— Bist Du der Sohn der Wirthin? fragte ich ihn endlich. — „Ne.“ — Wer bist Du denn? — „Eene Waise, verlassene.“ — Hat die Wirthin Kinder? — „Ne, sie hatte eine Tochter, aber die ist mit einem Tataren über’s Meer gezogen.“ — Mit einem Tataren? Mit was für einem Tataren? — „Der Teufel mag seinen Namen wissen! ein Tatar aus der Krim, ein Bootsmann aus Kertschi.“

Ich trat in die Hütte: zwei Bänke, ein Tisch und ein ungeheurer Koffer in der Nähe des Ofens bildeten das ganze Mobiliar. An der Wand kein einziges Heiligenbild — ein schlechtes Zeichen! Durch die zertrümmerten Fensterscheiben pustete der Seewind mit Ungestüm. Ich langte mir aus meinem Reisekoffer ein Ende Wachskerze heraus, steckte es an und fing an meine Sachen auszupacken; meine Schaschka und Büchse kamen in die Ecke zu stehen, die Pistolen auf den Tisch, dann breitete ich meine Burka[25)] über die eine Bank, mein Kosak die seinige über die andere und nach zehn Minuten schnarchte er bereits; — allein ich konnte nicht einschlafen; vor mir in der Finsterniß drehte sich fortwährend der Junge mit den weißen Augen herum.

So mochte ungefähr eine Stunde verflossen sein. Der Mond schien jetzt zum Fenster herein, und seine Strahlen spielten auf dem lehmigen Fußboden der Hütte. Plötzlich schwebte auf dem vom Monde beschienenen Streifen des Fußbodens ein Schatten vorüber. Ich richte mich auf und schaue nach dem Fenster: zum zweiten Male eilte Jemand daran vorbei und verschwand Gott weiß wo; ich konnte mir nicht denken, daß dieses Wesen die schroffe, senkrechte Mauer des Seeufers hinuntergeglitten sein konnte, und doch blieb ihm kein anderer Weg übrig. Ich stand auf, warf meinen Beschmet um, steckte meinen Dolch in den Gurt und trat leise, leise aus der Hütte hinaus: der blinde Junge grade auf mich los. Ich drückte mich an den Plankenzaun und so ging er mit sicherem doch behutsamen Schritte an mir vorüber. Unter dem Arme trug er ein Bündel und nachdem er sich dem Hafen zugewandt hatte, schlug er einen engen, steilen Fußpfad ein. — „An jenem Tage werden die Stummen reden und die Blinden wieder sehen,“ dachte ich bei mir selbst, indem ich ihm in einer angemessenen Entfernung folgte, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren.

Unterdessen fing der Mond an sich in Wolken zu kleiden und Nebel stieg vom Meere auf; kaum, daß die Laterne vom Verdecke des nahen Wachtschiffes hindurchschimmerte, am Ufer aber spritzte der Schaum der Meereswogen so in die Höhe, daß sie den Jungen jeden Augenblick zu verschlingen drohten. Ich folgte ihm, obgleich mit vieler Beschwerde, auf dem steilen, holprigen Wege und sah wie mein Blinder erst eine Weile stehen blieb und sich dann rechts hinunter begab; er ging so dicht am Wasser dahin, daß es schien, als ob die Woge ihn sofort ergreifen und mit sich fortreißen würde; allein an der Sicherheit, mit welcher er von Stein zu Stein hüpfte und die Wasserrisse vermied, konnte man deutlich sehen, daß er diesen Weg nicht zum ersten Male machte. Endlich hielt er still, als ob er auf etwas lausche, setzte sich auf die Erde und legte sein Bündel neben sich. Ich beobachtete alle seine Bewegungen, indem ich mich hinter einem vom Ufer vorspringenden Felsenstücke versteckt hielt. Nach einigen Minuten wurde von der entgegengesetzten Seite her eine weiße Figur sichtbar; sie ging an den Blinden heran und setzte sich neben ihn. Der Wind führte mir von Zeit zu Zeit ihr Gespräch zu:

„Nun, Blinder?“ sagte eine weibliche Stimme: „der Sturm ist heftig; Janko wird nicht kommen.“

— Janko fürchtet den Sturm nicht, entgegnete dieser.

„Der Nebel wird immer dichter,“ sagte wieder die weibliche Stimme mit einem Ausdrucke der Kümmerniß.

— Im Nebel kann er sich desto leichter an den Wachtschiffen vorbeistehlen, war die Antwort.

„Aber wenn er ertrinkt?“

— Nun was weiter? Dann gehst Du am nächsten Sonntag ohne neues Band in die Kirche.