— Ich verdiene diese Vorwürfe nicht, Maksim Maksimitsch. —

„Nun, ich, wissen Sie, ich spreche einmal so von der Leber herunter; übrigens wünsche ich Ihnen alles Wohlergehen und eine fröhliche Reise.

Wir trennten uns ziemlich trocken. Der gute Maksim Maksimitsch war zum eigensinnigen, zänkischen Stabskapitain geworden! Und weshalb? Weil ihm Petschorin aus Zerstreuung oder aus irgend einem andern Grunde die Hand gereicht hatte, wo der ihm gern an den Hals gesprungen wäre! Es ist traurig zu sehen, wenn der Jüngling die schönsten seiner Hoffnungen und Illusionen verschwinden sieht, wenn der Rosaflor zerreißt, durch welchen er die Thaten und Gefühle der Menschen zu betrachten pflegte; für ihn bleibt doch die Hoffnung, die zerronnenen Phantasiegebilde durch neue, zwar nicht minder vergängliche, doch darum auch nicht minder süße, zu ersetzen . . . Gegen was aber vertauscht man sie in Maksim Maksimitschens Jahren? Da verhärtet das Herz unwillkührlich und die Seele zieht sich in sich zurück.

Ich reiste allein ab.

Vorrede.

Unlängst erfuhr ich, daß Petschorin auf seiner Heimkehr aus Persien gestorben sei. Diese Nachricht erfreute mich ungemein; sie gab mir das Recht, diese Memoiren zu veröffentlichen und ich benutzte diese Gelegenheit gern, meinen Namen einem fremden Geistesprodukte voranzustellen. Gebe Gott, daß meine Leser mich nicht für diesen Betrug verurtheilen!

Ich habe mich nunmehr noch über die Gründe auszusprechen, die mich veranlaßten, dem Publikum die Herzensgeheimnisse eines Menschens vorzulegen, den ich nie gekannt habe. Wäre ich noch sein Freund gewesen! die feige Indiskretion der wahrhaften Freunde ist ja aller Welt hinreichend bekannt; so aber habe ich ihn nur ein einziges Mal in meinem Leben gesehen, und noch obendrein auf dem Reisewege! Es geht daraus aber auch hervor, daß ich gegen ihn nicht jenen unerklärlichen Haß nähren kann, der sich unter der Larve der Freundschaft verbirgt und nur den Moment des Todes oder großer Unglücksfälle abwartet, um sofort über das Haupt des geliebten Gegenstandes die Schauergüsse der Vorwürfe, der Rathschläge, der Bemitleidung und des Hohnes auszugießen.

Als ich diese Memoiren durchlas, überzeugte ich mich von der Aufrichtigkeit desjenigen, der seine eigenen Schwächen und Untugenden so unbarmherzig zur Schau stellte. Die Geschichte der menschlichen Seele, und wäre es der allergeringsten, ist interessanter und nützlicher als die Geschichte eines ganzen Volkes, besonders wenn sie das Resultat der Beobachtungen des Verstandes über sich selbst ist und wenn sie ohne den eitlen Wunsch geschrieben ward, Theilnahme oder Verwunderung zu erwecken. Die Confessions Rousseau’s haben schon das Ueble an sich, daß er sie seinen Freunden vorlas.

So leitete mich also nur der Wunsch nützlich zu werden bei der Veröffentlichung dieses mir zufällig in die Hände gerathenen Journals. Obgleich ich alle Eigennamen veränderte, so werden doch diejenigen sich wahrscheinlich leicht wiedererkennen, von denen die Rede ist, und vielleicht hier den Schlüssel zum Betragen eines Menschen finden, der auf dieser Welt nichts mehr mit ihnen gemein hat. Man entschuldigt fast immer das, was man versteht. Ich habe in diesem Buche nur Dem Platz gegönnt, was sich auf Petschorins Aufenthalt im Kaukasus bezieht. Es bleibt mir noch ein dickes Heft unbenutzt zurück, in welchem er sein ganzes Leben beschreibt. Dereinst soll auch dieses dem Urtheile der Welt übergeben werden; doch wage ich es jetzt aus vielen Gründen noch nicht, diese Verantwortlichkeit zu übernehmen.

Vielleicht wünschen einige Leser meine eigene Meinung über Petschorins Charakter zu vernehmen. Meine Antwort — der Titel des Buches. „Das ist ja eine böse Ironie!“ werden sie sagen. Ich weiß nicht. —