Seit drei Tagen bin ich bereits in Kislowodsk. Ich sehe Wära jeden Tag am Brunnen und auf der Promenade. Des Morgens, nach dem Aufstehen, setze ich mich ans Fenster und richte meine Lorgnette auf ihren Balkon; sie ist schon längst angekleidet und wartet auf das verabredete Zeichen; wir begegnen uns wie zufällig im Garten, der von unsern Häusern nach dem Brunnen führt. Die belebende Bergluft hat ihr ihre Gesichtsfarbe und Kräfte wiederverliehen. Nicht umsonst wird der Narsan die Heldenquelle genannt. Die hiesigen Einwohner behaupten, daß die Luft von Kislowodsk zur Liebe stimmt, daß hier alle Romane ihre Entwickelung finden, die irgendwo am Fuße des Maschuk geknüpft wurden. Und wirklich athmet hier alles nur Einsamkeit und Mysterium; die dunkeln Schatten der Lindenalleen, die sich über den Sturzbach breiten, der bald mit Schaum und Gebrause von Abhang zu Abhang rast, bald ein Bett sich mitten durch die grünenden Berge wühlt, sowohl, wie die Schluchten voller Nacht und Schweigen, deren Verzweigungen sich nach allen Seiten hin erstrecken, — wie die Frische der aromatischen Luft, vom Dufte der hohen Gräser des Südens und dem der weißen Akazie geschwängert, — wie das ununterbrochene, süß einlullende Rauschen der kühlen Quellen, die sich am Ende der Ebene begegnen, und nun, wie Freunde vereint, ihrem Ausflusse in den Podkúmok entgegenfließen. Diesseits ist die Schlucht breiter und verwandelt sich zuletzt in einen begrünten Hohlweg; eine staubige Landstraße zieht sich hindurch. So oft ich nach ihr schaue, will es mich bedünken, als käme ein Wagen, und als schaute ein rosiges Gesichtchen aus dem Wagenfenster. Wie viele Wagen sind nicht dieses Weges daher gekommen, aber der noch immer nicht. Das Dörfchen, jenseits der Festung, ist bevölkert. Aus der Restauration, die wenige Schritte von meiner Wohnung auf einem Hügel liegt, schimmern des Abends die Lichter durch die doppelte Pappelreihe; Lärm und Gläserklang ertönen bis in die späte Nacht.

Nirgends wird so viel Kachetiner (Land-) wein und so viel Mineralwasser getrunken wie hier.

Für diese doppelte Vieltrinkerei

Giebt es der Freunde viel — doch ich bin nicht dabei.

Gruschnitzki tobt mit seiner Bande fast jeden Tag im Wirthshause; mich grüßt er fast nicht mehr.

Er ist gestern erst angekommen; trotzdem ist es ihm bereits gelungen sich mit drei alten Herren zu verzanken, die das Bad vor ihm nehmen wollten; — wahrlich, das Unglück entwickelt in ihm den kriegerischen Geist.

Den 22sten Juni.

Endlich sind sie angekommen. Ich saß am Fenster, als ich das Gerassel ihrer Equipagen hörte; mein Herz klopfte laut . . . Was bedeutet das? Wäre ich wirklich verliebt? Ich bin so dumm beschaffen, daß man es wohl von mir erwarten könnte.

Ich dinirte bei ihnen. Die Fürstin sah mich sehr zärtlich an, geht aber ihrer Tochter nicht von der Seite . . . Abscheulich! Wära hingegen ist in voller Eifersucht gegen die Fürstin — habe ich doch endlich diese Seligkeit erstrebt! Was thut ein Weib nicht, um ihre Rivalin zu kränken? Ich erinnere mich, daß die eine sich in mich verliebte, weil ich eine andere liebte. Es giebt nichts Paradoxeres als den weiblichen Geist: es ist schwer, ein Frauenzimmer von etwas zu überzeugen; man muß sie dahin bringen, daß sie sich selbst überzeuge. Die Ordnung der Beweise, womit sie ihre Vorurtheile vernichten, ist höchst originell; will man sich ihre Dialektik aneignen, so muß man in seinem Geiste alle Schulregeln der Logik über den Haufen werfen. Zum Beispiel, die gewöhnliche Manier zu folgern ist:

Dieser Mann liebt mich; ich aber bin verheirathet: folglich darf ich nicht lieben.