§ 58. 10. Andreas. Der Tag des heiligen Andreas (30. November) wird hie und da durch weltliche Vergnügungen ausgezeichnet (vgl. [§ 16]).
609. Die Gesellen bekommen Abends ein Essen oder es wird ihnen eine sonstige Lustbarkeit bereitet (Geier).
§ 59. 11. Nikolaus. Der heilige Nikolaus (6. Dezember), gewöhnlich „Nikels“ genannt, ist sehr populär, namentlich im östlichen Obergebirge.
610. Man bäckt in verschiedener Größe, Güte und Preis (von drei Pfennigen bis ein Thaler und darüber das Stück) sogenannte „Nikelszöpfe“, ein zopfartig gewundenes Gebäck, das nach unten sich zuspitzt (allg.). — 611. Die Kinder werden namentlich mit solchen Zöpfen beglückt. — 612. Die Schulkinder sammeln Geld und kaufen dafür einen großen Niklaszopf nebst einigen anderen Kleinigkeiten, die sie dem Lehrer in der Schule bescheeren. Gewöhnlich werden auch seine Kinder dabei bedacht. Oder das Geschenk wird gegen Abend dem Lehrer in seine Wohnung getragen, wo dann der Lehrer die Schenkenden durch Erzählen kleiner Geschichten, durch angestellte Spiele u. s. w. erfreut (Annaberg), vgl. [608]. — 613. Mit dem auf Nikolaus folgenden Sonnabend beginnt in Annaberg der Christmarkt. Daher erfolgt oft schon an diesem Tage eine kleine Vorbescheerung, der Ruprecht (vgl. [§ 48]) fängt an sich einzustellen und Haus und Familie beginnen die Zurüstungen auf das Weihnachtsfest.
[1] Weitere Beiträge zur Sammlung der kirchlichen und religiösen Gebräuche und Sitten des Erzgebirges und des übrigen Sachsens wären sehr erwünscht. Für Preußen vgl. Pröhle, kirchliche Sitten, Berlin 1858.
II. Feste des bürgerlichen Jahres.
§ 60. 1. Feste und Vergnügungen der unerwachsenen Jugend. Jede Jahreszeit bringt der Kinderwelt bis zu ihrem Austritt aus der Schule und darüber hinaus besondere Vergnügungen, die nach der verschiedenen Gegend ihr Charakteristisches haben und weil sie den Gesichtskreis des heranwachsenden Geschlechtes mit bedingen helfen, nicht ohne kulturhistorische Bedeutung sind.
a. Der Winter: 614. Das hauptsächlichste Wintervergnügen ist das sogenannte „Ruscheln“, d. h. Herabfahren von Anhöhen auf kleinen Schlitten. Es wird mit seltener Ausdauer und Kühnheit schon von vierjährigen Knaben und Mädchen getrieben und hat selbst unter den Erwachsenen entschiedene Anhänger. Allerdings wird es auch durch die bergige Gegend wesentlich begünstigt. — 615. Daß daneben das sogenannte „Zschinnern“, Schlittschuhfahren, Schneebataillen und Anderes nicht fehlen, ist selbstverständlich.
b. Frühling. 616. Am 1. April hat man sich gegenseitig zum Besten. Wer sich anführen läßt, wird „Aprilnarr“ genannt (allg.), vgl. [592]. — 617. Sobald die ersten Frühlingsblumen zum Vorschein kommen, wandern die Kinder hinaus in Wald und Flur, um Blumensträuße zu pflücken; namentlich haben die Himmelschlüssel (primula veris) zahlreiche Freunde. — 618. Die erwachsenen Knaben betheiligen sich bei dem Viehaustreiben, das gewöhnlich am ersten Mai (vgl. [§ 12 c]) seinen Anfang nimmt. Die Hirten entwickeln ein gemüthliches Naturleben: Eine Hauptunterhaltung ist das Knallen mit ihren großen Peitschen, worin jeder den anderen zu übertreffen sucht. Oder sie rufen sich gegenseitig von entfernten Höhen mit lauter Stimme zu: „I nu aha, welle Zeit is deh? aha!“ Die Gegenantwort lautet: „Uem die gestrige Zeit“ (Geiersdorf), vgl. [642]. — 619. Das Anschlagen, ein Kinderspiel, das etwa seit 1840 aufgekommen ist, wird gespielt, sobald die Straßen vom Winterschnee trocken sind. Man wirft einen Spielpfennig mit der Breitseite an eine Häuserwand und sucht dadurch denselben möglichst weit abzuprellen. Wessen Pfennig am weitesten fällt, hat gewonnen. — 620. Wenn die Frühlingswinde wehen, lassen die Knaben Drachen steigen, ein Vergnügen, das etwa seit 1810 auf unseren Bergen heimisch geworden ist. — 621. Aelter ist das Schießen mit sogenannten Himmelsbolzen. Ein solcher Bolzen ist ein von weichem Holz geschnitzter Pfeil, etwa eine halbe Elle lang, in der Mitte mit einer Kerbe. Dazu gehört ein biegsames Stäbchen mit einer Schnur, an deren Spitze ein kleines Hölzchen befestigt ist. Letzteres legt man in die Kerbe, nimmt den Pfeil mit der Spitze zwischen Daumen und Zeigenfinger der linken Hand und schnellt ihn nun mittelst des peitschenartigen Stäbchens durch die rechte Hand in die Höhe. — 622. Auch das Stelzenlaufen ist sehr gebräuchlich und wird mit großer Virtuosität betrieben.
c. Sommer: Im Zusammenhange mit den zuletzt erwähnten Unterhaltungen des Knabenalters schließen wir eine kurze Uebersicht der gebräuchlichsten Spiele der Sommerzeit an, insofern sie etwas Charakteristisches an sich tragen: