Lange konnte ich mich nicht entschließen das zweite Billet zu öffnen. Was konnte sie mir schreiben? . . . Ein düsteres Vorgefühl wogte in meiner Seele.

Ihr Brief, wie er Wort für Wort unverwischlich in meinem Gedächtniß bleiben wird, lautete also:

„Ich schreibe Dir in der vollkommenen Ueberzeugung, daß wir uns niemals wiedersehen werden. Vor einigen Jahren, als ich von Dir Abschied nahm, dachte ich dasselbe; allein es hat dem Himmel gefallen, mich nochmals heimzusuchen . . . ich hielt diese Prüfung nicht aus; mein schwaches Herz unterwarf sich der bekannten Stimme . . . Du wirst mich deshalb nicht verachten, nicht wahr? Dieser Brief soll mein Abschied und meine Beichte zugleich sein: ich fühle mich gedrungen Dir Alles mitzutheilen, was sich in meinem Herzen aufgespeichert hat, seit es Dich liebt. Ich will Dich nicht beschuldigen —: Du thatest mit mir, wie ein jeder andere Mann an Deiner Stelle gethan haben würde: Du liebtest mich wie Dein Eigenthum, wie die Quelle Deiner wechselnden Freuden, Aufregungen und Besorgnisse, ohne welche das Leben langweilig und gleichförmig ist. Ich begriff dies gleich von Anfang an . . . Allein Du warst unglücklich und so opferte ich mich in der Hoffnung, daß Du dereinst einmal die Größe meines Opfers würdigen, die tiefe Zärtlichkeit verstehen würdest, die an keine Bedingung der Welt geknüpft war. Seitdem ist manches Jahr entflohen! Ich hatte alle geheimen Saiten Deiner Seele kennen gelernt und die Ueberzeugung gewonnen, daß jene Hoffnung eine eitle war. Das ging mir bitter durch die Seele! Allein, meine Liebe hatte mein ganzes Herz überwuchert: sie wurde düstrer, aber erstarb nicht.

Wir trennen uns jetzt auf ewig; indessen kannst Du die Ueberzeugung bewahren, daß ich niemals einen andern lieben werde: meine Seele hat an Dir bereits alle ihre Liebesschätze, ihre Thränen, ihre Hoffnungen erschöpft. Wer Dich einmal geliebt hat, kann auf die übrigen Männer nicht ohne eine gewisse Geringschätzung herabblicken; nicht als ob Du besser wärst als sie, o nein! allein in Deinem Wesen liegt so etwas Besonderes, Stolzes, Geheimnißvolles, das nur Dir allein angehört; was Du auch sprechest, in Deiner Stimme liegt stets eine unwiderstehliche Gewalt. Niemand versteht es wie Du, so beständig geliebt werden zu wollen; in Keinem ist das Böse so anziehend, keines Andern Blick verspricht so viel Seligkeit, Niemand versteht es wie Du seine Vorzüge zu benutzen und kein Mensch kann so wahrhaft unglücklich sein, wie Du, weil Niemand so sehr wie Du sich bemüht, sich das Gegentheil einzureden.

Jetzt muß ich Dir noch den Grund meiner eiligen Abreise mittheilen, er wird Dir unzureichend scheinen, weil er sich nur auf mich allein bezieht.

Heute früh kam mein Mann zu mir und erzählte mit Deinen Vorfall mit Gruschnitzki. Offenbar muß ich mich während dieser Erzählung sehr verändert haben, denn er blickte mir lange forschend in die Augen; ich verlor fast das Bewußtsein, wenn ich bedachte, daß Du Dich heute schlagen mußt, und daß ich Schuld an Allem bin; es schien mir eine Weile, als sollte ich wahnsinnig werden . . . Allein jetzt, wo ich wieder mit Ruhe urtheilen kann, habe ich die Ueberzeugung, daß Du am Leben bleibst. Du kannst ohne mich nicht sterben, es ist unmöglich! Mein Mann ging lange im Zimmer auf und ab; ich weiß nicht, mehr, was er zu mir, gesprochen, erinnere mich auch meiner Antworten nicht mehr, — wahrscheinlich habe ich ihm gesagt, daß ich Dich liebe — Ich erinnere mich nur, daß er mich am Ende unseres Gespräches mit einem gräßlichen Worte beleidigte und das Zimmer verließ. Ich hörte wie er Befehl gab den Reisewagen in Ordnung zu bringen . . . Und nun sitze ich schon seit drei Stunden am Fenster und warte auf Deine Rückkehr . . . Allein Du lebst, Du kannst nicht sterben! . . . Der Wagen ist so gut wie bereit . . . Adieu, Adieu . . . Ich bin verloren, — doch was thut das? . . . Könnte ich nur die Ueberzeugung mit mir nehmen, daß Du meiner stets gedenken — ich will nicht sagen: mich lieben — nein, meiner nur gedenken wirst! . . . So lebe wohl; man kommt . . . ich muß den Brief verbergen . . .

Nicht wahr, Du liebst Mary nicht? Du heirathest sie nicht? Dieses Opfer mußt Du mir bringen, die ich auf dieser Welt alles für Dich verloren habe . . .“

Wie ein Besessener rannte ich nach dem Perron, sprang auf meinen Tscherkessen, den man noch im Hofe auf- und abführte, und sprengte mit verhängten Zügeln den Weg nach Pätigorsk entlang. Unbarmherzig trieb ich das erschöpfte Roß an, das röchelnd und schaumbedeckt den steinigen Weg mit mir dahinflog.

Die Sonne verbarg sich bereits hinter schwarzem Gewölke, das auf dem Rücken der westlichen Gebirgskette ausruhte; in dem Hohlwege war es dunkel und feucht. Der Podkumok murmelte tief und einförmig auf seiner Fahrt über die Felssteine. Ich erstickte vor Ungeduld und jagte vorwärts. Der Gedanke, sie in Pätigorsk nicht mehr einzuholen, schlug mir wie ein Hammer auf das Herz; noch einmal, noch einen Augenblick sie zu sehen, ihr ein letztes Lebewohl zuzurufen, ihre Hand zu drücken . . . Ich betete, fluchte, weinte, lachte . . . nein, nichts kann meine Unruhe, meine Verzweiflung beschreiben! . . . Bei dem Gedanken, sie auf ewig zu verlieren, war mir Wära plötzlich theurer geworden als alles auf der Welt, — theurer als Leben, Ehre, Glück! Gott weiß, was für abenteuerliche, verrückte Gedanken in meinem Gehirne auftauchten . . . und unterdessen jagte ich unbarmherzig immer drauf los. — Und auf einmal bemerkte ich, daß mein Pferd sehr schwer athmete und schon zum zweiten Male auf ebenem Wege stolperte . . . doch blieben mir nur noch fünf Werst bis nach Jesséntukoff, einer Kosakenstation, wo ich ein Pferd bekommen konnte.

Alles wäre gut abgelaufen, wenn mein Pferd noch für zehn Minuten Kräfte gehabt hätte; allein, gerade als wir aus dem Gebirge herauskamen, stürzte es beim Steigen aus einer kleinen Vertiefung des Weges, auf die Erde. Ich springe rasch ab und will es aufrichten, reiße an dem Zügel — alles umsonst: ein kaum hörbares Stöhnen drängte sich zwischen seinen geschlossenen Zähnen hervor; nach einigen Minuten war es todt und ich in der Steppe allein, meine letzte Hoffnung zertrümmert sehend; ich versuchte zu Fuß weiter zu gehen — meine Füße stießen aneinander; von den Aufregungen des Tages und der vorangegangenen Schlaflosigkeit zu Tode ermüdet, fiel ich auf das feuchte Gras und weinte wie ein Kind.