkessen. Ich trank die vorgeschriebene Gläserzahl Narsan, ging ein Dutzend Mal die lange Lindenallee auf und ab, und begegnete Wära’s Gemahle, der so eben von Pätigorsk zurückgekommen war. Er faßte mich unter den Arm, und wir gingen in die Restauration, um zu frühstücken; er war in großer Angst um seine Frau. „Wie sie sich diese Nacht erschreckt hat!“ sagte er: „muß doch gerade so etwas vorfallen, wenn ich nicht hier bin.“ Wir setzten uns zum Frühstück nahe an die Thür, welche zum Eckzimmer führt, in welchem an zehn junge Leute waren, unter denen auch Gruschnitzki sich befand. Das Schicksal gewährte mir zum zweiten Male die Gelegenheit ein Gespräch zu überhören, welches über seine Zukunft entscheiden sollte. Er konnte mich nicht sehen und aus diesem Grunde konnte ich bei ihm keine bestimmte Absicht voraussetzen; allein dies erhöhte eben seine Schuld in meinen Augen.
„Sollten es denn wirklich Tscherkessen gewesen sein?“ sagte Jemand, „hat irgend Einer sie gesehen?“
— Ich werde Ihnen die Wahrheit sagen, erwiederte Gruschnitzki, aber ich muß Sie bitten mich nicht zu verrathen; die Geschichte hängt so zusammen: Gestern Abend kommt ein Mann, den ich Ihnen nicht näher bezeichne, zu mir und erzählt mir, daß er in der zehnten Stunde gesehen habe, wie sich Jemand ins Haus der Fürstin Ligoffska geschlichen. Nun müssen Sie wohl bemerken, daß die Fürstin hier und nur ihre Tochter zu Hause war. Wir geschwind mit ihm unter das Fenster der Fürstin, um den Glücklichen zu bewachen.
Ich gestehe, daß ich nicht wenig erschrak, obgleich mein Nachbar ungemein mit seinem Frühstück beschäftigt war; er konnte, wenn Gruschnitzki eben so gut die Wahrheit errathen hätte, Dinge hören, die ihn ziemlich unangenehm berührt haben müßten; allein von der Eifersucht verblendet, ahnte er den wahren Zusammenhang nicht einmal.
— Also, sehen Sie, wir gingen dahin und nahmen ein Gewehr mit, das übrigens nur blind geladen war, bloß um zu erschrecken. Bis zwei Uhr warteten wir im Garten. Endlich kam er, Gott weiß woher, zum Vorschein — aus dem Fenster kann er nicht gekommen sein, denn es war nicht aufgegangen, er muß also aus der Glasthüre, die hinter den Säulen liegt, gekommen sein; — also endlich, sage ich, sehen wir Jemand auf dem Balkone gehen . . . Eine schöne Fürstin? he? Nun, das muß ich gestehen, das sind Moskauer Gewohnheiten! Wem soll man hier noch vertrauen? Wir wollten ihn ergreifen, aber er riß sich los und warf sich wie ein Hase ins Gebüsch; da schoß ich ihm nach . . . .
Ein Gemurmel der Ungläubigkeit erhob sich um Gruschnitzki . . .
— Sie glauben es nicht? fuhr er fort: ich gebe Ihnen mein heiliges Ehrenwort, daß alles die nackte Wahrheit ist, und zum Beweise will ich Ihnen sogar den saubern Herrn nennen. —
„Sprich, sprich, wer ist es?“ ertönte es von allen Seiten.
— Petschorin, antwortete Gruschnitzki.
In diesem Augenblicke hob er die Augen auf — ich stand vor ihm in der Thüre; er wurde feuerroth. Ich ging auf ihn zu und sagte langsam und vernehmlich: