„Was haben Sie? beißen Sie die Wanzen?“ fragte ich.
— Ja wohl, schöne Wanzen . . . erwiederte er, tief aufseufzend.
Am nächsten Morgen erwachte ich frühzeitig, allein Maksim Maksimitsch war mir bereits zuvorgekommen. Ich fand ihn schon wartend auf der Bank sitzend. — „Ich muß durchaus zum Kommandanten gehen,“ sagte er, „also, bitte, wenn Petschorin unterdessen kommen sollte, schicken Sie nach mir . . .
Ich versprach es. Er eilte mit solcher Hast davon, als ob sich durch seine Glieder ein jugendliches Feuer und jugendliche Elasticität auf’s Neue ergossen hätten.
Der Morgen war frisch und schön. Goldenes Gewölk thürmte sich über den Bergen empor gleich einer neuen Kette lustiger Gebirgsbilder; vor der Hausthür dehnte sich ein geräumiger Platz aus; der daran gelegene Bazar wimmelte von Leuten, denn es war gerade ein Sonntag; baarfüßige Ossetinerknaben, mit Butten auf den Schultern, in welchen sie ganz frischen Honig zu Kaufe herumtrugen, umringten mich alsbald; ich scheuchte sie von mir; mir stand der Sinn wo anders hin — ich begann die Unruhe des braven Stabskapitaines zu theilen.
Es vergingen keine zehn Minuten, als sich Der am Ende des Platzes zeigte, den wir erwarteten. Er ging mit dem Obersten N., welcher, nachdem er ihn bis zum Wirthshause begleitet hatte, Abschied von ihm nahm und nach der Festung zurückkehrte. Ich entsandte sofort einen Invaliden nach Maksim Maksimitschen.
Unterdessen kam der Bediente Petschorin’s heran, mit der Meldung, daß man sofort anspannen würde; er reichte ihm eine Cigarrenbüchse und begab sich, nach einigen erhaltenen Befehlen, zurück an seine Geschäfte. Sein Herr steckte sich eine Cigarre an, gähnte ein paar Mal und setzte sich auf eine Bank an der andern Seite der Hausthür. Ich muß Ihnen nunmehr sein Portrait machen:
Er war mittleren Wuchses. Sein kräftiger, schlanker Bau und seine breiten Schultern zeugten von einer Natur, die im Stande war alle Beschwerlichkeiten des Nomadenlebens, sowie alle klimatische Veränderungen zu ertragen, eine Natur, die bisher weder von dem ausschweifenden Leben in der Residenz noch von den heftigsten Gemüthsstürmen besiegt worden war. Sein staubiger Sammetrock, der nur an den beiden untersten Knöpfen zugeknöpft war, ließ die blendendweißeste Wäsche durchblicken, an welcher man die Gewohnheiten eines anständigen Menschen am besten erkennt; seine nicht mehr frischen Handschuhe schienen eigens nach seiner kleinen aristokratischen Hand genäht zu sein, und als er einen derselben auszog, erstaunte ich über die Magerkeit seiner blassen Finger. Sein Gang war nachlässig und träge; indeß bemerkte ich, daß er dabei die Arme nicht bewegte, — ein sicheres Zeichen einer gewissen Verstecktheit des Charakters. Uebrigens sind das so meine eigenen Bemerkungen, die auf meinen selbstgemachten Beobachtungen beruhen, weshalb Sie denselben durchaus keinen blinden Glauben zu schenken brauchen. Als er sich wieder auf die Bank niederließ, bog sich seine sonst grade Gestalt, als ob er im Rücken nicht einen einzigen Knochen hätte. Die ganze Haltung seines Körpers verrieth eine Art Nervenschwäche; er saß wie eine Balzac’sche dreißigjährige Kokette in ihrem gepolsterten Armstuhle sitzt, wenn sie von einem ermüdenden Balle zurückkehrt. Beim ersten Blicke auf sein Gesicht hätte ich ihm nicht mehr als drei und zwanzig Jahre gegeben, obgleich ich ihm später deren gern dreißig gab. In seinem Lächeln lag etwas Kindliches. Seine Haut hatte eine fast weibische Zartheit; seine blonden, natürlich gelockten Haare umgaben höchst malerisch seine blasse, edle Stirn, auf welcher man nur nach längerer Beobachtung die Spuren der Runzeln entdecken konnte, die einander durchkreuzten und in Momenten des Zornes oder der geistigen Aufgeregtheit wahrscheinlich noch sichtbarer zum Vorschein kamen. Ungeachtet seines hellen Haupthaares waren Augenbrauen und Schnurrbart schwarz — ein eben so sicheres Anzeichen ächter Race beim Menschen wie eine schwarze Mähne und ein schwarzer Schweif bei einem weißen Pferde. Schließlich, um sein Portrait zu beendigen, erwähne ich noch, daß er eine etwas aufgeworfene Nase hatte, daß seine Zähne vom glänzendsten Weiß, seine Augen dunkelbraun waren. Ueber seine Augen muß ich übrigens noch etwas hinzufügen:
Erstens, lachten sie nicht, wenn er lachte! — Es ist Ihnen vielleicht noch nicht vorgekommen, diese Seltsamkeit an gewissen Leuten zu beobachten? . . . Sie ist ein charakteristisches Kennzeichen entweder eines sehr bösen Charakters oder einer tiefen, beständigen Schwermuth. Seine Augen glänzten aus den halbgeöffneten Wimpern hervor mit einer Art phosphorischen Glanzes, wenn ich mich so ausdrücken darf; das war nicht der Abglanz der inneren Glut der Seele oder der spielenden Einbildungskraft, sondern der blendende, kalte Spiegelglanz des polirten Stahles; sein Blick war nicht dauernd aber durchdringend und lästig, und hinterließ den unangenehmen Eindruck einer unbescheidenen Frage; er hätte frech genannt werden können, wäre er nicht zu gleichgültig ruhig gewesen. Alle diese Details kamen mir vielleicht nur deshalb in den Sinn, weil ich einige Einzelheiten seines Lebens kannte, und leicht könnte es sein, daß sein Anblick auf einen Anderen einen durchaus verschiedenartigen Eindruck gemacht hätte; da Sie nun aber außer mir von Niemanden etwas über ihn erfahren werden, so müssen Sie sich schon mit dieser Darstellung begnügen. Schließlich füge ich noch hinzu, daß er im Allgemeinen durchaus nicht übel war und eine jener originellen Physiognomien hatte, welche besonders den Damen so gefallen.
Die Pferde waren bereits vorgespannt. Die Wagenglocke ertönte von Zeit zu Zeit an der Duga und schon zweimal war der Bediente zu Petschorin mit der Meldung herangetreten, daß Alles bereit sei — aber Maksim Maksimitsch erschien noch immer nicht. Zum Glücke blickte Petschorin, in Gedanken vertieft, nach den blauen Bergzacken des Kaukasus und schien nicht eben sehr eilig zu sein. Ich ging an ihn heran: „Wenn Sie sich noch ein wenig gedulden wollen, mein Herr,“ sagte ich, „so werden Sie die Genugthuung haben, einen alten Freund wiederzusehen . . . .“