Der Gemahl Wära’s, Semen Wassiljewitsch G. . . ist ein entfernter Verwandter der Fürstin Ligoffska; er wohnt dicht neben ihr; Wära sieht die Fürstin sehr oft, und ich gab ihr mein Wort, die Bekanntschaft der Mutter, und der jungen Fürstin die Cour zu machen, um so die Aufmerksamkeit von ihr abzulenken. Auf diese Weise werden meine Pläne in nichts gestört, und ich werde meine Freude daran haben. —

Meine Freude! ich habe aber bereits jene Periode des Seelenlebens durchlaufen, wo man nur dem Glücke nachjagt; in welcher das Herz die Nothwendigkeit fühlt, irgend Jemanden innig und leidenschaftlich zu lieben; jetzt fühle ich nur noch das Bedürfniß geliebt zu werden und auch das nur noch von sehr wenigen; es scheint mir sogar, daß ich an einer beständigen Anhänglichkeit genug hätte. Welch eine leidige Gewohnheit des Herzens! . . .

Eins war mir immer seltsam . . . ich wurde nie zum Sklaven einer Geliebten; im Gegentheil erlangte ich stets über ihren Willen und über ihr Herz eine unwiderstehliche Macht, obgleich ich nie danach gestrebt habe. Woher mag dies kommen? Vielleicht daher, daß mir niemals etwas unaussprechlich theuer war, und daß sie jede Minute befürchten mußten, mich zu verlieren? oder ist es der magnetische Einfluß eines starken Organismus? Oder gelang es mir ganz einfach nicht, auf ein Frauenzimmer von hartnäckigem Charakter zu stoßen?

Auch muß ich gestehen, daß ich die Frauenzimmer von Charakter eben nicht liebe; ist denn das ihre Sache?

Richtig, jetzt erinnere ich mich: einmal, ein einzigesmal liebte ich ein Weib von fester Willenskraft, welches ich niemals besiegen konnte . . . wir schieden als Feinde; — doch wer weiß, hätte ich sie fünf Jahre später getroffen, ob wir uns nicht anders getrennt hätten . . .

Wära ist krank, sehr krank, obgleich sie es nicht Recht haben will; ich fürchte, sie hat die Schwindsucht oder jene Krankheit, welche man fièvre lente nennt, eine Krankheit, die so wenig russisch ist, daß wir in unserer Sprache nicht einmal einen Namen dafür haben.

Der Sturm überraschte uns in der Grotte und hielt uns länger als eine halbe Stunde darin gefangen. Sie nöthigte mich nicht, ihr die Versicherung meiner Treue zu geben; sie fragte nicht, ob ich seit unserer Trennung Andere geliebt habe, sie vertraute mir auf’s Neue mit der früheren Sorglosigkeit — und ich täusche sie nicht; sie ist das einzige Weib auf der Welt, welche ich nicht im Stande wäre zu täuschen. Ich weiß wohl, daß wir uns bald wieder trennen müssen, und diesmal vielleicht für immer: Beide gehen wir auf verschiedenen Wegen dem Grabe entgegen; doch die Erinnerung an sie wird unverwischlich in meiner Seele zurückbleiben. Ich habe ihr das immer wiederholt und sie glaubt mir auch, obgleich sie das Gegentheil behauptet. Endlich trennten wir uns; lange folgte ich ihr mit den Blicken, bis sich ihr Hut hinter den Gesträuchen und Felsen verbarg. Mein Herz zog sich krankhaft zusammen wie nach der ersten Trennung. O, wie mich dieses Gefühl entzückte! Sollte wohl gar die Jugend mit ihren wohlthuenden Stürmen auf’s Neue zu mir zurückkehren? oder ist es nur ihr letzter Abschiedsblick, ihre letzte Gabe zur Erinnerung? Es kommt mir lächerlich vor, wenn ich bedenke, daß mein Aeußeres noch immer das eines Jünglings ist . . . mein Gesicht ist zwar blaß, doch frisch; die Glieder geschmeidig und kräftig; mein volles Haar wallt, die Augen glühen, das Blut kocht . . .

Sobald ich nach Hause zurückgekehrt war, setzte ich mich zu Pferde und ritt hinaus in die Steppe; ich mag gern auf einem feurigen Rosse durch das hohe Gras gegen den Wüstenwind jagen; mit Gier sauge ich die duftige Luft ein, und richte den Blick in die blaue Ferne, bemüht die nebeligen Umrisse der Gegenstände zu erfassen, welche von Minute zu Minute klarer und bestimmter werden. Welcher Gram auch auf dem Herzen laste, welche Unruhe auch die Gedanken ermüde, Alles zerstiebt im Augenblicke; in der Seele wird einem so leicht; die Ermüdung des Körpers überwindet die Aufregung des Geistes. Es giebt keinen Blick eines Weibes, den ich nicht beim Anblick der lockigen Berge vergäße, wenn sie von der Mittagssonne in duftiges Roth gehüllt daliegen, — den ich nicht dem Lächeln des blauen Himmels oder dem Geräusche des Waldstroms, der von Fels zu Felsen stürzt, vergäße.

Ich glaube, die Kosaken, die auf ihren Wachtposten gähnten, zerbrachen sich lange den Kopf mit dem Räthsel, das ich ihnen darbot, als sie mich so ohne allen Grund und ohne Ziel dahinstürmen sahen; denn der Kleidung nach hielten sie mich wahrscheinlich für einen Tscherkessen. Man hat mir in der That versichert, daß ich im tscherkessischen Costüm zu Pferde einem Kabardinzer ähnlicher sei als viele Kabardinzer. — In der That bin ich, was diese edle kriegerische Kleidung anbetrifft, ein vollkommener Dandy. Nicht Eine Tresse zu viel; die Waffen sind werthvoll, aber von einfacher Arbeit; das Rauhwerk an der Mütze nicht zu lang und nicht zu kurz, die Nesteln und Verbrämungen sind mit aller nur möglichen Genauigkeit angeheftet; mein Beschmet ist weiß, mein Tscherkessenmantel dunkelbraun. Ich habe mich lange der tscherkessischen Art zu reiten befleißigt, und nichts kann meiner Eigenliebe so schmeicheln, als wenn man meine Kunst, auf kaukasische Weise zu reiten, anerkennt. Ich halte vier Pferde: eins für mich, drei für meine Freunde, um der langen Weile zu entgehen mich allein umherzuschleppen; sie machen mit Vergnügen von meinen Pferden Gebrauch, reiten aber niemals mit mir zusammen aus. Es war bereits sechs Uhr Nachmittags, als ich mich erinnerte, daß es Zeit sei zu essen; mein Pferd war ermüdet, ich lenkte es daher auf den Weg, welcher von Pätigorsk nach einer deutschen Kolonie führt, wohin die Brunnengesellschaft sehr oft zum Piquenique geht. Der Weg dahin windet sich zwischen Gebüschen, indem er bisweilen durch kleine Schluchten führt, wo unter dem Schatten hoher Gräser rauschende Bäche dahinfließen; rundum erheben sich amphitheatralisch die blauen Gebirgskolosse des Beschtu, des Schlangenberges, des Eisen- und des Kahlenberges. Ich betrat eine dieser Schluchten, welche im hiesigen Dialekt Balka heißen und hielt still, um mein Pferd zu tränken; in demselben Augenblicke wurde auf dem Wege eine laute und glänzende Kavalkade sichtbar; die Damen in schwarzen und blauen Amzonen, die Herren im buntesten Gemisch des tscherkessischen und nishegarótskischen Costüm; voran ritt Gruschnitzki mit der Fürstin Mary.

Die Damen, welche das Bad besuchen, glauben noch immer an die Anfälle der Tscherkessen am hellen, lichten Tage; aus diesem Grunde wahrscheinlich hatte Gruschnitzki über seinen Soldatenmantel eine Schaschka gehängt und ein paar Pistolen in den Gurt gesteckt, in welcher heldenmäßigen Ausstaffirung er ziemlich lächerlich aussah. Ein hohes Gesträuch verbarg mich vor ihnen, doch konnte ich sie durch dessen Blätter Alle sehen und an dem Ausdruck ihrer Mienen errathen, daß ihr Gespräch ein sentimentales war. Endlich näherten sie sich der Schlucht; Gruschnitzki führte das Pferd der Fürstin beim Zügel; ich hörte zufällig das Ende, ihrer Unterhaltung.