— So liebst Du vielleicht Deinen zweiten Mann?
Sie antwortete nichts und wandte sich ab.
— Oder ist er sehr eifersüchtig?
Schweigen.
— Wie? So ist er jung, schön, wahrscheinlich besonders reich und Du fürchtest . . . Ich blickte sie an und erschrak; ihr Gesicht trug den Ausdruck der tiefsten Verzweiflung, in ihren Augen glänzten Thränen.
„Nicht wahr,“ stammelte sie endlich, „es macht Dir viel Vergnügen, mich zu quälen? ich müßte Dich eigentlich hassen; seit wir uns kennen, hast Du mir nichts gegeben als Leid und Weh . . .“ ihre Stimme zitterte. Sie neigte sich zu mir und lehnte ihren Kopf an meine Brust.
— Wohl möglich, dachte ich bei mir selbst, daß Du mich eben deshalb liebtest . . . die Freuden vergißt man bald, den Kummer nie . . .
Ich schloß sie fest in meine Arme und hielt sie lange umschlungen. Endlich näherten sich unsere Lippen und flossen in einem heißen, berauschenden Kusse zusammen; ihre Hände waren kalt wie Eis, ihr Kopf glühte.
Hierauf entspann sich zwischen uns eins von jenen Gesprächen, welche auf dem Papiere gar keinen Sinn haben, die man gar nicht wiederholen, ja, an die man selbst nicht erinnern muß. Die Bedeutung der Töne ersetzt und vervollständigt die Bedeutung der Wörter wie in der italienischen Oper.
Sie will durchaus nicht, daß ich die Bekanntschaft ihres Mannes mache, jenes lahmen, alten Männchens, das ich im Vorbeigehen auf dem Boulevard gesehen hatte; sie hat ihn ihres Sohnes wegen geheirathet. Er ist übrigens reich und leidet an Rheumatismus. Ich erlaubte mir nicht den geringsten Ausfall gegen ihn, denn sie verehrt ihn wie einen Vater — und wird ihn betrügen wie einen Mann . . Ein seltsames Ding ist das menschliche Herz im Allgemeinen, und das weibliche im Besondern.