Lange lag ich unbeweglich dort und weinte bitterlich, nicht bemüht meine Thränen und mein krampfhaftes Schluchzen zurückzuhalten; fast glaubte ich daß meine Brust zersprengen müßte; meine ganze Festigkeit, meine ganze Kaltblütigkeit war wie Rauch verflogen; meine Seele gebrochen, meine Vernunft betäubt, — hätte Jemand mich in diesem Augenblicke gesehen, so hätte er sich nur mit Verachtung von mir abwenden können.
Als der Nachtthau und der Bergwind meinen glühenden Kopf wieder erfrischt hatten und meine Gedanken wieder in die gewöhnliche Ordnung gekommen waren, begriff ich sehr wohl, daß es unnütz und thöricht ist, einem verlorenen Glücke nachzujagen. Was fehlt mir denn eigentlich? Sie noch einmal sehen? — Und wozu das? Ist denn zwischen uns nicht alles beendigt? Ein bitterer Abschiedskuß kann meine Erinnerung um nichts bereichern und hätte uns die Trennung nur erschwert.
Indessen thut es mir wohl, weinen zu können! Vielleicht aber liegt dies an meinen aufgeregten Nerven, einer vollständig schlaflosen Nacht, an den zwei Minuten vor der offenen Pistolenmündung und meinem leeren Magen.
Desto besser! Dieses neue Leiden hat in mir, um mich eines militairischen Kunstausdruckes zu bedienen, eine glückliche Diversion hervorgebracht. Das Weinen ist gesund, und überdies würde ich ohne diesen vehementen Ritt und die funfzehn Werst, die ich nun zu Fuß zurücklegen mußte, wahrscheinlich auch diese Nacht kein Auge zugemacht haben.
Ich erreichte Kislowodsk um fünf Uhr des Morgens, warf mich auf das Bett und schlief den Schlaf Napoleons nach der Schlacht bei Waterloo.
Als ich erwachte, war es draußen schon dunkel. Ich setzte mich an’s offene Fenster, knöpfte meinen Archaluk auf und ließ den frischen Bergwind über meine Brust spielen, die noch unter dem schweren Drucke der Müdigkeit seufzte.
Jenseits des Flusses, durch die Spitzen seiner dichten, schattenreichen Linden, schimmerten Lichter aus den Festungswerken und dem Dörfchen herüber. Auf meinem Hofe herrschte tiefe Stille; bei der Fürstin war alles dunkel.
Der Doktor trat herein: seine Stirne war finster; gegen seine Gewohnheit streckte er mir nicht die Hand entgegen. —
— Woher, lieber Doktor?
„Von der Fürstin Ligoffska; ihre Tochter ist sehr krank — Nervenabspannung . . . Allein das führt mich nicht hierher, sondern Folgendes: Die Behörde wittert den wahren Verlauf der Sache, und wenn man Ihnen auch nichts positiv beweisen kann, so rathe ich Ihnen doch recht vorsichtig zu sein. Die Fürstin sagte mir, sie wisse, daß Sie sich ihrer Tochter wegen duellirt haben. Der alte Knabe, wie heißt er doch gleich? hat ihr alles mitgetheilt; er war damals Zeuge Ihres Streites mit Gruschnitzki in der Restauration. Ich kam Sie zu warnen. Leben Sie wohl. Wer weiß ob wir uns jemals wiedersehen werden; man wird Sie wohl irgend wohin verschicken . . .“