564. Die Volksschulen schließen den Unterricht vor dem Feste mit der sogenannten „letzten Schule,“ auch „Schulmette“ genannt. Dieselbe wird entweder Abends gegen 5 oder früh um 6 Uhr unter Theilnahme der Eltern, anderer Verwandter und Angehöriger der Kinder gehalten. Jedes Kind bringt ein Licht mit, das es brennend vor sich auf die Tafel stellt. Es werden kindliche Weihnachtslieder gesungen, der Lehrer hält eine Ansprache oder bezügliche Katechisation und die Schüler oder Schülerinnen deklamiren geeignete Gedichte. Dem Lehrer wird entweder dabei oder nachher seitens der Kinder entweder durch eine gemeinsame Gabe oder durch Einzelgeschenke bescheert.

565. Die Kaufleute und andere Gewerbtreibende zeigen sich auch erkenntlich gegen ihre Kunden, indem sie dieselben mit einer Kleinigkeit, sei es auch nur ein Hering oder eine kleine Chocoladentafel, beschenken (Ehrenfriedersdorf).

566. In vielen Häusern herrscht an den drei heiligen Abenden noch die löbliche Sitte, nach Einbrechen der Dunkelheit um den beleuchteten Familientisch versammelt einige Weihnachtslieder zu singen. — 567. Arme, Kinder oder Erwachsene, ziehen von Haus zu Haus, und singen Weihnachtslieder, um dadurch sich etwas zu erwerben.

568. Die kirchliche Feier durch sogenannte Christmetten (vgl. [36] u. [37]) findet sich noch mehrfach. Dieselben werden entweder am heiligen Abend (Lößnitz, Schneeberg) oder am ersten Feiertag früh 6 Uhr (Buchholz) gehalten; sie sind aber auch an einigen Orten durch einen Abendgottesdienst am Sylvester (vgl. [585]) verdrängt worden. — 569. In den Bergstädten feierte man sonst — in Schneeberg bis 1860 — am Abend vor dem ersten Weihnachtsfeiertag „Bergmetten,“ zu denen die Bergleute von ihrer Wohnung aus mit brennenden Grubenlichtern gingen.

570. Die Bescheerung ist der Mittelpunkt des Festes für das Haus. — 571. Dabei darf es nicht an Lichterglanz, auch nach außen — die Bergleute z. B. setzen am heiligen Abend Lämpchen an die Fenster und illuminiren so (Schneeberg) — fehlen und die behagliche, hellerleuchtete und wohl durchwärmte Stube muß von Weihrauchduft — man zündet Räucherkerzchen an — erfüllt sein. — 572. Die Zeit der Bescheerung ist entweder am Abend vor dem Feste oder am Morgen desselben. Dieses scheint alte, jenes neuere Sitte zu sein.

§ 50. Außer den verschiedenen Gaben bei der Bescheerung finden wir im Obergebirge in den meisten Familien neben dem Christbaum auch die sonst mehr nur in katholischen Ländern gebräuchliche Christgeburt. Vgl. v. Reinsberg-Düringsfeld, Festkalender aus Böhmen, Wien und Prag 1861 u. L. Frank, „etwas von Glauben und Bräuchen in Sachsen“ (d. i. in der Provinz Sachsen), Aufsatz in den Hausblättern, 1861, 3. Bd. S. 374 ff.

573. Der Christbaum, ein Tannenbaum (vgl. [§ 38 g.]), ist, wie überall in dem evangelischen Deutschland, mit Lichtern oder kleinen Oellämpchen besteckt, mit vergoldeten Aepfeln und Nüssen sammt allerlei kleinem Zucker- und Backwerk behängt.

574. Die Christgeburt, auch Christgarten, Paradiesgarten, Krippe, Bethlehem genannt, befindet sich entweder als Zubehör des Christbaumes am Fuße desselben oder ist als besonderes Schaustück in einer Ecke des Zimmers auf einem Tisch oder dergl. aufgestellt. — 575. Im ersteren Falle ist es ein mit einem Zaun umgebenes Bret, das mit Moos belegt ist. Ein mit Sand bestreuter Weg führt vom Eingang zu dem an der Seite stehenden Stall, in welchem sich Maria und Joseph, dabei das Christkind in der Krippe befinden. Die heiligen drei Könige, der eine von weißer, der andere von brauner, der dritte von schwarzer Gesichtsfarbe, stehen davor. Dem Stall gegenüber befinden sich die Hirten mit den Heerden. Der Engel, mit Draht an einen Baum befestigt, schwebt in der Luft und verkündigt die Geburt Christi. — 576. Ist die Christgeburt als besonderer Theil aufgestellt, so ist dieselbe gewöhnlich 1½ Ellen über dem Fußboden anfangend an die Wand gebaut und mit Moos, glänzenden Steinen, Erzen und dergl. ausgeschmückt. Unten ist der Stall, in dem, außer den heiligen Personen, sich noch Ochs und Esel befinden, „die dem Christkinde den ausgehenden Odem wieder eingeblasen haben sollen.“ Seitwärts erblickt man die Hirten mit ihren Heerden, denen der Engel erscheint. Im Hintergrunde ist Sand gestreut und auf dieser künstlichen Wüste kommen die heiligen drei Könige gezogen. Die Terasse enthält verschiedene Gruppen meist aus der biblischen Geschichte, theils Darstellungen der messianischen Weissagungen z. B. die Schlange im Paradiese, theils der Ereignisse aus dem Leben, besonders aus der Kindheitsgeschichte Jesu. Die Höhe bildet die Stadt Bethlehem, durch mehr oder weniger Häuser angedeutet. Ueber der Stadt ist ein großer Stern an der Wand befestigt. — 577. Oder: In einer künstlich angelegten Nische, die mit Tannenzweigen, zwischen denen vergoldete Aepfel und Nüsse prangen, ausgekleidet ist, erblickt man die Stadt Bethlehem, durch mehrere Straßen aus hölzernen Häuschen aufgebaut, vertreten, die sich terassenförmig in sieben bis acht Stufen nach oben verjüngen. Auf den Gassen stehen kleine Figuren, theils Männer, theils Frauen. Zu unterst ist ein größeres, offenes Haus, darin man das Christkind, die Eltern, die drei Weisen u. s. w. erblickt. Im Vordergrunde schließt sich an dieses Haus eine Wiese, wo die Hirten ihre Heerden hüten. — 578. Außerdem findet man auch häufig die sogenannten Pyramiden, im Volksdialekt „Perametten“ genannt. Dieselben sind entweder einfach, d. h. vier mit buntem Papier überzogene Stäbe, unten durch Querleisten verbunden und oben in eine Spitze vereinigt, sind mit Lichtern und anderem Christschmuck geziert, oder man trifft auch sehr kunstvoll zusammengesetzte an. — 579. Eine solche besteht gewöhnlich aus vier Stockwerken („Platten“), die an einem in der Mitte stehenden senkrechten Stab befestigt sind. An dem oberen Ende des letzteren sind zwei Flügel angebracht, welche sich durch die Wärme der auf die eigentliche Pyramide gesteckten Lichter drehen und dadurch das Ganze in Bewegung setzen. Auf den Platten stehen verschiedene Figuren, die gewöhnlich die Entwicklung der christlichen Kirche von Christus bis auf die Gegenwart darstellen. Auf der unteren Platte die Gründung der Kirche, dargestellt durch die Geburt Christi, die in der bereits beschriebenen Weise dem Auge vorgeführt ist. Auf der zweiten Platte sind die ersten Jahrhunderte angedeutet, z. B. aus flimmerigen Steinen gebaute Höhlen, darin Holzfigürchen, sollen an die Christenverfolgungen erinnern; auf der dritten Platte folgt das Mittelalter: Ritter, Bischöfe, die Reformation, Luther etc. bis endlich die vierte Platte mit der Neuzeit (geistliche und weltliche Beamte, Soldaten und dergl.) den Beschluß macht. — 580. Schon aus dem zuletzt Angeführten erkennt man, daß hierbei der Phantasie ziemlich freier Spielraum gelassen ist, wie überhaupt die oben gegebenen Beschreibungen durchaus nicht feststehende Typen der Ausführung sind, sondern nur die große Mannichfaltigkeit dieser Weihnachtsaufstellungen andeuten.

581. Der Hausvater baut meist selbst, in Gemeinschaft mit den Kindern, die Krippen und Pyramiden, die von Jahr zu Jahr aufgehoben werden, in den Vorabenden des Festes auf und nach Lust, Geschmack und Vermögen wird das oder jenes alljährlich hinzugefügt, was in der Darstellung eines Gartens, einer Stadt u. s. w. sich anbringen läßt. So findet man Springbrunnen, Jagden, selbst Bergwerke und andere Staffage aufgestellt, oft ist ein Theil der Gruppen durch Maschinerie beweglich. Die Figuren und Häuser sind meist im modernen Styl gehalten und den bekannten Spielwaarenfabriken des oberen Gebirges entnommen, aber mitunter findet man auch wahre Kunstwerke. Immer aber giebt dies Alles der Feier des Weihnachtsfestes im Obergebirge einen eigenthümlichen Reiz und erhöht die gemüthlichen Freuden des Familienkreises.

582. Zu einem rechten Weihnachtsfest gehört auch der brennende Leuchter. Fast in allen Familien nämlich wird ein Kronleuchter an der Decke aufgehängt. In den wohlhabenderen Familien ist derselbe oft sehr kostbar und geschmackvoll von Metall- oder Holzbronce, von geschliffenem Glas oder dergleichen, oft auch künstlich geschnitzt; so sahen wir z. B. einen mit zwölf Armen, deren jeder die buntgemalte Statuette eines Apostels trug, in der Mitte stand in gleicher Ausführung Christus. — 583. Vielfach sieht man statt des Kronleuchters, namentlich in den mittleren und unteren Ständen, einen aus Holz geschnitzten, mittelgroßen, buntbemalten Engel an der Decke schweben. Derselbe trägt an Drähten, welche in dem Holzleib befestigt sind, vergoldete Früchte (meist kleine, mit Rauschgold überzogene Holzkugeln), sowie Lichterteller oder Oellämpchen.