Den 25. Juni.
Bisweilen verachte ich mich . . . kommt es vielleicht daher, daß ich auch die Andern verachte? . . . Ich war der edelmüthigen Regungen nicht fähig; ich fürchte mich, dadurch selbst lächerlich zu werden. Ein Anderer hätte an meiner Stelle der Fürstin son cocur et sa fortune angeboten; allein über mich hat das Wort heirathen eine Art zauberischer Gewalt: wie leidenschaftlich ich auch ein Frauenzimmer liebe, sobald sie mir nur zu verstehen giebt, daß ich sie heirathen soll — Adieu Liebe! mein Herz wird zu Stein, und nichts vermag es auf’s Neue zu beleben. Zu allen Opfern bin ich bereit, nur nicht zu diesem; zwanzigmal lieber stelle ich mein Leben, ja meine Ehre auf die Karte, aber meine Freiheit verkaufe ich nicht. Weshalb halte ich sie für so kostbar? Was finde ich in ihr? Wohin flüchte ich mich dereinst? Was erwarte ich von der Zukunft? . . . In der That ganz und gar nichts. — Es ist bei mir eine feindselige Furcht, ein unerklärliches Vorgefühl . . . Giebt es doch Leute, welche sich gegen ihren Willen vor Spinnen, Schaben und Mäusen fürchten . . . Und soll ich es ganz gestehen? Als ich noch ein Knabe war, legte ein altes Weib meiner Mutter über mich die Karte. Sie wahrsagte mir Tod in Folge meiner bösen Frau; das hat mich damals schon tief ergriffen; in meiner Seele entstand eine unüberwindliche Abneigung gegen die Ehe . . . Trotzdem sagt mir etwas, daß ihre Wahrsagung in Erfüllung gehen wird; aber Mühe will ich mir wenigstens geben, daß dies so spät wie möglich geschehe.
Den 26. Juni.
Gestern kam der Taschenspieler Apfelbaum hier an; An den Thüren der Restauration ist eine lange Affische angeschlagen, welche das hochverehrte Publikum benachrichtigt, daß der obengenannte berühmte Taschenspieler, Akrobat, Professor der Chemie und Optik, die Ehre haben wird, heute Abend um 8 Uhr im adligen Saale — sonst Restauration — eine brillante Vorstellung zu geben; Billete sind zu haben zum Preise von zwei und einem halben Rubel.
Alle haben sich verabredet, den berühmten Taschenspieler zu sehen; sogar die Fürstin Ligoffska, obgleich ihre Tochter krank ist, hat für sich ein Billet genommen.
Nach dem Mittagessen ging ich vor Wära’s Fenster vorüber; sie saß allein auf dem Balkone; ein Zettelchen fiel vor meinen Füßen auf die Erde:
„Komm heut Abend um zehn Uhr zu mir; Du kannst die Paradentreppe heraufkommen; mein Mann ist nach Pätigorsk gereist und kehrt erst morgen früh zurück. Von meinen Leuten wird Niemand zu Hause sein, ich habe ihnen allen Billete gegeben, sogar denen der Fürstin. — Ich erwarte Dich; komme unbedingt.“
— Aha! dachte ich, endlich kommt es doch, wie ich es wünschte.
Um acht Uhr ging ich zum Taschenspieler. Das Publikum versammelte sich gegen das Ende der neunten Stunde; die Vorstellung begann. In den letzten Stuhlreihen erkannte ich die Lakaien und Kammermädchen Wära’s und der Fürstin. Es fehlte auch nicht Einer. Gruschnitzki saß in der vordersten Reihe, mit seiner Lorgnette bewaffnet. Der Taschenspieler wandte sich stets an ihn, so oft er ein Schnupftuch, eine Uhr, einen Ring und dergl. mehr brauchte.
Gruschnitzki grüßt mich schon seit einiger Zeit nicht mehr, aber heute sah er mich sogar recht frech an. Gut, ich werde Allem Rechnung tragen, wenn unser Abrechnungstermin wird gekommen sein.