— Wozu? antwortete ich mit den Achseln zuckend.

Sie schlug ihr Pferd mit der Peitsche und jagte mit verhängten Zügeln auf dem engen gefährlichen Wege dahin; dies war so rasch vor sich gegangen, daß ich sie kaum einholen konnte, und zwar erst als sie sich der übrigen Gesellschaft bereits angeschlossen hatte. Bis zu ihrem Hause blieb sie in einem Lachen und Sprechen; in ihren Bewegungen lag etwas Fieberhaftes; mich sah sie nicht ein einziges Mal an. Allen fiel diese ungewöhnliche Heiterkeit auf. Ihre Mutter freute sich innerlich, so oft sie auf ihr Töchterchen blickte, das Töchterchen hingegen hatte ganz einfach Nervenzucken: diese Nacht liegt sie schlaflos und in Thränen! Dieser Gedanke gewährt mir einen unaussprechlichen Genuß: es giebt Augenblicke in denen ich die Vampire begreife . . . Bis jetzt gelte ich noch immer für einen guten Jungen und beute diese Benennung aus!

Nachdem sie vom Pferde gestiegen war, begaben sich die Damen zur Fürstin; ich war tief aufgeregt und galloppirte in die Berge, um die Gedanken, die sich in meinem Kopfe drängten, zu zerstreuen. Der thauige Abend athmete besänftigende Kühle. Der Mond stieg hinter den dunkeln Bergspitzen empor. Jeder Schritt meines unbeschlagenen Pferdes fand im Schweigen der Schluchten sein Echo; beim Wasserfall hielt ich still mein Pferd zu tränken, sog gierig einigemal die frische Luft der südlichen Nacht ein, und begann den Rückweg. Ich ritt durch das Dörfchen. Die Lichter fingen an hier und da in den Fenstern zu erlöschen; die Wachen auf der Festung und die Kosaken der benachbarten Feldwachen riefen sich mit gedehnter Stimme an.

In einem der Häuser des Dörfchens, das am äußersten Ende des Hohlweges stand, bemerkte ich eine ungewöhnliche Beleuchtung; von Zeit zu Zeit ertönte ein lautes unzusammenhängendes Stimmengetön, an welchem ich ein militairisches Gelage erkannte. Ich stieg ab und schlich mich an’s Fenster; eine nicht gut anschließende, vorgestellte Fensterlade erlaubte mir die Zecher wahrzunehmen und ihre Worte aufzufangen. Man sprach von mir.

Der Dragonerhauptmann, vom Weine erhitzt, schlug mit der Faust auf den Tisch und forderte die allgemeine Aufmerksamkeit:

„Meine Herren!“ sagte er, „das hat keinen Sinn und Verstand. Dem Petschorin muß man einen Denkzettel geben. Diese Petersburger Flatterer bilden sich immer so viel ein, bis man ihnen eins derb auf die Nase giebt! Er bildet sich ein, daß er allein die Welt kennt, weil er immer reine Handschuhe und geputzte Stiefeln trägt. — Und was er für ein aufgeblasenes Lächeln hat! Und dennoch bin ich überzeugt, daß er eine Memme — eine recht feige Memme ist!“

„Ich glaube das auch,“ sagte Gruschnitzki. „Er liebt es, sich durch einen Spaß aus der Schlinge zu ziehen. Ich habe ihm einmal solche Dinge gesagt, daß ein Anderer mich auf dem Flecke zu Boden gehauen hätte, aber Petschorin zog alles ins Lächerliche. Ich habe ihn natürlich nicht gefordert, denn das war seine Sache; aber er wollte durchaus nicht anbeißen . . .“

„Gruschnitzki ist böse auf ihn, weil er ihm die Fürstin abspenstig gemacht hat,“ sagte Einer.

„Na, da bitte ich zu grüßen! Ich habe freilich der Fürstin ein wenig die Cour gemacht, indessen hab ichs gleich wieder dran gegeben, weil ich nicht heirathen will, und es gegen meine Grundsätze ist, ein junges Mädchen zu compromittiren.“

„Ja, ich gebe Ihnen die Versicherung, er ist die größte Memme, nämlich Petschorin und nicht Gruschnitzki, — Gruschnitzki ist ein braver Junge, und außerdem mein innigster Freund!“ sagte wiederum der Dragonerhauptmann. — Meine Herren, nimmt ihn hier Niemand in Schutz? Keiner? Desto besser! Wollen wir einmal seine Courage auf die Probe stellen? Das wird Sie alle amüsiren . . .“