§ 61. aa. Spiele der Knaben dieses Jahrhunderts in Annaberg waren: 623. Das „Hödern.“ Die Spielenden bilden einen Kreis. Einer zählt aus und wen das letzte Wort trifft, muß „hödern,“ d. h. Einen aus der Zahl der Mitspielenden, die alsbald nach allen Seiten aus einander stieben, zu fangen suchen. — 624. Das Spittelschlagen. Jeder Spielende hat ein ohngefähr eine Elle langes, an der einen Seite zugespitztes Holz von der Stärke einer Bohnenstange. Dieser Spittel (wohl Deminutiv von Spaten?) wird von einem der Spielenden mit wuchtender Hand fest in den Boden eingehauen. Ein anderer sucht nun, indem er einen Stab dicht neben dem des ersten einschlagen läßt, diesen herauszuschlagen und so fort die übrigen Spieler. Wer den Spittel des anderen herausschlägt, ist Sieger. — 625. Das Schweinchenschlagen (vgl. [635]). Jeder Mitspieler, bewaffnet mit einem kurzen Stock, macht vor seinem Platze ein kleines, rundes Loch in die Erde. In der Mitte des Kreises, den man gebildet, liegt ein rundlicher Stein oder eine kleine Kugel. Diese beginnt man nun mit den Stöcken zutreiben. Wer sie also schlägt, daß sie in eines der Löcher rollt, empfängt von dem Betroffenen einen Gewinn. — 626. Außerdem übte man seinen Muth, seine Kraft und List in großen Schlachten, die man sich auf und an den alten Berghalden lieferte und wo es mitunter nicht ohne blutige Köpfe ablief.

§ 62. bb. Knabenspiele der Gegenwart (gesammelt 1858): 627. Räuber und Schütz. Eine Partei macht die Räuber, die sich verstecken. Auf ein von diesen gegebenes Zeichen bricht die andere Rotte, die Schützen, auf, um dieselben zu suchen und zu greifen. — 628. Fuchs in’s Loch: Einer der Gesellschaft ist Fuchs, der seinen Bau (Loch) an einem bestimmten Platze (einem Baume, Steine etc.) hat. Die Uebrigen umkreisen denselben neckend und der Fuchs sucht einen derselben mit seinem Plumpsack zu schlagen, muß aber dabei, sobald er über das ihm angewiesene beschränkte Revier hinausgeht, auf Einem Beine hüpfen. Gelingt es ihm, einen Anderen zu treffen, so wird dieser an seiner Stelle Fuchs. — 629. Stando. Einer aus der Gesellschaft wirft einen Ball gegen eine Wand und ruft einen auf, der ihn fangen soll, während die Anderen die Flucht ergreifen. Sobald letzterer den Ball gefangen, ruft er: „stando!“ bei welchem Wort Jeder auf seinem Platze stehen bleibt. Der Ballinhaber wirft nun nach Einem, trifft er ihn, so übernimmt dieser das Ballwerfen, wo nicht, so erhält der Fehlwerfer von Jedem einen Schlag. — 630. Katze und Maus. Die Gesellschaft bildet einen Kreis. Eine Person, die Katze, ist außerhalb des Kreises, eine andere, die Maus, innerhalb desselben. Hierauf beginnt die Katze: „Mäuschen, Mäuschen, komm heraus!“ worauf die Maus erwiedert: „Ich komm’ dir doch nicht ’raus!“ Darauf die Katze: „Kratz’ ich dir die Augen ’raus!“ und die Maus: „Fahr ich zu mein’ Löchel ’naus.“ Die Katze sucht nun in den Kreis zu dringen; gelingt ihr dieses, so muß die Maus heraus gelassen und die Katze zurückgehalten werden. Erhascht die Katze die Maus, so werden zwei andere zu diesen Rollen gewählt. — 631. Mauerbrechen. Die Gesellschaft bildet zwei Abtheilungen, die mit den Händen fest zusammenhalten. Von der einen Partei wird Einer gewählt, der die andere Reihe zu durchbrechen sucht, kommt er bei dreimaligem Anlauf nicht hindurch, so muß er „Spießruthen laufen“. — 632. Schlange. Die ganze Gesellschaft bildet durch Handreichen eine lange Reihe. Der erste beginnt nun in verschiedenen Wendungen zu laufen und ihm nach müssen die Anderen, sich fest an den Händen haltend, in derselben Richtung ziehen. — 633. Krimmer (d. i. Habicht). Man zählt aus und der Getroffene ist der Krimmer. Dieser sucht die Anderen, die sich zerstreuen und ihn mit dem Verschen necken: „Krimmerle, Krimmerle, geck, geck, Schneit mer meine Haare weg,“ mit seinem Plumpsack zu treffen und dadurch zu seinen Gefangenen und Mithelfern zu machen. Das Spiel dauert so lange, bis Alle in die Gewalt des Krimmers gekommen sind — 634. Anbrennen. Man zählt aus. Der Zurückgebliebene stellt sich mit zugehaltenen Augen an einen Baum und zählt laut bis zu einer bestimmten Zahl. Unterdeß verstecken sich die übrigen. Nun sucht er. Entfernt er sich jedoch zu weit vom Baume, so springt ein Mitspieler schnell aus seinem Versteck hervor und eilt dem Baume zu. Der Häscher rennt auch dahin. Kommt jener eher, so befreit er sich vom weiteren Mitspielen, indem er dreimal an den Baum pocht und ruft: „eins, zwei, drei erlöst“. Kommt jedoch der Haschende zuerst an den Baum, und pocht dreimal an den Baum mit den Worten: „N. N. eins, zwei, drei angebrannt“, so wird der Andere dadurch sein Gefangener. Sind alle wieder versammelt, so wird der zuerst Angebrannte jetzt der Anbrennende. — 635. Sautreiben (vgl. [625]). Die Zahl der Spielenden darf nicht zu groß sein. Es sind z. B. sechs, so gräbt man in einem Kreis fünf kleine Löcher und in die Mitte ein größeres. Jeder Spieler ist mit einem kurzen Stock bewaffnet, und außerdem braucht man noch die sogenannte Sau, ein Stück Holz oder sonst einen Körper, der sich leicht fortschlagen läßt. Nun stellt man sich an, indem die sechs Spielenden mit ihren Knitteln die „Sau“, die abseits an der Erde liegt, halten. Einer zählt: „eins, zwei, drei.“ Bei drei eilen alle den Erdlöchern zu, um die kleinern zu besetzen. Der dem dies nicht gelingt, ist der „Sautreiber“, oder „Saumelker.“ Dieser sucht nun die Sau in das große Loch in der Mitte hineinzubringen, was aber die andern zu verhindern streben, indem sie dieselbe mit den Knütteln fortschlagen. Dabei aber müssen sie dem Sautreiber gegenüber stets ihre Stöcke in das von ihnen besetzte Erdloch halten, denn gelingt es jenem in ein leerstehendes seinen Stab zu stoßen, so kommt der Hinausgetriebene an seine Stelle. Ebenso ist er erlöst, wenn die Sau in das große Loch gelangt, wo dann das Spiel von neuem beginnt. Vgl. [619][622] und Vogelsang, Turnlehrer in Annaberg, Leitfaden beim Unterrichte im Turnen, 2. Aufl. Annaberg 1862, S. 88 ff.

§ 63. Das Hauptfest in Annaberg für alle schulpflichtigen Kinder ist das Schulfest, das die ganze Stadt in freudige Aufregung setzt. Ehe wir aber zur näheren Beschreibung desselben übergehen, wollen wir des früheren Schulfestes, des Gregoriusfestes, gedenken, welches bis zum Jahre 1824 die in Annaberg damals bestehende „lateinische Schule“ feierte.

636. Das Gregoriusfest des Lyceums: Dasselbe begann am Montag nach dem Sonntag Rogate und dauerte bis Mittwoch vor Himmelfahrt. Schon vier bis fünf Wochen vorher begann das Ueben der Trommler und Pfeifer. Jene bestanden aus Primanern, diese aus Sekundanern. Nach vier Uhr, wenn die Schulstunden zu Ende waren, mußten die „Serviteure“, d. h. die unteren Alumnen, die Trommeln vor das Thor tragen. Von den unteren Klassen schlossen sich mehrere freiwillig an. Draußen fanden sich dann auch die Schüler der oberen Klassen dazu und übten sich nun tüchtig auf der Trommel und der Pikelpfeife. Dies war schon ein Vorgeschmack von den Freuden des eigentlichen Festes. Dieses selbst wurde am Montag, früh 3 Uhr mit Reveille eröffnet, wobei die Trommler und Pfeifer, sämmtlich kostümirt in rothen Collets mit blauen Aufschlägen, abwechselnd aufspielten. Um 6 Uhr wurde Appell geschlagen und nun strömte Alles herbei, was zur Schule gehörte. Alle Schüler, vom obersten bis zum untersten, waren verkleidet: da gab es Husaren, Dragoner, Schäfer, Köche, Jäger u. s. w., besonders viele Harlekine mit Pritschen. Von den höheren Klassen hatten sich mehrere beritten gemacht — wer nur irgend eine Mähre auftreiben konnte, entlehnte sie — und paradirten kostümirt und mit Seitengewehren verschiedener Art bewaffnet stolz zu Roß. Diese Reiterei zog nun abgesondert durch die Gassen der Stadt und machte auch Ausflüge nach Klein-Rückerswalde, Frohnau und Buchholz. Die Nichtberittenen dagegen begannen 7 Uhr ihren Umzug durch die Stadt. Voran ging die Schulfahne, dann folgte die Musik, bestehend aus Geigen und einer Baßgeige, die von Schülern des Sängerchors gespielt wurden, darnach kam das Lehrerkollegium und endlich die Schüler aller fünf Klassen. An der Seite schritten zwei Primaner mit Sparbüchsen, welche die Beiträge, die aus jedem Hause verabreicht wurden, einsammelten. Dieser Umzug dauerte bis 9 Uhr. Um 10 Uhr begann das Theater in dem zweiten Stockwerk des Rathhauses. Gewöhnlich kam ein deutsches Lustspiel zur Aufführung, mitunter auch eine deutsche Oper. Sämmtliche Spielende waren Primaner und Sekundaner, denen ausnahmsweise auch einzelne Tertianer beigegeben wurden. Die Spielenden waren natürlich entsprechend kostümirt und machten ihre Sachen nach Verhältniß recht gut. Nach Beendigung der Komödie begaben sich Alle zum Mittagsessen nach Hause und um 2 Uhr begann abermals ein Umzug durch die Stadt, der bis nach 5 Uhr dauerte. Zum Zapfenstreich ½8 Uhr fanden sich wieder alle Schüler, größtentheils in Mißgestalten verwandelt, mit scheußlichen Larven vor den Gesichtern, an der Schule ein. Da gab es Gespenster, Wechselbälge von allen Größen u. dergl., selbst Nichtschüler mischten sich unter die Masken. Die Primaner trommelten und spielten die Janitscharenmusik, zu der die Schule sämmtliche Instrumente besaß, die übrige Musik besorgten die Stadtmusici und so durchzog der Zapfenstreich die ganze Stadt bis in die kleinsten und abgelegensten Gassen. Bei den Wohnungen der Behörden und sonstiger Notabilitäten wurde Halt gemacht und ein kurzes Ständchen gebracht, wofür nicht selten eine Erfrischung in Bier verabreicht wurde. Nach 10 Uhr traf der Zug wieder an der Schule ein, worauf Alles nach Hause strömte. — Dienstag, der zweite Tag, verlief ähnlich wie der erste, früh 3 Uhr Reveille, dann um 6 Uhr Appell, dann der erste Umzug, hierauf wieder Aufführung eines zweiten Lustspieles im Rathhause und nach Tische der zweite Umzug. Letzterer sammelte sich gegen 4 Uhr auf dem Marktplatz unter Anschluß der Reiterei. Von dieser hatte Jeder auf seinen blankgezogenen Säbel eine Citrone gesteckt und so ritten sie mehrmals im Kreise auf dem Platze umher. Dann zogen Alle, die Reiterei voran, nach der Schule zurück, worauf man sich nach Hause begab, um sich ½8 Uhr zum Zapfenstreich einzufinden, der auch diesmal den Tag beschloß. — Mittwoch, als dem dritten Tag, war keine Reveille. Um 8 Uhr fand ein grotesker Aufzug statt, dessen Kostüm früh erst angeordnet und bekannt gemacht wurde. Ein Mal wurden lauter Mohren dargestellt und sämmtliche Schüler erschienen dann schwarz gefärbt, ein anderes Mal kamen andere Wilde zur Vorführung u. dergl. Unter Vortritt der Janitscharenmusik ging es nun durch die ganze Stadt; an beiden Seiten gingen Schüler mit Sparbüchsen, deren Einnahme, die aus allen Häusern gesammelt wurde, man zu dem am Abend zu veranstaltenden Balle verwendete. Kehrte der Zug gegen 12 Uhr von seiner Wanderung an die Schule zurück, so trat der Präfekt vor die Fenster des Rektors, der im Schulgebäude wohnte, und brachte dem Superintendenten, sämmtlichen Behörden, dem Rektor u. s. w. ein Lebehoch, welches von Allen dreimal wiederholt ward. Um 2 Uhr war Alles abermals auf dem Platze, die oberen Schüler in gewöhnlichem, anständigem Anzuge, die kleine Gesellschaft aber noch in ihrem Festkostüm. Es begann der Auszug nach einem vor dem Thore gelegenen öffentlichen Orte (das eine Jahr nach „Gensel’s Garten“, das andere nach dem Schießhaus) unter schallender Janitscharenmusik. Dort angekommen unterhielt sich Jeder auf seine Weise, die Schüler der oberen Klassen tranken Bier und rauchten Tabak aus Thonpfeifen, die der unteren hielten sich schadlos an Kuchen, den die Frau des Schulkalfaktors daselbst feilhielt. Gegen Abend wurden die drei unteren Klassen entlassen, Prima und Sekunda aber begaben sich in die Stadt, um die von den Eltern erbetenen Mädchen zum Balle abzuholen. Dieser dauerte gewöhnlich so lange, bis die Glocken zum Gottesdienst des Himmelfahrtfestes riefen. So endete das Fest. — Einige Tage später gab der Rektor dem ganzen Lehrerkollegium einen solennen Schmaus. Er konnte dieses um so eher, da ihm die Einnahme bei dem ersten Umzug, das Eintrittsgeld bei dem zweimaligen Theater und das sogenannte Rollengeld (jeder Schüler, der in einem Stücke auftrat, mußte diese Bevorzugung mit einem entsprechenden Betrage von 10 Neugroschen bis einen Thaler vergüten) zuflossen. Alle diese Gaben hingen zwar von dem Belieben des Einzelnen ab, fielen aber oft sehr reichlich aus. — 637. Ein früherer Lyceist, der vor drei Jahren (1859) hochgeachtet und hochbetagt starb, urtheilte über dieses Fest also: „Ich werde die drei so fröhlich verlebten Tage nie vergessen. Freilich würde dieses Fest jetzt bei dem höheren Bildungsgrade als abgeschmackt erscheinen, allein das damalige Publikum (um 1800) vertrug schon etwas und die tolle Lust der Jugend fand allgemeinen Beifall und Theilnahme. Die Spenden fielen reichlich aus und Jeder trug sein Scherflein bei. Das Wetter hat uns immer begünstigt. Auch kann ich mich nicht entsinnen, daß nur ein Mal ein Exceß dabei geschehen oder daß Jemand zu Schaden gekommen wäre.“

§ 64 (638). Das Schulfest der Bürgerschule. Dieses seit Errichtung einer Bürgerschule im Jahre 1835 gebräuchliche Fest hat der Natur der Sache nach einen ächt kindlichen Charakter, erfreut sich aber dessenohngeachtet oder vielmehr eben deshalb der entschiedenen Gunst des Publikums der Gegenwart. Es fällt auf keinen bestimmten Tag, sondern wird je nach Umständen, gewöhnlich an zwei ersten Wochentagen im Spätsommer abgehalten. Schon mehrere Tage vorher rüstet sich Alles darauf. Die Mütter sorgen für nette Kleidung namentlich der Mädchen; da wird genäht, gewaschen und geplättet, Kränze gewunden und allerlei Festschmuck, Fähnchen, Stäbe u. s. w., neu aufgeputzt. Draußen vor dem Thore, auf dem Schießhause und dem umgebenden Platze läßt man es auch nicht an Vorkehrungen fehlen. Es werden Buden aufgeschlagen, Schaukeln errichtet, „Reitschulen“ (Karoussels) aufgebaut u. dergl.; ganze Lager Bier werden hinausgeschafft und die Bäcker bereiten sich auf vermehrten Absatz vor. Am Tage vor dem Feste windet man Kränze und Guirlanden im Schulhause, womit man das Gebäude im Inneren und auswendig festtäglich anputzt. Ist endlich der erste Festtag angebrochen, so durchziehen vier Tamboure in der 7. Morgenstunde die Stadt, um den sehnsüchtig harrenden Kindern das Zeichen zum Sammeln zu geben. Alsbald strömen Schüler und Schülerinnen, diese meist mit Kränzen, die an einem Stab getragen werden, jene mit grün und weißen Fähnlein, in festlichem Schmuck fröhlich und lustig nach dem Schulgebäude. Zunächst sammeln sie sich in den verschiedenen Klassen und werden von da, geordnet von ihren Lehrern, auf den angrenzenden Neumarkt geführt. Hier stellt sich die gegen achtzehnhundert Köpfe betragende Kinderschaar, voran die unteren Abtheilungen, auf, und gegen 8 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung. Eröffnet wird derselbe durch den Primus der ersten Bürgerschulklasse, der als Zeichen seiner Würde einen Marschallsstab trägt und geleitet von seinen beiden Schulnachbarn langsam vorwärts schreitet. Hierauf folgt das erste Musikchor, das einen munteren Marsch aufspielt, und hinter demselben die Fahne der „Bürgerschule“, von einem Zögling derselben getragen. Diesem Kopfe des Zuges schließt sich der Cötus an und zwar zunächst die vier unteren Klassen der Bürgerschule. Jeder Klasse schreitet bei den Knaben der Träger der Klassenfahne, bei den Mädchen die Trägerin einer an einem Stab befestigten Lyra, voran. Etwa in der Mitte des Zuges läßt ein zweites Musikchor seine heiteren Klänge ertönen und nach diesem kommen drei Knaben, deren mittelster die Fahne der gesammten Bürgerschule (d. h. Bürgerschule und Selekta) trägt. Darnach folgen, an der Spitze ihre Fahne, die fünf Klassen der Selekta, sowie die drei oberen Klassen der Bürgerschule, von denen die erste Knabenklasse, bewaffnet mit Armbrüsten, den Schluß bildet. Zur Seite des langen Zuges, der ein lebendiges Wogen von Fähnlein und Kränzen, von weißen Kleidern und bunten Bänderschmuck darstellt, schreiten ordnend und helfend die Lehrer der Anstalt. Man zieht inmitten einer zahlreich sich drängenden Zuschauermenge, meist Väter und Mütter oder andere Verwandte der festlich geschmückten Kinder, vom Neumarkt hinunter nach dem Marktplatz, der mehrmals umwandert und dann von dem dreireihig gestellten Kinderkreis, in der Mitte die Musikchöre und das Lehrerkollegium, umschlossen wird. Hier stimmt man das Lied: „Den König segne Gott“ an und läßt einige Vivats ertönen; dann kehrt der Zug nach der Bürgerschule zurück, von wo man sich nach Hause begiebt. Nach eingenommenen Mittagsessen erfolgt um 1 Uhr der Auszug von der Bürgerschule aus nach dem Schießhausplatz, auf dessen weiter Fläche sich bald ein vielgestaltiges Leben entwickelt. Für die verschiedenen Wünsche der Kinder ist gesorgt. Mehrere Buden mit verschiedenen Eßwaaren, wie sie der Bäcker und Konditor, auch der Fleischer liefert, sind aufgestellt, allerlei Obst wird feilgeboten. Bier wird im Schießhause verabreicht. Für die einzelnen Klassen sind Spielplätze angeordnet: dort schießen die oberen Knaben einen Vogel ab, während hier die Mädchen mit einem gußeisernen Stoßvogel, der an einer Schnure schwebt, einem sogenannten Stechvogel, die Scheiben eines großen Sternes zu treffen suchen. Dort drehen sich lustig die Reitschulen mit fröhlichen Kindern übervoll besetzt, während hier eine Anzahl Schaukeln Andere lustig hin und her schwenken. Eine Walze, wo es gilt, das Gleichgewicht zu halten, damit man durch die Drehung derselben nicht herabfällt, ist hier der Mittelpunkt eines Kinderkreises, während dort Knaben oder Mädchen munter am Rundlauf sich herum schwenken. Hier sind an eine Stange eine Anzahl Gegenstände, Pfefferkuchen, Schreibbücher u. s. w. an lange Bindfäden geknüpft, wovon dem zu Theil wird, der mit verbundenen Augen den Faden glücklich findet, während dort auf langem in der Schwebe gehenden Balken zwei Parten sich jauchzend auf- und niedersteigen lassen. Dazu kommen noch die verschiedensten anderen Spiele, die im Freien gebräuchlich sind, Schlangeziehen, Haschen, „mein Knötchen geht ’rum“ u. dergl. Ueberall sind Lehrer oder Zöglinge der oberen Seminarklassen als Leiter und Mitspieler gegenwärtig, an Preisen und Gewinnen fehlt es auch nicht und wo das eine Spiel zu ermüden anfängt, ist bald ein Vorschlag zum Wechsel da und ausgeführt. Zwischen diesem regen Leben wandern die Eltern und andere Zuschauer auf und ab, bald hier bald dort stehen bleibend und ihre kleinen Lieblinge beobachtend, oder man lagert sich auf den weichen Grasplatz oder sucht in den für die Gäste aufgeschlagenen Zelten und Buden ein Sitzplätzchen und erquickt sich mit Kaffee oder Bier oder schaut hinaus in das wechselvolle Bild der sich belustigenden Jugend, oder horcht auf die Klänge des Koncerts, das das Stadtmusikchor unter dem Schatten der großen Linde ertönen läßt. Kurz Alles freut sich mit und an den Kindern und erquickt sich an der heitern, lebensfrohen und doch sittsam bescheidenen kleinen Welt. Nach 7 Uhr erschallen die Trommeln und geben das Zeichen zur Rückkehr in die Stadt; der Zug ordnet sich von neuem und kehrt unter den Klängen der Musik, unter Jubel und Jauchzen der Kinder, umdrängt von dichten Zuschauerschaaren zur Bürgerschule zurück, von wo man sich nach Hause begiebt. Am Morgen des zweiten Festtages nach 8 Uhr ziehen die Kinder abermals in der beschriebenen Weise auf den Schießanger, dort empfängt jedes einen „Butterstollen“ und nun beginnt Spiel und Lust von neuem. Mittag 1 Uhr vereinigt ein Festmahl die Lehrer sammt den Spitzen der Behörden und zahlreichen Freunden der Schule, das in der heitersten, geistig gemüthlichen Stimmung gewöhnlich bis nach drei Uhr sich ausdehnt. Der Nachmittag verläuft abermals im unermüdeten Genießen der gebotenen Spiele seitens der fröhlichen Kinderschaaren, im Schauen und Sichmitfreuen des wieder zahlreich versammelten Publikums, bis endlich der hereinbrechende Abend der Festlust ein Ende macht und der Einzug nach der Stadt die zwei frohen Tage schließt. Ein gemüthliches Tanzvergnügen vereinigt gewöhnlich noch Lehrer und deren Freunde bis in die späteren Nachtstunden, worauf ein schulfreier Tag Lehrenden und Lernenden die nöthige Ruhe gewährt und Herz und Sinne wieder in die gewohnten Gleise zurückkehren läßt.

639. Mit gleicher Betheiligung der Eltern an dem Freudenfest ihrer Kinder feiern auch die meisten anderen Städte und Dörfer des Gebirges ein Schulfest seitens der Volksschulen mit Umzug, Spielen im Freien und allerlei leiblichen Genüssen.

640. Außer den Spielen und deren Vereinigung im Schulfest ist während der zweiten Hälfte des Sommers ein Hauptvergnügen namentlich der ländlichen Jugend, das „in die Beeren gehen.“ Dort, wo noch größere Waldungen an die Ortschaften grenzen, ziehen Knaben und Mädchen in der Zeit, wo die Heidelbeeren, hier „Schwarzbeeren“ genannt, reifen, oft schon am frühen Morgen mit Tragkörben, in denen Töpfe und Krüge sich befinden, hinaus in den Wald, um Beeren zu sammeln. Am Abend kehren sie dann mit gefüllten Körben zurück. Außerdem werden fast täglich, wenn es die Witterung erlaubt, nach beendigten Schulstunden kleinere Streifzüge „in die Beere“ unternommen und für manche ärmere Familie sind diese eingetragenen Waldbeeren ein werther Zuschuß zu des Lebens Bedürfnissen (vgl. [865][870]).

§ 65. d. Herbst. 641. So lange die Witterung es gestattet, dauert die Lust der Kinder im Freien fort. Spiele und Herumstreifen in Flur und Wald, sowie die Betheiligung bei dem Ernten des Getreides und der anderen Feldfrüchte, insbesondere der Kartoffeln, gelten der leicht befriedigten und nach Thätigkeit trachtenden Jugend als Feste. — 642. Das Hüten des Viehes ist bereits bei dem Frühling erwähnt: im Herbste erreicht es seinen Höhepunkt, denn nun sind mit Ausnahme der Kartoffel-, Kraut- und Rübenfelder die Fluren leer und es kann vom Michaelistag (29. September) an, wie die Hirten zu sagen pflegen: „über und über gehütet werden“, d. h. die Heerden dürfen auf die abgeernteten Felder, auf Wiesen u. s. w. auch anderer Besitzer getrieben werden, ohne daß diesen ein Verbietungsrecht zusteht. Es bleiben dann meist die Hirten vom Vormittag bis Abend ohne Unterbrechung auf dem Felde (vgl. [618] u. [871][875]). Vgl. auch [781].

§ 66. 2. Feste und Vergnügungen der erwachsenen Jugend. Das Hauptvergnügen der erwachsenen Jugend ist auch im Gebirge der Tanz. Die verschiedenen Tänze der ländlichen Bevölkerung haben nichts Charakteristisches, es sind meist Rundtänze, nur mit etwas ungenirteren Manieren, tollerer Lust und geringerem Comfort als in der Stadt. Wir erwähnen außerdem noch zwei Gebräuche (von denen der zweite auch auf Bällen der gebildeteren Kreise vorkommt):

643. Die gewöhnlichen Tänze sind: Rutscher, Dreher, Walzer, Reiter, „Hopsel“, baierische Polka oder „Sackmütze“; Galopp, Schottisch, Tirolienne. Letztere drei haben erst in der neuesten Zeit auch bei der ländlichen Bevölkerung, d. h. bei der jüngeren Generation, Eingang gefunden.