Ich erinnere mich keines blaueren und frischeren Morgens. Die Sonne guckte kaum hinter den grünen Bergspitzen hervor und das Verschmelzen der ersten Wärme ihrer Strahlen mit dem dahinsterbenden Nachtfroste brachte über alle Gefühle eine gewisse süße Ermattung; in die Schlucht war noch kein Strahl des jungen Tages gedrungen; er vergoldete nur die Spitzen der Felsen, welche von beiden Seiten über uns drohten; dichtbelaubte Gebüsche, in den tiefen Spalten der Felsen ihre Nahrung findend, überschütteten uns beim leisesten Windhauche mit ihrem Silberregen. Ich erinnere mich wohl, daß ich diesmal mehr wie je zuvor die Natur liebte. Mit welchem Interesse betrachtete ich jeden Thautropfen, der zitternd an einem breiten Weinrebenblatte hing und Millionen von Regenbogenstrahlen widerspiegelte! Wie gierig dürstete mein Blick, die dampfende Ferne zu durchdringen! Dort wurde der Pfad immer enger und enger, die Felsenmassen immer blauer und furchtbarer, zuletzt in eine undurchdringliche Wand zusammenschmelzend! Wir ritten schweigend nebeneinander.

„Haben Sie Ihr Testament gemacht?“ fragte plötzlich Werner.

— Nein.

„Wenn Sie nun aber fallen? . . .“

— Meine Erben werden sich schon einfinden.

„So hätten Sie keinen Freund, dem Sie ein letztes Lebewohl zurufen wollten?“

Ich schüttelte mit dem Kopfe.

„Keine Dame wäre auf der Welt, der Sie ein letztes Liebeszeichen hinterlassen möchten?“

— Soll ich Ihnen, lieber Doktor, meine Seele erschließen? antwortete ich ihm . . . Sehen Sie, ich habe jene Jahre hinter mir, in welchen man sterbend den Namen seiner Geliebten ausruft und seinem Freunde eine Locke pommadirter oder nicht pommadirter Haare vermacht. Wenn ich an den nahen, möglichen Tod denke, so denke ich nur an mich selbst: wie mancher thut das nicht. Die Freunde, welche morgen mich vergessen, oder, was noch schlimmer ist, auf meine Rechnung Gott weiß was für ungereimtes Zeug aussprengen; die Damen, welche in der Umarmung eines andern über mich lachen werden, damit sie in ihm ja nicht die Eifersucht gegen einen Verstorbenen wach rufen, — Gott mit ihnen! . . . Aus dem Sturme des Lebens habe ich nur einige Ideen, aber kein einziges Gefühl übrig behalten; schon längst lebe ich nicht mehr mit dem Herzen, sondern mit dem Kopfe. Ich wäge und analysire meine eigenen Leidenschaften und Schritte mit strenger Neugier aber ohne Theilnahme. In mir sind zwei Menschen: der eine lebt, im vollsten Sinne dieses Wortes, der andere denkt und beurtheilt ihn; der erste sagte Ihnen und der Welt schon in einer Stunde auf ewig Lebewohl; aber der andere . . . der andere? . . . Sehen Sie doch, Doktor, bemerken Sie nicht, wie auf jenem Felsen dort rechts drei Figuren auftauchen? Es scheinen unsere Gegner zu sein? . . .

Wir beschleunigten unsern Ritt.