— Für nichts auf der Welt, Doktor! Sein Sie ganz ruhig; ich lass’ mich nicht anführen.
„Was wollen Sie eigentlich thun?“
— Das ist mein Geheimniß.
„Ueberlegen Sie wohl, welcher Gefahr Sie sich aussetzen . . . auf sechs Schritte!“
— Doktor, ich erwarte Sie morgen um vier Uhr; die Pferde werden bereit stehen . . . Adieu!
Ich blieb bis gegen Abend zu Hause und schloß mich in meinem Zimmer ab. Ein Lakai der Fürstin kam, mich zu ihr zu bitten, — ich ließ sagen, ich wäre krank.
Es ist zwei Uhr des Nachts . . . ich kann nicht schlafen. Und doch müßte mich der Schlaf etwas stärken, damit morgen meine Hand nicht zittert. Uebrigens ist es schwer auf sechs Schritt fehlzuschießen. Ha, mein Herr Gruschnitzki, Ihre Mystification soll Ihnen nicht gelingen . . . wir werden unsere Rollen wechseln; jetzt kommt es mir zu, auf Ihrem bleichen Gesichte die Zeichen der geheimen Furcht aufzusuchen. Warum haben Sie selbst diese verhängnißvollen sechs Fuß bestimmt? Glauben Sie etwa, ich würde Ihnen ohne Weiteres meine Stirne darbieten? . . . Nein, wir werfen das Loos! und dann . . . dann . . . wie aber, wenn ihn das Glück begünstigt, wenn mein Stern mich endlich verließe? . . . Und wie leicht könnte dies sein; diente er doch solange schon meinen Launen . . .
Wie? sterben? So sterben? Für die Welt freilich kein großer Verlust; und mir selbst ist es auf ihr auch schon ziemlich langweilig. Ich komme mir vor wie Jemand, der auf einem Balle gähnt, der aber bloß deshalb noch nicht schlafen geht, weil sein Wagen noch nicht da ist. Jetzt ist der Wagen da . . . Adieu! . . .
Ich überschaue im Gedächtniß meine ganze Vergangenheit, und frage mich unwillkührlich: Warum habe ich gelebt? Zu welchem Zwecke wurde ich geboren? Wahrscheinlich hat doch ein solcher existirt, wahrscheinlich war meine Bestimmung eine erhabene, denn ich fühle in meiner Seele unermeßliche Kräfte . . . Ich habe nur diese Bestimmung nicht errathen, sondern ließ mich von den Lockungen leerer und undankbarer Leidenschaften fortreißen; aus ihrem Schmelzofen kam ich fest und kalt wie Eisen hervor, aber hatte auch für immer jedes edle Streben — die schönste Blüthe des Lebens — verausgabt. Und wie oft habe ich seit jener Zeit die Rolle des Beiles in den Händen des Schicksals gespielt! Gleich dem Instrumente des Hochgerichtes fiel ich auf das Haupt der geweihten Opfer, oft ohne Bosheit, immer ohne Mitleid . . . Meine Liebe hat Niemandem Glück gebracht, weil ich denen, die ich liebte, niemals etwas geopfert habe: ich liebte meinetwegen, zu meinem eigenen Vergnügen; ich genügte nur dem seltsamen Bedürfniß meines Herzens, und saugte mit Begier ihre Gefühle, ihre Zärtlichkeit, ihre Freuden und Leiden auf — und konnte mich niemals sättigen. So sieht ein vom Hunger Gequälter, den die Entkräftung in den Schlaf gesenkt hat, im Traume die üppigsten Speisen und schäumendsten Weine; mit Entzücken verschlingt er die lustigen Gerichte seiner Einbildungskraft und er fühlt sich leichter; kaum aber ist er erwacht — sein Bild verschwindet, und es bleibt ihm nichts als doppelter Hunger und doppelte Verzweiflung!
Morgen sterbe ich vielleicht . . . und auf der Welt ist kein einziges Wesen, das mich ganz verstanden hätte. Die Einen halten mich für schlechter, die Andern für besser als ich wirklich bin . . . Die Einen sagen: er war ein guter Junge, die Andern — er war ein verabscheuungswürdiger Mensch. Und das eine wie das andere ist falsch. Ist es nach alle dem noch der Mühe werth zu leben? Und doch lebt man — aus Neugierde: man erwartet stets etwas Neues . . . Es ist lächerlich und traurig. —