An der Schwelle blieb er nochmals stehen; er hätte mir gern die Hand gedrückt . . . und hätte ich ihm nur den geringsten Wunsch darnach gezeigt, so wäre er mir an den Hals gesprungen; allein ich blieb kalt wie Stein — und so ging er.
So sind die Leute! so sind sie alle: Sie kennen alle schlechten Seiten einer That vorher, und doch helfen sie und rathen sie, und doch ermuthigen sie sogar dazu, indem sie die Möglichkeit eines andern Mittels nicht sehen, — nachher aber waschen sie ihre Hände in Unschuld, und wenden sich unwillig von Dem ab, der die Kühnheit hatte die ganze Last der Verantwortung auf sich zu nehmen. So sind sie alle, sogar die besten, sogar die verständigsten! . . .
Am nächsten Tage, nachdem ich von der höhern Behörde den Befehl erhalten hatte, nach der Festung N. abzureisen, begab ich mich zur Fürstin, um Abschied zu nehmen.
— Sie war erstaunt, als ich ihr auf ihre Frage, „ob ich ihr etwas ganz besonders Wichtiges mitzutheilen habe,“ antwortete, daß ich ihr viel Glück u. s. w. u. s. w. wünschte.
„Aber ich muß ganz ernsthaft mit Ihnen sprechen.“
Ich setzte mich schweigend.
Es war zu sehen, daß sie nicht wußte, womit sie anfangen sollte; ihr Gesicht wurde feuerroth; ihre vollen, runden Finger klopften auf dem Tische herum; endlich begann sie mit zögernder Stimme:
„Hören Sie, Herr von Petschorin, ich halte Sie für einen anständigen Menschen . . .“
Ich verbeugte mich leicht.
„Ich bin sogar davon überzeugt,“ fuhr sie fort, „obgleich Ihr Betragen allerdings etwas zweideutig war; indessen konnten Sie Gründe haben, die mir unbekannt sind und die Sie mir jetzt anvertrauen müssen. Sie haben meine Tochter vor Verläumdungen geschützt, Sie haben sich für sie geschlagen, — folglich Ihr Leben für sie eingesetzt . . . Unterbrechen Sie mich nicht, ich weiß recht gut, daß Sie das nicht eingestehen dürfen, weil Gruschnitzki gefallen ist (sie machte das Zeichen des Kreuzes) . . . Gott wolle seiner und wie ich hoffe auch Ihrer Seele gnädig sein! . . . Nun, das geht mich weiter nichts an . . . ich wage es nicht Sie zu richten, weil meine Tochter, obwohl unschuldiger Weise, Schuld an dem ganzen Unglück war. Sie hat mir alles gestanden . . . ich glaube, Alles; Sie haben ihr eine Liebeserklärung gemacht . . . sie hat Ihnen ihre Gegenliebe gestanden (hier seufzte die Fürstin tief auf); nun aber ist sie krank, und ich habe die Ueberzeugung, daß es keine gewöhnliche Krankheit ist! Ein geheimer Kummer reibt sie auf; sie will es nicht gestehen, doch bin ich fest davon überzeugt, daß Sie daran Schuld sind . . . Hören Sie mich an . . . Sollten Sie vielleicht glauben, daß ich auf hohen Rang und unermeßlichen Reichthum sehe, so bitte ich Sie, sich vom Gegentheil zu überzeugen: ich will nur das Glück meiner Tochter. Ihre gegenwärtige Lage ist freilich nicht beneidenswerth, indessen ist dem ja wohl abzuhelfen, denn Sie haben Vermögen; meine Tochter liebt Sie und sie ist so erzogen, daß sie einen Mann wahrhaft glücklich machen kann. Ich bin reich; — sie ist mein einziges Kind . . . Sagen Sie selbst, was hält Sie zurück? . . . Sehen Sie, ich sollte Ihnen alles dies nicht sagen, allein ich verlasse mich auf Ihr Herz, auf Ihre Ehre; — bedenken Sie, daß ich diese einzige Tochter habe . . . diese einzige . . .“