Hierauf folgte ein Schweigen; indessen frappirte mich eins: der Blinde hatte mit mir in kleinrussischem Dialekte gesprochen, während er jetzt ganz reines Russisch sprach.
— Siehst Du, daß ich Recht habe, begann der Blinde wieder, indem er in die Hände schlug: Janko fürchtet weder Meer, noch Sturm, noch Nebel, noch Küstenwächter: horche nur — das ist nicht das Peitschen der Wellen, Du täuschst mich nicht, — das sind seine langen Ruder.
Das Frauenzimmer sprang auf und richtete unruhvoll ihren Blick in die Ferne.
„Du faselst, Blinder,“ sagte sie, „ich sehe nichts.“
Ich muß gestehen, daß, wie viele Mühe ich mir auch gab, etwas zu entdecken, was einem Nachen ähnlich sehen konnte, alles vergebens war. So vergingen zehn Minuten; da zeigte sich allmälig zwischen den Bergen der Meeresfluthen ein schwarzer Punkt, der bald größer bald kleiner wurde; — bald sich langsam bis auf die Spitzen der Wogen erhebend, bald wieder in die Tiefe hinabschießend, näherte sich der Kahn immer mehr dem Ufer. — Ein kühner Schiffer mußte Der sein, der es wagte, in einer solchen Nacht eine Meerenge von 20 Werst Weite zu durchrudern, und wichtig mußte der Grund sein, der ihn dazu antrieb.
Während diese Gedanken mich beschäftigten, blickte ich mit unwillkührlichem Herzpochen nach dem armen Kahne; der aber tauchte unter wie eine Ente und erhob sich dann wieder durch einen raschen Flügelschlag seiner Ruder aus dem Abgrunde, inmitten des wildesten Schaumgespritzes; — plötzlich schien es mir, als ob er in einem Anlaufe gegen das Ufer sich zerschlagen und in tausend Splitter zertrümmern müsse — allein er parirte mit ungemeiner Geschicklichkeit und hüpfte unbeschädigt in eine kleine Bucht. Ein Mann von mittlerm Wuchse sprang aus dem Nachen; er trug eine tatarische Barankenmütze; er winkte mit der Hand — und alle drei bemühten sich, Etwas aus dem Nachen zu ziehen; die Last war so groß, daß ich bis auf den heutigen Augenblick nicht verstehe, wie er nicht untergegangen ist. Ein jeder packte sich endlich ein Bündel auf die Schultern und so gingen sie das Ufer entlang, wo ich sie zuletzt aus dem Gesicht verlor. — Es blieb mir nun nichts übrig, als nach Hause zu gehen, doch muß ich bekennen, daß alle diese Seltsamkeiten mich dermaßen aufgeregt hatten, daß ich beschloß, den Morgen wach abzuwarten.
Mein Kosak war nicht wenig erstaunt, als er mich beim Erwachen vollständig angezogen fand; indessen gab ich ihm keine weiteren Gründe dafür an, sondern legte mich ins Fenster und schaute eine Zeitlang nach dem dunkelblauen mit zerrissenem Gewölk besäeten Himmel, nach dem fernen Ufer der Krim, das sich wie ein Lilastreifen am Horizonte dahinzieht, bis es zuletzt in einen Felsen ausläuft, auf dessen Gipfel ein Leuchtturm schimmert, und begab mich endlich nach der Festung Fanágora, um mich beim Kommandanten über die Stunde meiner Abreise nach Gelendschick zu erkundigen.
Aber leider konnte mir der Kommandant durchaus nichts Bestimmtes darüber sagen. Die im Hafen liegenden Schiffe waren alle entweder Wachtschiffe oder Handelsschiffe, die sogar ihre Ladung noch nicht einmal eingenommen hatten. „Vielleicht kommt ein Postschiff in drei, vier Tagen hier an,“ sagte der Kommandant, „und dann wollen wir sehen . . .“
Ich ging finster und ärgerlich nach Hause. In der Thüre kam mir mein Kosak mit bestürztem Gesichte entgegen: — Hier ist’s faul, Euer Gnaden! raunte er mir zu. Ja, Bruder,[26)] Gott weiß, wann wir von hier fortkommen! Bei diesen Worten wurde er noch verlegener, beugte sich zu mir und zischelte mir ins Ohr: Hier ist’s nicht rein! Ich begegnete heute einem tschornomórskischen Kosakenunteroffiziere, mit dem ich bekannt bin, — ich stand voriges Jahr mit ihm in einer Abtheilung — so sagte ich ihm also, wo wir abgestiegen wären; darauf sagte er zu mir: Bruder, sagte er, da, Bruder, ist die Luft nicht rein; das sind keine gute Leute! . . . Ja, und nun bitte ich Einen in der That — was ist das für ein Blinder! lauft der Bengel überall allein herum, nach dem Bazar, und nach Brod und nach Wasser . . . Hier sind sie, wie es scheint, schon alle daran gewöhnt.
„Hat sich denn die Wirthin nicht wenigstens einmal blicken lassen? . . .“