Gruschnitzki schlug mit der Faust auf den Tisch und fing an im Zimmer auf und ab zu gehen.

Ich lachte in meinem Innern und konnte sogar zweimal ein sichtbares Lächeln nicht zurückdrängen, was Gruschnitzki aber zum Glücke nicht bemerkte. Es ist klar, er ist verliebt, denn er ist noch leichtgläubiger geworden als er früher war; an seinem Finger trug er sogar schon einen silbernen Ring mit einem Herzen, hiesiger Arbeit. Das kam mir sehr verdächtig vor. Ich betrachtete ihn genauer, und siehe da, was sah ich? . . . mit kleinen Buchstaben war der Name Mary in die innere Seite eingravirt, so wie das Datum des Tages, an welchem sie das berühmte Glas aufgehoben hatte! Ich behielt diese Entdeckung für mich, auch will ich kein Geständniß von ihm erzwingen, denn er soll mich von selbst zu seinem Vertrauten wählen, und dann ist es an mir zu schwelgen.

Heute bin ich erst spät aufgestanden; ich ging nach dem Brunnen, fand aber Niemand mehr dort. Unterdessen war es recht heiß geworden; weiße gekräuselte Gewölke zogen rasch von den Schneebergen herüber und verkündeten Sturm; die Kuppe des Máschuk rauchte wie eine erloschene Fackel; rund um ihn wanden sich und krochen, wie Schlangen, graue Wolkengebilde, die, in ihrem Fluge aufgehalten, an die Dornen seiner Gesträuche festgekettet schienen. Die Luft war mit Electricität geschwängert. Ich vertiefte mich in die Nebenallee, welche zur Grotte führt; ich war schwermüthig, denn ich gedachte jenes jungen Frauenzimmers mit dem Muttermaale auf der Wange, von welcher mir der Doktor gesprochen hatte. Warum ist sie hier? und ist sie es auch? und warum glaube ich denn, daß sie es ist, ja, warum bin ich selbst davon überzeugt? Als ob es nicht mehr Frauen mit einem Muttermaale auf der Wange gäbe! Unter diesen Gedanken hatte ich die Grotte erreicht. Ich blicke hinein: im kühlen Schatten ihrer Wölbung sitzt auf einer steinernen Bank eine Frau in einem Strohhute, in einen schwarzen Shawl gehüllt, den Kopf auf die Brust gesenkt; der Hut verbarg ihr Gesicht. Ich wollte eben umkehren, um sie nicht in ihren Träumereien zu stören, als ihr Blick auf mich fiel.

— Wära,[30)] rief ich unwillkührlich aus.

Sie fuhr zusammen und erblaßte. — „Ich wußte, daß Sie hier sind,“ sagte sie. Ich setzte mich neben sie und ergriff ihre Hand. Ein längstvergessenes Beben durchzitterte meine Adern beim Tone dieser süßen Stimme; sie blickte mit ihren tiefen, ruhigen Augen in die meinigen; es lag in ihnen ein gewisses Mißtrauen und etwas, was einem Vorwurf ähnlich war.

— Wir haben uns lange nicht gesehen, begann ich.

„Lange — und haben uns Beide sehr verändert.“

— Heißt das so viel, als daß Du mich nicht mehr liebst? —

„Ich bin vermählt,“ entgegnete sie.

— Wieder? Indessen existirte dieser Grund vor einigen Jahren auch, und doch — Sie zog ihre Hand aus der meinigen; ihre Wangen glühten.