Seit anderthalb Monaten bin ich bereits in der Festung N. — Maksim Maksimitsch, der Kommandeur der Festung, ist auf die Jagd gegangen . . . ich bin allein und sitze am Fenster; graue Wolken haben die Berge ganz und gar überzogen; die Sonne sieht durch den Nebel wie ein gelber Flecken aus. Es ist kalt; der Wind pfeift und rüttelt an den Fensterladen . . . Langweilig! — ich werde mein Journal, das von so vielen seltsamen Ereignissen unterbrochen wurde, weiter fortführen.
Ich überlese die letzte Seite: lächerlich! — Ich glaubte zu sterben; das war unmöglich: ich habe den Becher des Leidens noch nicht geleert und jetzt fühle ich, daß ich noch lange leben werde.
Wie alles Vergangene sich so scharf und klar in meinem Gedächtniß abgoß! Nicht einen Zug, nicht eine Nüance hat die Zeit verwischt!
Ich erinnere mich, daß ich im Verlauf der ganzen Nacht die dem Duell voranging, nicht eine Minute geschlafen habe. Schreiben konnte ich nicht lange: eine geheime Unruhe hatte sich meiner bemächtigt. Eine ganze Stunde lang ging ich im Zimmer auf und ab; alsdann setzte ich mich und öffnete einen Roman Walter Scott’s, der gerade auf meinem Tische lag. Es waren „die Puritaner von Schottland.“ Anfangs las ich nur mit Anstrengung, vergaß mich aber bald, von der wunderbaren Dichtung fortgerissen.
Endlich fing es an zu tagen. Meine Nerven beruhigten sich. Ich blickte in den Spiegel; eine trübe Blässe überzog mein Gesicht, welches die Spuren der angreifenden Schlaflosigkeit trug; allein meine Augen, obgleich von einem braunen Ringe umgeben, glänzten stolz und unermüdet. Ich war mit mir selbst zufrieden.
Nachdem ich befohlen hatte die Pferde zu satteln, zog ich mich an und eilte ins Bad. Ich tauchte mich in ein abgekältetes Bad der Narsanischen Heißquelle und fühlte bald, wie die Körper- und Geisteskräfte mir auf’s Neue zuströmten. Ich stieg aus der Wanne so frisch und keck, als bereitete ich mich zu einem Balle vor. Hiernach sage mir Jemand, daß die Seele nicht vom Körper abhinge! . . .
Bei meiner Rückkehr vom Bade fand ich schon den Doktor bei mir wartend. Er trug graue Reithosen, einen Archaluk[34)] und eine Tscherkessenmütze. Ich lachte laut auf, als ich die kleine Figur unter dieser enormen Zottelmütze erblickte; er hat so schon gar kein kriegerisches Gesicht, aber diesmal war es noch länger als gewöhnlich.
— Warum sind Sie so traurig, Doktor? fragte ich ihn. — Haben Sie nicht schon hundertmal die Leute mit dem allergrößten Gleichmuthe nach jener Welt begleitet? Bilden Sie sich ein, ich hätte ein Gallenfieberchen; ich kann wieder hergestellt werden, kann aber auch dran sterben; das eine wie das andere liegt in der Ordnung der Dinge; bemühen Sie sich, mich wie einen Patienten zu betrachten, der von einer Ihnen noch unbekannten Krankheit befallen ist, — dann kann Ihre Neugierde im höchsten Grade angeregt werden; Sie können an mir einige merkwürdige physiologische Beobachtungen anstellen . . . Denn die Erwartung eines gewaltsamen Todes ist doch wohl schon eine wirkliche Krankheit?
Dieser Gedanke frappirte den Doktor und er wurde wieder heiterer.
Wir setzten uns zu Pferde; Werner klammerte sich mit beiden Händen an die Zügel, und wir machten voran, — im Nu waren wir an der Festung vorüber, durch das Dörfchen und ritten in die Schlucht, durch welche sich ein mit hohem Grase halbverwachsener Weg dahinzog und die alle Augenblicke von einem rauschenden Bache durchschnitten wurde, welchen wir dann zur großen Verzweiflung des Doktors zu Pferde durchschwimmen mußten, weil sein Pferd jedes Mal im Wasser stehen blieb.