Den 24. Juni.
Der heutige Abend war reich an Abenteuern. Ungefähr drei Werst von Kislowodsk, in der Schlucht, wo der Podkumok dahinfließt, befindet sich ein Felsen, der Ring genannt, weil er eine von der Natur gebildete Pforte[33)] bildet. Diese erhebt sich auf einem hohen Hügel, und die untergehende Sonne wirft durch sie ihren letzten glühenden Blick auf die Erde. Eine zahlreiche Kavalkade hatte sich dahinbegeben, um den Sonnenuntergang durch dieses Felsenfenster zu betrachten. Die Wahrheit zu gestehen, dachte Keiner von ihnen an die Sonne. Ich ritt neben der Fürstin Mary; auf dem Rückwege mußten wir den Podkumok durchreiten. Die Bergflüsse, selbst die allerkleinsten, sind gefährlich, besonders dadurch, daß ihr Boden ein wahrhaftiges Kaleidoskop ist: jeden Tag verändert er sich von dem Drucke (Andrange) der Wogen; wo gestern ein Stein lag, ist heute ein Loch. Ich nahm das Pferd der Fürstin bei den Zügeln und leitete es ins Wasser, das ihm nicht bis über die Kniee ging; langsam setzten wir uns stromaufwärts schräg gegen den Fluß in Bewegung. Es ist bekannt, daß man beim Reiten durch reißende Gewässer nicht aufs Wasser blicken darf, weil man sogleich schwindelig wird. Ich hatte vergessen, die Fürstin darauf aufmerksam zu machen.
Wir waren bereits in der Mitte der reißenden Strömung, als sie plötzlich im Sattel schwankte. „Mir ist unwohl!“ sagte sie mit schwacher Stimme. Rasch neigte ich mich zu ihr, umfaßte ihre schlanke Taille mit meinem Arme, und raunte ihr zu: Sehen Sie in die Höhe, Fürstin! es ist nichts, nur sein Sie nicht furchtsam, ich bin ja mit Ihnen.
Sie fing an sich zu erholen und wollte sich meinem Arme entwinden, ich umschlang aber ihren zarten, weichen Wuchs noch fester; meine Wangen berührten fast die ihrigen, von denen es mich glühend anwehte.
„Was beginnen Sie mit mir’! . . . O mein Gott! . . .“
Ich beachtete ihr Zittern und ihre Verwirrung nicht, sondern drückte meine Lippen auf ihre zarten Wangen; sie erbebte, sagte aber nichts; wir waren die hintersten: Niemand hatte uns gesehen. Als wir eben das jenseitige Ufer erreichten, setzten sich die andern in Trab. Die Fürstin hielt ihr Pferd an; ich blieb neben ihr; offenbar beunruhigte sie mein Schweigen; ich hatte mir aber versprochen kein Wort zu sagen — aus reiner Neugierde. Ich wollte sehen, wie sie sich aus dieser schwierigen Lage herausziehen würde.
„Entweder verachten Sie mich, oder Sie lieben mich ungemein!“ sagte sie endlich mit einer Stimme, in welcher die Thränen klangen. Vielleicht wollen Sie sich über mich lustig machen, meine Seele nur aufregen, und mich dann fahren lassen . . . Das wäre ja so nichtswürdig, so niedrig, daß die bloße Voraussetzung . . . O, nein! Nicht wahr, ich habe nichts an mir, das mir Ihre Achtung versagte? Ihr kühnes Betragen . . . ich muß, ich muß es Ihnen verzeihen, weil ich Ihnen erlaubte . . . Antworten Sie mir, sprechen Sie doch, ich will Ihre Stimme hören! . . .“ In den letzten Worten lag eine solche weibliche Ungeduld, daß ich unwillkührlich lächelte; zum Glücke fing die Dämmerung an einzubrechen . . . Ich erwiederte nichts.
„Sie schweigen?“ fuhr sie fort: so wollen Sie vielleicht daß ich Ihnen zuerst sage, daß ich Sie liebe? . . .
Ich schwieg.
„Wollen Sie das?“ fuhr sie, sich rasch zu mir wendend, fort . . . In der Entschlossenheit ihres Blickes und ihrer Stimme lag etwas Fürchterliches . . .