594. Das Aschtopftragen, ebenfalls ein Schabernak der jungen Leute, ist gebräuchlich: ein alter Topf mit Asche, Topfscherben und anderen Unrath gefüllt, wird fest zugebunden und damit schleicht sich ein Einzelner an ein Haus. In dem Augenblicke, wo Niemand in der Hausflur ist, schleudert er den Topf an die Stubenthüre oder wagt sich wohl in das Haus und wirft ihn durch die geöffnete Thüre in die Stube. Schleunigst muß er nun sein Heil in der Flucht suchen, denn alle Hausbewohner jagen dem Thäter alsbald nach. Wird er erwischt, so bekommt er tüchtige Prügel oder man setzt ihn in den nächsten Wassertrog, wenn er sich nicht mit einer Quantität Schnaps löst. Entkommt er, ist aber erkannt worden, so sucht man ihm denselben Possen zu spielen (Geier, Frohnau, Sehma, Raschau), vgl. [647]. — 595. Oder: Man setzt einen großen Topf mit Wasser leise an die Stubenthür, so daß, wenn letztere geöffnet wird, der Topf umfällt und die Fluth sich in die Hausflur ergießt (Raschau).

596. Auch ist es Sitte, Aschensäckchen zu machen und den Vorübergehenden auf den Rücken zu streuen (Marienberg). — 597. Oefters gehen Kinder oder Kuhhirten, von den Knechten oder Bauern selbst geschickt, zu den Nachbarn, um noch einmal „Spieß einzurecken“ (vgl. [66]). Hier aber werden sie mit einem Topf Wasser, der oft mit Asche schmutzig gemacht worden ist, beschüttet und mit Schimpf und Schande müssen die zum Narren gehabten abziehen (Dittersdorf).

§ 54. 6. Ostern. Das obere Voigtland hat einen alten, eigenthümlichen, an die Ostereier (vgl. [§ 10 b]) sich anschließenden Gebrauch, das „Eierhärten.“

598. Schon vier Wochen vor Ostern sehen sich die Bub’n nach harten Eiern um und bezahlen ein solches, das eine recht feste, starke Schale hat, mit einem Neugroschen und noch theurer. Erscheint nun Ostern, so versammelt sich die ganze Jugend auf dem Markte und das Härten beginnt. Ehe jedoch der Eine mit dem Andern härtet, nimmt er das Ei des Gegners und pocht damit gegen die Zähne, indem er dabei mit der einen Hand das Ohr zuhält, um die Stärke der Schale zu prüfen. Glaubt er nun, sein Ei sei härter, so härtet er mit dem Gegner entweder „auf Rück’ und Spitz’“ oder blos „auf Rück’ oder Spitz’“ (d. h. sie schlagen entweder sowohl mit der Spitze als mit der unteren Seite der Eier oder nur mit der oberen und unteren Spitze zusammen). Der, dessen Ei zerbricht, hat verloren. Zuweilen kommt es vor, daß Einzelne mit Pech ausgegossene Eier haben. Wird es entdeckt, so werden ihnen unter allgemeinem Jubel schlechte Eier auf den Rücken geworfen und sie mit großem Hallo vom Platze getrieben. — In neuerer Zeit hat dieses Eierhärten sehr abgenommen, weil die Polizei nicht duldet, daß am 1. und 2. Osterfeiertag solch ein Lärm auf einem öffentlichen Platze gemacht werde (Markneukirchen).

§ 55. 7. Trinitatisfest (Pfingsten, s. [§ 13]). Das Trinitatisfest wird in Annaberg und Buchholz als Todtenfest, ähnlich wie anderwärts das Johannisfest, gefeiert.

599. Die Hospitalkirche oder Gottesackerkirche zu Annaberg ist im Jahre 1517 der heiligen Dreieinigkeit geweiht worden und daher feiert am Trinitatisfest das Hospital seine Kirchweih. An diesem Tag war daher bis zur Einführung der Reformation der Gottesacker, in Folge einer Bulle Papst Leo X., ein vielbesuchter Wallfahrtsort, woran sich eine Art Jahrmarkt anschloß. Letzterer hat sich auch nach der Einführung der Reformation im albertinischen Sachsen (1539) erhalten. Es werden Buden auf dem Platze neben dem Gottesacker erbaut, in denen Eßwaaren, namentlich die sogenannten Fesselkuchen, eine Art Pfefferkuchen, verkauft werden. Auch Schaubuden befinden sich daselbst. — Die Gräber werden zu diesem Tage von den Angehörigen geschmückt und Mittag 12 Uhr die sogenannte Gottesackerpredigt gehalten. Es herrscht daher an diesen Tagen (mit Einschluß des Montags) ein reges Leben auf und um den Friedhof Annabergs. Näheres hierüber in dem Buche: „Der Gottesacker zu Annaberg“ (Annaberg 1860), S. 128 ff. Vgl. auch: Des Annaberger Naturdichters Gottlieb Grund Gedicht in erzgebirgischer Mundart: „das Trinitatisfest zu Annaberg“ in dessen vermischten Gedichten (Annaberg 1816), S. 194 ff. — 600. In Buchholz wird das Trinitatisfest ebenfalls mit Schmückung der Gräber und mit Predigt in der dasigen Gottesackerkirche begangen.

§ 56. 8. Das Reformationsfest. Das Reformationsfest, am 31. October, wird im ganzen Obergebirge mit großer, allgemeiner Betheiligung, namentlich durch zahlreichen Besuch der Kirche, gefeiert.

601. In Annaberg durchziehen am Vorabend des Festes, 6 Uhr, die Zöglinge des Seminars die Hauptstraßen der Stadt unter dem Gesang des Liedes: „Ein’ feste Burg ist unser Gott.“ — 602. In Johanngeorgenstadt wird Nachts 12 Uhr die Melodie dieses Schutz- und Trutzliedes der evangelischen Kirche vom Thurme geblasen. — 603. In Zwickau halten die Gymnasiasten einen solennen Fackelzug. — 604. Die Bäcker fast in allen Städten des Obergebirges backen sogenannte „Reformationsbrodchen.“

§ 57. 9. Martini. Des Martinstages, des 11. Novembers, wird wenigstens bezüglich leiblicher Genüsse auch im Gebirge gedacht (vgl. [§ 15 d]).

605. Zu Martini, auch „Märtens“ genannt, wird gewöhnlich eine Gans, die „Martinsgans“ geschlachtet. Dieselbe ist von der Familie an diesem Tage ganz aufzuessen (Annaberg). — 606. Es werden die sogenannten „Martinshörner“ gebacken, welche hufeisenartige Gestalt haben und in allen Größen zu bekommen sind (allg.). In Marienberg bäckt man statt dessen sogenannte „Winterzecken“. — 607. Die Familienglieder beschenken einander mit solchen Hörnchen (Dittersdorf). — 608. Dem Lehrer an Elementarklassen wird von seinen Schülern ein großes Martinshorn, oft auch unter Hinzufügung anderer Gaben bescheert (Lößnitz, Zwickau, Plauen), vgl. [612].