584. Die gemüthvolle Auffassung des Weihnachtsfestes seitens des Gebirgers ist auch der Grund, daß bei ihm die sogenannten Weihnachtsspiele, dramatische Darstellungen der Begebenheiten bei der Geburt des Heilandes, in der „Engelschaar“ und dem „Dreikönigsspiel“ bestehend, bis 1847 wenigstens vereinzelt sich erhalten hatten. Zum Weihnachtsfeste 1861 sind sie, namentlich auf Veranlassung des von dem Verein zur Verbreitung guter und wohlfeiler Volksschriften in Zwickau herausgegebenen Buches von dem Gymnasiallehrer Gustav Mosen: „Die Weihnachtsspiele im sächsischen Erzgebirge (Zwickau 1861)“ in Kranzahl und Neudorf bei Annaberg erneuert worden. Vgl. [§ 99].
§ 51. 3. Sylvester und Neujahr. Der Schluß des alten und der Beginn des neuen Jahres bietet im Obergebirge nicht mehr und nicht weniger Charakteristisches als anderwärts. Wir begnügen uns mit folgenden Anführungen.
585. Am Sylvester wird Nachmittags 5 Uhr in Annaberg und einigen anderen Städten Gottesdienst gehalten (vgl. [36], [37] u. [568]). — In Schneeberg wird Nachts 12 Uhr mit allen Glocken gelauten. Auch ist hie und da gebräuchlich, daß vom Thurme geblasen, auf dem Markte gesungen, von den benachbarten Bergen geschossen wird und dergl.
586. Das Glückwünschen zum Neujahr ist noch sehr in Gebrauch. Zunächst im Kreise der Familie; die Kinder überreichen ihren Eltern geschriebene Neujahrwünsche. Durch Freundschaft oder Amt Verbundene machen sich Neujahrsbesuche oder schicken Gratulationskarten und dergl. (vgl. [680]). — 587. Die Stadtmusici und die Kurrendaner halten ihren Umgang in Annaberg, Schneeberg und anderwärts. — 588. Früher (bis 1834) hielten in Annaberg außer diesen noch folgende ihren Neujahrsumgang: der Kantor, der Kirchner, der Rathsdiener, der Marktmeister, der Gerichtsdiener, der Beifrohn, der Bettelvoigt, der Röhrmeister, die Wasserleute, der Nachtwächter und der Schornsteinfeger; zusammen elf Personen.
§ 52. 4. Epiphanias. Das Hoheneujahr (vgl. [325] u. [§ 5]) bringt anstatt der Weihnachtsstollen Bretzeln und Pfannkuchen.
589. Von Hohneujahr (früher von Fastnacht) bis Gründonnerstag werden Bretzeln gebacken. Das Backen derselben hatte bis Ende 1861 Ein bestimmter Bäcker (seit Anfang 1862, mit Eintreten der Gewerbefreiheit, ist auch das Bretzelbacken freigegeben). Die Herumträger (die vom Thaler verkaufter Waare 3 Neugroschen erhalten) machen die Leute durch das Schnarren der sogenannten Bretzelschnarren auf das Kaufen aufmerksam. In Annaberg sind seit Neujahr 1859 statt dieser unangenehm tönenden Instrumente sogenannte Papagenopfeifen eingeführt. Zu Fastnacht (vgl. [§ 8 b]) und Gründonnerstag verkleiden sich die „Bretzeljungen.“ Auch das Backen der Pfannkuchen beginnt am Tage der drei Könige; Palmsonntag ist gebräuchlich damit abzuschließen.
§ 53. 5. Fastnacht und Aschermittwoch. Fastnacht wird, wenn auch nicht kirchlich, doch durch das sogenannte Fastenbeten, durch Aussetzen der Schulen, durch Bälle und andere Lustbarkeiten ausgezeichnet. Hier und an Aschermittwoch ist vielfacher Schabernak gebräuchlich, vgl. [§ 7]–[9].
590. Fastenbeten. An vielen Orten ist es Sitte, daß gewöhnlich am Fastnachtsdienstag die Schulkinder der obern Klasse, sowie die erwachsene Jugend bis zum 18. oder 20. Jahre in der Kirche oder in der Schule sich versammeln, woselbst der Geistliche eine Katechese hält und einen vorher aufgegebenen Psalmen und Gesangbuchslied überhört. — Nach dieser Feier, der auch Eltern und andere Gemeindeglieder beiwohnen, werden die Kinder mit Bretzeln beschenkt.[1]
591. Aus dem Besuche der Schenke seitens der Bauern zu Fastnacht (vgl. [83]) hat sich die Sitte entwickelt, daß auch die, welche mit der Landwirthschaft nichts zu thun haben, nicht gern leer ausgehen. Daher geben auch Fabrikherren ihren Arbeitern Geld, damit sie sich einen vergnügten Tag machen. Es wird getanzt, gespielt, Bier und Branntwein getrunken (Geiersdorf). — 592. Man hat sich zum Besten; der Gefoppte heißt der „Fastnachtsnarr“, vgl. [63] u. [616].
593. Aschermittwoch gehen die Knaben und junge Bursche früh in die Kammern und beschütten die Schlafenden mit Asche oder auch mit Wasser (Marienberg).