662. Die Annaberger Märkte. Annaberg hält zwei Märkte, Montag nach Lätare und Montag nach St. Anna (26. Juli). Letzterer dauerte früher acht Tage und wurde mit der Rathhausglocke ein- und ausgelauten. Tanz und Musik, Bier und Branntwein, Grog und Punsch, Wein und Kaffee, Häring und Pöklinge, Wurst und saure Gurken, Kuchen und Pfefferkuchen, Elektrisirmaschine und Liebesspiegel, Bänkelsänger und Fleckseifenmänner u. s. w. sind etwa die Stichwörter für das, was vor Allem anzieht und fesselt.
663. Der Buchholzer Markt. Buchholz hat Einen Jahrmarkt am Montag vor St. Katharina (25. November). Derselbe wird namentlich zum Einkauf von Wintersachen benutzt und bietet ebenfalls einen Reichthum aller möglichen Genüsse. Vgl. „der Jahrmarkt zu Buchholz“, Gedicht in erzgebirgischer Mundart von Grund, S. 190 ff.
664. Der Auer Markt. Derselbe fällt in der zweiten Hälfte des August, Montag nach Bartholomäus. Lange vorher wird geklöppelt und gespart, um nach Aue auf den Markt zu gehen; selbst die kleinsten Kinder werden auf dem Arm dahin getragen. Jede Frau kauft sich ein kleines Töpfchen und eine Bratwurst, was sie dann mit nach Hause nimmt. Viele Leute rechnen ihren Geburtstag darnach, indem sie sagen: „soviel Wochen vor oder nach dem ‚Draarmark‘“ (Dreiermarkt). Ueberhaupt ist derselbe der größte „Freßmarkt“ in der Umgegend und wer davon nach Hause geht, ohne gehörig angeheitert zu sein, ist kein rechter Kerl.
§ 78. b. Der Bergmann und seine Feste. Ein wesentliches Glied in der obergebirgischen Bewohnerschaft ist, trotz der geminderten Ergiebigkeit der unterirdischen Schätze, noch immer der Bergmann.
665. Das Leben des Bergmanns. Am frühen Morgen erhebt er sich von seinem Lager, begrüßt die Seinen mit einem frohen „Glück auf!“ und nimmt sein einfaches Frühstück ein. Hierauf zieht er den blousenartigen Bergkittel an, schnallt das Bergleder mit der daran befestigten Blende um und setzt den Schachthut auf. Herzlicher als Andere nimmt er von Weib und Kind Abschied, weiß er doch nicht, ob er von seinem gefahrvollen Tagewerk wiederkehrt, und begiebt sich auf den Weg zu seiner Grube. Dort versammelt er sich mit seinen Mitarbeitern in der Betstube des Huthauses zu der gewöhnlichen Morgenandacht. Es wird ein Lied aus dem Gesangbuch gesungen und ein gemeinsames Gebet gesprochen. Nun begiebt man sich in den Schuppen, wo die Werkzeuge aufbewahrt sind. Der Bergmann nimmt Fäustel und Bohrer, die Fimmeln (eiserne Keile) und die Brechstange, Schaufel und Kübel und schafft dieselben, entweder selbsttragend oder mit Hilfe eines sogenannten „Hundes“ (d. i. eines Bergkarren) vor Ort. Er beginnt seine Arbeit: mit Fäustel und Bohrer sprengt er ein Loch von einer halben bis drei Viertel Elle Tiefe in den Felsen, reinigt es und treibt, nachdem er eine eiserne oder kupferne „Nadel“ hineingesteckt hat, wieder Steine oder harten Lehm darauf. Dann wird die Nadel herausgeschlagen und in die Oeffnung zwei bis drei mit Sprengpulver gefüllte Raketen gesenkt, an deren oberster Spitze ein Stück Schwefelfaden befestigt ist. Letzterer wird angezündet, der Bergmann eilt zu einem geschützten Ort und der Schuß erfolgt. Ist die Gefahr vorüber, so begiebt sich der Arbeiter wieder an den Sprengort, räumt den losgesprengten Schutt in den Kübel, der dann mittelst Haspel nach oben abgeführt wird und sieht, ob er gute Anbrüche gewonnen. So arbeitet er „tief unter dem Schall der menschlichen Rede“ im einsamen Schacht bis Mittag, fährt dann aus und verzehrt oben im Lichte des Tages sein einfaches Mittagsbrod. Ein kurzes Schläfchen stärkt ihn zu neuer Arbeit, die er am Nachmittag bis zum Abend fortsetzt. Nun ist sein schweres Tagewerk vollbracht und er eilt heim zu den Seinen, die ihn freudig begrüßen. Mit ihrer Hilfe legt er die schmutzigen Kleidungsstücke ab und erholt sich nun beim schlichten Abendbrod, umgeben von Weib und Kind, bis er das nächtliche Lager aufsucht.
§ 79. Das Bergfest. Einen Lichtblick im einförmigen Leben des Bergmanns bildet das jährliche Bergfest, das in einigen Bergstädten des Gebirges zu Fastnacht (Marienberg, Ehrenfriedersdorf), in Annaberg früher auch an diesem Tage, seit 1821 aber an einem Donnerstag in der Mitte des Juli (in der 2. Woche im Quartale Crucis) gefeiert wird. Wir lassen eine Beschreibung des letzteren folgen.
666. Am Morgen versammeln sich die einzelnen Bergleute bei ihrem Steiger. Dort wird eine kurze Morgenandacht, in Gesang und Gebet bestehend, gehalten und ein Imbiß eingenommen. Mit ihrem Steiger an der Spitze begeben sich nun die einzelnen Trupps auf den allgemeinen Sammelplatz, den Marktplatz. Eine Abtheilung holt hierauf unter dem Schall der Musik die Fahne aus dem Bergamtsgebäude. Nachdem dieselbe bei dem übrigen angelangt ist, setzt sich der Zug in folgender Ordnung in Bewegung. Voran schreitet ein Schichtmeister in sogenannter ganzer Parade: Den Kopf bedeckt der 7 Zoll hohe cylindrische Schachthut mit grünem Manchester überzogen, oben und unten mit Goldtresse eingefaßt, vorn das königliche Wappen aus Blech getrieben und vergoldet, an der linken Seite die sächsische Kokarde, aus welcher der schwarze, unten gelb unterbundene 7 Zoll hohe Federstutz hervorragt. Den Oberleib bedeckt die „Puffjacke“, eine enganliegende bis in die Taille reichende Jacke von blauschwarzem Tuch in kurze Schößchen auslaufend, vorn mit einer Reihe vergoldeter Knöpfe und oben mit stehenden goldbetreßten Kragen von schwarzem Manchester, darauf ein silberner Stern. Auf den Schultern Patten von schwarzem Manchester mit goldenen Franzen, dann am Oberarm enggefältete Tuchpuffen, und am Handgelenke Aufschlagspatten von weißem Tuch. Der Unterleib ist mit engen weißen Tuchbeinkleidern, woran sich Kamaschen von weißem englischen Leder schließen, bedeckt; um die Kniee sind die schwarzledernen Kniebügel und hinten das ebenfalls schwarze Bergleder befestigt. An der Seite hängt der Säbel mit vergoldetem Gefäß in schwarzer Lederscheide. In der Rechten trägt der Steiger einen schwarzen Stock, dessen Griff das vergoldete Steigerhäckchen bildet, sowie vorn an der Brust das Tzscherpertäschchen von Leder mit zwei Tzscherpern (Messern mit drei Zoll langer Klinge und drei Zoll langen beinernem Heft). — Hinter dem Schichtmeister folgen die Knappschaftsältesten, ähnlich wie dieser gekleidet, nur statt des Hutes den Kopf mit der sogenannten „fliegenden Kappe“ bedeckt, einer Art Haube von weißer Leinwand, hinten mit weißem zwei Zoll breiten, flatternden Bande. Es kommen nun drei Züge Häuer, jeder Zug in drei Reihen zu 6 Mann marschirend und angeführt von je einem Steiger. Die Häuer tragen Schachthüte und Paradekittel von schwarzer Leinwand, unter deren liegendem Kragen ein mit Spitzen besetzter weißer Leinwandkranz hervorsteht. An die bis zu den Knieen reichenden weißen Leinwandbeinkleider schließen sich weiße Strümpfe und schwarze Schuhe; dazu kommen noch Kniegürtel, Bergleder und Tzscherpertäschchen. Auf der rechten Schulter tragen sie die Bergbarde, eine beilartige Waffe an 5 Viertel Ellen langem Stiel. Es schließt sich das Chor der Berghoboisten an, d. i. das städtische Musikchor in Bergmannstracht, und zwar schwarze Kittel und Schachthüte mit goldgelben Tressen besetzt. Außer den gewöhnlichen Blasinstrumenten sind die „russischen Hörner“ eigenthümlich, deren längstes Mannshöhe hat, sowie der Transport der Pauken. Letztere werden auf einem Gestelle von zwei Bergjungen an weiß und grünen Tragbändern vor dem Paukenschläger getragen. Nach dem Musikchor erblicken wir die mit Goldtressen besetzte Bergfahne, die auf weißseidenem Grunde das sächsische Kurwappen entfaltet. Sie wird von dem ältesten Steiger getragen, zu dessen Seiten je ein Obersteiger einherschreitet. Dahinter gehen die Beamten der theilnehmenden Gruben in halber Parade, d. h. in blauschwarzer mit goldenen Tressen und Knöpfen besetzter Kleidung, an der Seite den Säbel, auf dem Kopfe den dreieckigen Hut mit grünseidener silberner Kokarde. In ihrer Mitte haben sie den Bergprediger (Annaberg hat bekanntlich die einzige Bergkirche Sachsen’s, dessen Geistlicher gegenwärtig zugleich Diakonus an der Stadtkirche ist) in seiner Amtstracht. Das Centrum des Zuges bilden die Berghandwerker. Die Bergschmiede erscheinen in weißen mit rothen Puffen versehenen Oberhemden mit schwarzem Kragen und Aufschlägen, dazu weiße Beinkleider. Die Lenden sind mit dem schwarzen Schurzfell umgürtet, den Kopf bedeckt ein schwarzer Schachthut und in der rechten Hand tragen sie den Hammer. Die Maurer sind mit grünem Schachthut, schwarzem Kittel und weißen Hosen, in denen an der Seite eine Schmiege steckt, und gelbem Schurzfell bekleidet. Als Stab führen sie ein langes Ellenmaß in der Hand. Die Zimmerlinge gehen wie die Häuer, nur ruht, statt der Bergbarde, eine Axt auf ihren Schultern. Nach diesen Berghandwerkern folgen einige Züge Häuer, dann einige Züge Lehrhäuer. Letztere sind daran kenntlich, daß sie keine Kniebügel haben. Bei den Knechten, die mit den Bergjungen den Schluß bilden, fällt auch noch der weiße Landwandkragen und das Tzscherpertäschchen weg, und statt der Barde stolzieren sie mit gewöhnlichen Stöcken einher. Die Bergjungen ermangeln auch der Stöcke. Der letzte Mann des Zuges ist der jüngste Steiger. Der wohlgeordnete Zug, aus etwa 300 Personen bestehend, marschirt nun unter den Klängen der Musik in die Kirche, wo Gottesdienst mit Predigt abgehalten wird. Dann wird auf den Markt zurückgezogen, von wo aus die Theilnehmenden sich zerstreuen, um dann mit ihren Frauen zurückzukehren und den Rest des Tages bei Tanz, Bier und anderen Genüssen festlich zu begehen.
§ 80. Eine eigenthümliche Feier hat außer dem Bergfest noch die Knappschaft zu Ehrenfriedersdorf, die sogenannte lange Schicht.
667. Dieses Fest wird am Montage nach dem Osterfeste mit Umzug durch die Stadt unter dem Geläute des Bergglöckleins begangen, zum Andenken an die lange Schicht von 61 Jahren des Oswald Barthel daselbst, welcher 1507 verschüttet, erst 1568 zwar todt, aber doch unversehrt wiedergefunden wurde.
§ 81. c. Der Landmann und seine Feste. Der Landmann hat, wie überall, so auch im Gebirge, die meisten Eigenthümlichkeiten bewahrt und hält mit einem achtungswerthen Konservatismus alte Sitten und Gebräuche fest, ist aber auch schon, namentlich in dem jüngeren Geschlechte von dem nivellirenden Leben der Gegenwart berührt worden. Wir führen hier nur das an, was ihn zunächst gemäß seiner Beschäftigung angeht, bemerken aber ausdrücklich, daß Vieles, was wir z. B. unter Aberglauben und sonst bereits brachten, sowie Manches, was in dem Folgenden noch vorkommen wird, vorzüglich unter der ländlichen Bevölkerung heimisch ist.