Kurz vor zehn stand ich auf und ging.

Auf dem Hofe war es so finster, daß man die Hand vor den Augen nicht sehen konnte. Schwere dunkle Gewölke hingen auf den Spitzen der nahen Berge; nur dann und wann rauschte ein ersterbendes Windchen in den Kronen der Pappeln, welche die Restauration umstehen; an den Fenstern drängte sich das Volk. Ich ging die Anhöhe hinab und, nachdem ich mich aus der Thür gestohlen hatte, ging ich raschen Schrittes voran. Plötzlich schien es mir, als hörte ich Jemanden hinter mir. Ich blieb stehen und blickte rund um mich. Es war unmöglich, in der Finsterniß irgend etwas zu erkennen; doch ging, ich, der Vorsicht wegen, gleichsam spazieren gehend, einige Male um das Haus. Als ich an den Fenstern der Fürstin vorüberging, hörte ich abermals Tritte hinter mir; ein Mann, in einen Mantel gehüllt, ging eilig an mir vorüber. Dies fing an mich zu beunruhigen. Indessen gelangte ich an den Perron und eilte schnell die dunkle Treppe hinauf. Die Thür ging auf; eine kleine Hand ergriff die meinige . . .

„Es hat Dich doch Niemand gesehen?“ flüsterte Wära leise, indem sie mich an sich zog.

— Niemand.

„Glaubst Du jetzt, daß ich Dich liebe? O, ich habe lange geschwankt, lange mit mir selbst gekämpft . . . aber Du machst nun einmal alles aus mir, was Du willst . . .“

Ihr Herz schlug heftig, ihre Hände waren kalt wie Eis. Nun begannen die Vorwürfe der Eifersucht, die Klagen; sie forderte von mir, daß ich alles gestehen solle, und sagte, daß sie meine Treulosigkeit mit Ergebenheit ertragen würde, da sie ja nichts wolle als mein Glück einzig und allein. Ich glaubte nicht ganz daran, beruhigte sie indessen durch Schwüre, Versprechungen u. s. w. u. s. w.

„Also willst Du Mary nicht heirathen? Du liebst sie nicht? Und sie glaubt . . . weißt Du wohl, daß sie Dich bis zum Wahnsinn liebt, die arme Seele!“ —

Gegen zwei Uhr Mitternacht öffnete ich das Fenster, knüpfte zwei Shawls zusammen, und glitt an den Säulen vom obern Balkon auf den niedern hinab. Bei der jungen Fürstin brannte noch Licht. Eine unsichtbare Macht fesselte mich an ihr Fenster. Der Vorhang war nicht ganz herabgelassen, so daß ich meinen neugierigen Blick im Innern des Zimmers herumschweifen lassen konnte. Mary saß im Bette aufrecht, die Arme über die Kniee gekreuzt; ihr volles Haupthaar war unter eine Nachthaube aufgeschürzt, die mit Spitzen garnirt war; ein großes Ponceau-Halstuch umhüllte ihre weißen Schultern, ihr kleines Füßchen war in bunten, persischen Pantoffeln versteckt. Sie saß unbeweglich, den Kopf auf die Brust gesenkt; neben ihr auf einem Tischchen lag ein aufgeschlagenes Buch; allein ihre Augen, unbeweglich und mit einem unaussprechlichen Grame erfüllt, schienen schon zum hundertsten Male eine und dieselbe Seite zu überlaufen, während ihre Gedanken fern waren . . .

In diesem Augenblicke regte sich etwas im Gebüsche. Ich sprang vom Balkon auf den Rasen. Eine unsichtbare Hand ergriff mich an der Schulter. „Aha!“ sagte eine grobe Stimme: „hab’ ich Dich erwischt! Ich werde Dich lehren, des Nachts zu schönen Fürstinnen zu gehen! . . .“

— Halte ihn fest! schrie ein anderer, der aus einem Winkel herbeigesprungen kam.