644. Burkard: Mitunter machen die Tanzenden unter sich aus, daß die Jungfrauen die Rolle der jungen Burschen übernehmen, d. h. diese werden von jenen zum Tanz aufgefordert, sowie von ihnen mit Bier u. s. w. bewirthet. Man nennt dies „Borkert“ oder „Burkert“. Ob diese Benennung mit dem heiligen Burkhardus, dessen Gedächtnißtag der 14. Oktober ist, in Zusammenhang steht, wissen wir nicht. Auf den städtischen Bällen wird dieser Wechsel der Rollen als „Damenengagement“ bezeichnet.
645. Das Heimblasen: Ist das Tanzvergnügen zu Ende, so nimmt ein Bauernbursche seine Geliebte am Arm und geht mit ihr vor den Platz der Musikanten. Dort bestellt er, indem er ihnen den Rest seines Geldes reicht, das „Heimblasen.“ Das Paar geht nun voran und die Musici geben ihnen, einige lustige Märsche blasend, die weithin in die nächtliche Ruhe hinaustönen, eine Strecke das Geleite. Darauf kehren diese zur Schenke zurück, um abzuwarten, ob vielleicht ein anderes Paar denselben Dienst begehre.
§ 67. Reste der sogenannten Rockenabende finden sich noch hie und da auf dem Lande.
646. An Winterabenden kommen eine Anzahl Spinnerinnen oder Spitzenklöpplerinnen bei einer befreundeten Familie zusammen. Dabei wird nun weniger gesponnen oder geklöppelt, sondern geplaudert und erzählt. Die jungen Burschen stellen sich auch ein und geben der Unterhaltung die höhere Würze. Ein Gläschen Schnaps und einige „Schälchen feiner Kaffee“ (vgl. [876]–[878]) erhöhen die heitere Stimmung. Man nennt derartige Zusammenkünfte die „lange Nacht“, oder, finden sie unter Klöpplerinnen zu der Zeit, wo diese aufhören bei Licht zu arbeiten, statt, sagt man wohl auch „’n Klöppelstock versaufen.“ — 647. Mancherlei Schabernak wird dabei getrieben und verschiedene Spiele verkürzen die Stunden der Nacht; z. B. eine Variation zu dem unter Fastnacht (vgl. [594]) erwähnten Aschtopftragen. Die jungen Burschen gehen hinaus und beschließen einen bereit gehaltenen Topf den Mädchen zu überreichen. Einmal füllt man denselben mit Bretzeln, ein andermal mit Kaffee, oder mit Asche, mit Unrath u. s. f. Einer wird durch das Loos bestimmt, den Topf hineinzutragen. Vermögen ihn dabei die Mädchen fest zu halten, so wird er gebunden und zum Gelächter Aller im Dorfe herumgeführt (Wünschendorf b. Lengefeld).
§ 68. Bei dieser Gelegenheit führen wir einige Wettspiele an, wie sie von Klöpplerinnen häufig ausgeführt werden (vgl. Dr. Schubert, Oberlehrer an der Realschule zu Annaberg, „Barbara Uttmann und die Spitzenklöppelei im Erzgebirge“, Aufsatz in Weber’s Volkskalender für 1861).
648. Das „Haschen“ findet entweder zwischen einer Mutter und ihren Kindern, oder überhaupt zwischen einer geübteren und minder geübten Klöpplerin statt und besteht darin, daß z. B. die Mutter dem Kinde hundert, d. h. hundert gesteckte Nadeln vorgibt. Das Kind zählt nun nach der ersten gesteckten Nadel fort und sagt laut: 101, nach der zweiten Nadel 102 u. s. f., wogegen die Mutter nach der ersten gesteckten Nadel mit 1 anfängt, nach der zweiten Nadel 2 u. s. w. zählt. Beide zählen nun ihre gesteckten Nadeln für sich, aber laut fort. Hat nun die Mutter die ebensovielste Nadel gesteckt, wie sie das Kind fortgezählt hat, dann hat jene dieses eingeholt oder „gehascht.“ Je länger es dauert, bis sie dahin kommt, desto fleißiger und geschickter ist das Kind. — 649. Das „Zählen“ findet zwischen zwei Klöpplerinnen von gleicher Fertigkeit oder Gewandtheit statt. Nach der ersten gesteckten Nabel sagt die eine: „Bist mir eine“ (nämlich Nadel), und hat die zweite die erste Nadel gesteckt, dann antwortet sie: „Bin dir keine“ u. s. w. Angenommen, daß der einen ein Faden reißt oder sonst in der Arbeit eine Verzögerung eintritt, die andere aber dieselbe ununterbrochen fortsetzen, d. h. ihre Faden schlagen und die nach jedem Schlage nöthige Nadel fortstecken und der Andern voraus zählen kann, so überholt sie natürlich ihre Mitarbeiterin um ein großes Stück. Je weiter diese nun in ihrem Zählen: „bist mir zwei, bist mir drei“ u. s. w. vorschreitet, desto emsiger muß jene dann arbeiten, um diese Nadeln wieder herunter zu arbeiten und das Guthaben auszugleichen. An dem raschen Zählen kann man die Fertigkeit einer Klöpplerin bemessen. Wenn man hört, wie schnell das Zählen der Nadeln nacheinander folgt, und dabei erwägt, daß von den beiden Klöppeln jeder zu dem ganzen Schlag dreimal oder zum halben Schlage zweimal um seine Axe gedreht und dann die Kreuzung der gedrehten Faden erfolgen muß, bevor die Nadel gesteckt und die Masche gebildet werden kann, dann erstaunt man, wie alle diese Bewegungen in so kurzer Zeit erfolgen können. — 650. Bei dem „Wetten“ zwischen zwei oder mehreren Klöpplerinnen bestimmen sie sich gegenseitig die innerhalb einer gewissen Zeit, gewöhnlich einer halben bis einer ganzen Stunde, zu fertigende Arbeit. Wer mit seiner Arbeit zuerst fertig ist, erhält von jeder der übrigen Klöpplerinnen eine Stecknadel als Gewinn. — 651. So einfach diese Mittel scheinen mögen, so tragen sie doch nicht wenig dazu bei, den Fleiß zu steigern, die Fertigkeit zu vergrößern, die Leistungen zu erhöhen und den so geringen Verdienst der Klöpplerinnen wenigstens relativ zu vermehren.
§ 69. Von Handwerksgebräuchen der Gesellen sind uns folgende zwei mitgetheilt worden, die bis in dieses Jahrhundert in Annaberg stattfanden.
652. Der Umzug der Posamentirgesellen: Am dritten Pfingstfeiertag Nachmittags hielten die Posamentirgesellen einen solennen Umzug mit Musik, welcher mit Trompetenfanfaren, die vom Thurme geblasen wurden, abwechselte. Den Zug eröffneten zwei Harlekine in aus lauter bunten Tuchflecken zusammengestückten Anzügen, dazu spitzen Hüten, unter denen bemalte Gesichter schmunzelten, in der Hand die Pritsche. Dann folgten die übrigen Gesellen, welche die Insignien des Posamentirhandwerks und hohe zinnerne Trinkkannen trugen. So bewegte sich der Zug durch die Stadt nach der Herberge. Vor derselben bestieg einer der Harlekine einen hölzernen Stuhl und brachte eine Anzahl Gesundheiten aus. Hierauf zog man in die Herberge ein und verbrachte diesen und den folgenden Tag unter Tanz und anderen, namentlich in Verkleiden bestehenden Belustigungen. — 653. Das Deponiren: Sämmtliche im Laufe eines Jahres zu Gesellen gewordenen Lehrlinge mußten sich an einem bestimmten Tage auf der Herberge einfinden, woselbst schon die früheren Gesellen vereinigt waren. Jeder Novize mußte sich auf einen Stuhl setzen. Zuerst bekam er hier von dem Altgesellen eine Ohrfeige. Dann trat ein anderer Geselle, der als Zimmermann gekleidet war, vor und bearbeitete den Neuling mit einer hölzernen Axt, um, wie man sagte, die anhängenden Spähne abzuhauen. Ein Anderer seifte ihn hierauf ein und barbierte ihn mit einem hölzernen Messer; es folgten dann noch gegen zehn solcher grober Manipulationen, die sämmtlich mit bezüglichen, dazu gesprochenen stehenden Versen begleitet waren. Hatte der arme Bursche endlich Alles geduldig über sich ergehen lassen, so galt er nun als richtiger Geselle. Den Abend beschloß ein fröhliches Trinkgelag. Vgl. [659].
§ 70. 3. Die Feste und Vergnügungen der Erwachsenen. Die Bevölkerung des Obergebirges läßt sich, insofern durch Stand und Beruf gewisse charakteristische Züge bedingt sind, in drei Hauptgruppen zerlegen, den Bürger in der Stadt, dem die Gewerbtreibenden auf dem Lande in Sitte und Gewohnheit mehr oder weniger ähneln, den Bergmann und den Landmann. Doch ist dadurch nicht ausgeschlossen, daß diese Unterschiede vielfach in einander übergehen und sich vermischen. Vgl. Sigismund, „Schilderungen vom Erzgebirge“, Briefe in der wissenschaftlichen Beilage der Leipziger Zeitung, 1858, 1859; mit geringen Aenderungen wieder abgedruckt in Lorck’s Eisenbahnbüchern unter dem Titel: „Lebensbilder vom Sächsischen Erzgebirge“, Leipzig, 1859, und (Oehme, Stadtrath in Annaberg), „ein Bild für das Niederland von dem östlichen Obergebirge“ (1858), S. 39 ff.
§ 71. a. Der Bürger in der Stadt. Die gewöhnliche Erholung des Bürgers ist der Besuch des Bierhauses. Entweder begiebt er sich nach einem der vielen öffentlichen Schanklokale der Stadt oder deren nächsten Umgebung oder er besucht denjenigen seiner Mitbürger, der den Reihschank hat. Letzterer ist eine eigenthümliche Einrichtung, die sich in mehreren Städten und Städtchen des Obergebirges (z. B. Annaberg, Buchholz, Marienberg u. s. w.) bis auf den heutigen Tag erhalten hat.