Tamán.

In tal notte atra e funesta
Mente freme la tempesta
Chi va in circa di un asil?

Anonimo.

Tamán ist das allermiserabelste Nest unter allen russischen Seestädten. Beinahe wäre ich vor Hunger darin umgekommen, nicht gerechnet, daß man mich zur Zugabe noch ersäufen wollte. Ich kam spät des Nachts mit Postvorspann daselbst an; der Postillon hielt das ermüdete Dreigespann vor der Thür des einzigen steinernen Hauses an, das sich bei der Einfahrt befindet. Die Wache, ein tschornomórski[23)] Kosak, rief, als er das Gebimmel des Glöckchens hörte, halbschlaftrunken mit wilder Stimme sein: „Wer da?“ Ein Unteroffizier und ein Gefreiter kamen heraus. Ich erklärte ihnen, daß ich ein Offizier sei, der sich im Auftrage der Krone nach einer aktiven Abtheilung begebe, und forderte eine Kronswohnung für die kurze Zeit meines Aufenthaltes hierselbst. Der Gefreite führte uns in der Stadt herum; aber bei welcher Barake wir auch vorsprachen — nirgends war ein Unterkommen zu finden. Es war kalt; ich hatte drei Nächte nicht geschlafen, war furchtbar müde und fing an ärgerlich zu werden. „So führe mich endlich unter Dach, Spitzbube,“ schnaubte ich den Kosaken an, „und wenn’s beim Teufel wäre, nur zur Stelle!“

„Da ist wohl noch ein Nest,“ antwortete der Kosak, indem er sich im Nacken kratzte, „nur wird es Euer Gnaden nicht zusagen; — es ist da nicht ganz rein!“

Da ich die genaue Bedeutung des letzten Wortes nicht auffaßte, so befahl ich ihm voranzugehen, und so gelangten wir nach einer langen Wanderung durch die schmutzigen Gassen, an deren Seiten ich nichts als alte Plankenzäune sah, zu einer kleinen Hütte, dicht am Ufer des Meeres.

Der volle Mond beleuchtete das Schilfrohrdach und die weißen Wände meiner neuen Wohnung; auf dem Hofe, der mit einem Kieselgeschiebe umgeben war, war noch eine zweite elende Hütte, noch kleiner und hinfälliger als die erste, an diese angekleckst. Das Ufer fiel fast von den Wänden der Hütte senkrecht, wie abgeschnitten, ins Meer hinab, und unten tanzten mit ununterbrochenem Gebrause die dunkelblauen Wogen. Der Mond schaute friedlich auf das unruhige, aber ihm unterthänige Element, und ich konnte bei seinem Lichte, weit vom Ufer ab, zwei Schiffe wahrnehmen, deren schwarzes Takelwerk sich wie ein Spinnengewebe am matten Himmelsgewölbe abzeichnete. — „Es liegen Schiffe im Hafen,“ dachte ich bei mir selbst, „morgen kann ich also nach Geléndschick abreisen!“ Ein Linienkosak begleitete mich als Bedienter. Ich befahl ihm den Koffer loszubinden und den Postillon zu entlassen, und fing an nach dem Wirthe zu rufen. — Keine Antwort; ich poche; alles stumm . . . Was bedeutet das? Endlich kroch aus dem Hausflure ein Junge von ungefähr vierzehn Jahren hervor.

„Wo ist der Wirth?“ — Njä-má.[24)] — „Was? kein Wirth?“ — Ne, keener . . . — „Nun, also eine Wirthin?“ — Die is nach dem Dorfe gelofen. — „Wer macht mir denn da die Thür auf?“ sagte ich und schlug mit dem Absatz dagegen. Die Thüre sprang von selbst auf; ein feuchter Dunst wehte mir entgegen. Ich steckte ein Zündholz an und hielt es dem Jungen unter die Nase; es beleuchtete zwei glanzlose, weiße Augen. Er war blind, stockblind von Geburt an. Er blieb unbeweglich vor mir stehen und ich begann seine Züge zu mustern.

Ich muß gestehen, daß ich ein starkes Vorurtheil gegen alle Blinden, Lahmen, Tauben, Stummen, Buckligen, Bein- und Armlosen u. s. w. u. s. w. habe. Ich habe bemerkt, daß zwischen dem Aeußerlichen des Menschen und seiner Seele stets eine seltsame, geheime Beziehung Statt findet: als ob mit dem Verlust eines Gliedes die Seele irgend eines Gefühls verlustig ginge.

Ich fing also an die Züge des Blinden zu mustern; aber sagen Sie mir selbst, was kann man möglicherweise in einem Gesichte ohne Augen lesen? . . . Ich blickte ihn lange mit unwillkührlichem Mitleid an, als plötzlich ein kaum bemerkbares Lächeln über seine dünnen Lippen glitt, das, ich weiß nicht warum, einen äußerst widerlichen Eindruck auf mich machte. In meinem Kopfe tauchte der Verdacht auf, daß dieser Blinde doch nicht ganz so blind sei, wie er es schien; vergebens hielt ich mir vor, daß man den grauen Staar unmöglich nachahmen könne, und nun noch obendrein wozu? Wie dem nun auch immer sei — ich klebe bisweilen an gewissen Vorurtheilen . . .