§ 85. d. Der Garten und das Feld. 682. Der an das Gut anstoßende Blumen- und Gemüsegarten wird zum Unterschiede von dem umfangreicheren Grasgarten gewöhnlich das „Gärtel“ oder der „klane“ (kleine) Garten genannt und ist die Freude der Bauerfrau. Die Beete sind meist mit Buchsbaum, der unter der Scheere gehalten wird, eingefaßt. Von Blumen liebt man besonders Rosen, Tulpen, Hyazinthen, Narcissen, Nelken, Aurikel, Veilchen, Stiefmütterchen, Vergißmeinnicht, Reseda, weiße und rothe Lilien, Päonien, Betunien, Georginen, Astern, Sonnenblumen, Studentenblumen, Strohblumen u. s. w. Von Gemüsen finden sich am häufigsten Bohnen, Schoten, Möhren, Kohl, Salat, Kolerabi, Rettig, Radieschen, Sellerie, Petersilie, Zwiebeln; von Fruchtsträuchern Johannis-, Stachel- und Himbeeren. — In dem angrenzenden Obstgarten stehen Aepfel- und Birnbäume, Kirsch- und Pflaumenbäume. In einem Winkel versteckt findet sich gewöhnlich ein Hollunderbaum (sambucus nigra), vgl. [§ 23 n].

683. Auf seinen Feldern baut der gebirgische Bauer besonders Roggen und Hafer, seltener Gerste und Waizen; häufig Flachs, seltener Hanf, Wicken, seltener Schoten, ferner Klee und namentlich viel Kartoffeln. Die wohlgepflegten und günstig gelegenen Wiesen liefern reichliches Heu.

e. Beschäftigung. 684. An Beschäftigung fehlt es das ganze Jahr nicht. Das Frühjahr, theilweise auch der Herbst, wird durch das Düngerfahren (den Knecht, der Dünger ladet, nennt man wohl auch scherzweise „Ladendiener“) und Ausbreiten desselben, sowie die Bestellung der Felder in Anspruch genommen. Im Sommer, nach Johanni, folgt die Heuernte, im August die Getreideernte. Der beginnende Herbst bringt die Grummternte, der sich die Kartoffel- und Obsternte anschließt, bis endlich das Abschneiden des Krautes den Beschluß macht. (Ueber das Viehhüten vgl. [642].) Die rauhere Jahreszeit wird mit dem Dreschen, mit Spinnen, Klöppeln und Federschließen verbracht. — Bei diesen Arbeiten überwacht der Bauer das Ganze, besorgt den Ein- und Verkauf des Viehes und legt, wo es Noth ist, selbst thätig Hand an. Die Frau führt das gesammte Hauswesen, besorgt das Kochen, den Milchkram u. s. w. Den Knechten ist namentlich der Dienst bei den Pferden und deren Arbeit übergeben, während die Mägde das Melkvieh und deren Versorgung unter sich haben. — Bienenzucht findet sich nur in den milder gelegenen Thälern.

f. Kost. 685. Die Kost ist einfach, aber ausreichend. Im Sommer wird um ½5, im Winter ½6 Uhr aufgestanden. Gegen 7 oder 8 Uhr wird Kaffee getrunken, der allerdings mehr aus Surrogaten (Möhren, Wurzeln cichorium intibus, Gerste, Korn etc.) als aus arabischen Bohnen gebraut ist. Jeder trinkt gegen 5 „Schälchen“ (Untertassen) und verzehrt dazu einige bis eine Mandel Kartoffeln, oder etliche „Keile“ oder „Fitzen“ Brot, das aus Roggen, Gerste oder Hafer, oft auch aus einem Gemenge dieser Getreidearten gebacken wird. Um 9 oder um 10 Uhr hilft ein zweites Frühstück, in einem umfangreichen Butterbrod oder in Milch- oder Mehlsuppe bestehend, nach. Um 12 Uhr folgt das Mittagsessen, welches an dem weißgedeckten Tisch eingenommen wird. Es wird mit Gebet eröffnet und geschlossen und besteht entweder in einem Fleischgericht mit Gemüse oder in einer Milch- oder Kartoffelspeise. Sonn- und Festtags kommt Braten, gewöhnlich Kälberbraten mit gebackenen Pflaumen, oder mindestens gekochtes Fleisch. Die Wochentagsgerichte sind: Pökelfleisch oder Schwarzfleisch (d. i. geräuchertes Fleisch) und Klöse oder Sauerkraut, Wurst und Kartoffelbrei oder Preißelsbeeren, Schweinefleisch und Erbsen oder Linsen, Rindfleisch mit Reis, Häring und Kartoffelsalat, Reisbrei, Griesbrei, Milchbrei, Hafergrütze etc.; häufig ist auch ein verschiedenartig bereitetes Gebäck aus geriebenen Kartoffeln, Mehl und Milch, das auch entsprechend verschiedene Namen führt, als: Bröselgötzen, Pfannenzudel, Rauhemahd, Röhrenkloß, Lockerkloß, Bambes, Stamper, Polst, Stopper und dergl. Es werden wohl auch blos Kaffee und Kartoffeln aufgetischt. Um 4 oder 5 Uhr ist Vesperzeit, wo man sich durch Kaffee und Butterbrod stärkt, bis endlich Abends 7 Uhr Kartoffeln und Suppe oder Kaffee, im Sommer wohl auch Semmelmilch, den Schluß bilden. — 686. Das gewöhnliche Getränk ist Wasser, daneben Milch, in der Erntezeit und Sonntags Bier. Der Branntweingenuß ist mäßig. Dagegen wird viel Kaffee getrunken, meist täglich fünfmal, je 5 und etliche Tassen. Ein „Kaffeekoch“, d. h. das Kochen eines Kaffee’s kommt unter allen Verhältnissen erwünscht.

g. Charakter etc. 687. Der gebirgische Landmann ist religiös, bieder und schlicht, fest, zuweilen starrköpfig, schweigsam und arbeitsam, „er macht seine Arbeit still weg, mitunter ein Sturm.“ Er liebt Neuerungen nicht, auch ist ihm die Einsamkeit zuwider, daher gränzen die Güter meist an einander. Reinlichkeit und Sauberkeit findet man fast allgemein und es ist der Stolz der Hausfrau, durch blankgescheuerte Geräthe, durch ein wohlgehegtes Blumengärtchen und durch blendendweiße Wäsche sich auszuzeichnen. (Zu den hohen Festen z. B. wird was nur möglich gewaschen und gescheuert: Stühle und Schemel, Fußbänke und „Hitschen,“ Tische und Bänke, selbst die Holzgewände der Stuben und Kammern). — 688. Die gewöhnlichen Grüße und Gegengrüße der Bauern sind: guten Morgen, guten Tag, guten Abend, gute Nacht, schlaf’ wohl. Grüß’ Gott, Gott grüß dich, Hatje [Adieu], leb wohl, bleib gesund, behüt’ dich Gott; willkommen; schönen Dank.

h. Erholung. 689. Am Abend kommen die Nachbarn zusammen, oder der Vater liest aus dem Kalender, aus einer Zeitung (z. B. Dorfbarbier, erzgebirgischer Volksfreund etc.) oder einer Monatsschrift (z. B. Gartenlaube, erzgebirgische Hausblätter etc.), aus einem vom Pastor oder Schulmeister geliehenem Buche (namentlich Bücher aus dem zwickauer Volksschriftenverein) vor. Dann und wann wird die Schenke besucht. Die Glanzpunkte aber im Leben des Bauern bilden die ländlichen Feste.

§ 86. Obgleich durch die Ungunst des Bodens und des Klima’s die Lage des obergebirgischen Landmannes eine minder glückliche ist, als die des Bauers im Niederlande, so feiert er doch seine Feste, vielleicht eben deshalb, mit umso größerer Freude und innigerer Betheiligung. Dieselben sind zunächst als Ruhepunkte nach Vollendung einer der Hauptarbeiten in seinem Arbeitskreise zu betrachten.

a. Der Laubtanz. 690. Ein Fest in der Pfingstzeit, das regelmäßig auf einen Sonntag fällt und ungeduldig von den jungen Leuten erwartet wird. Schon einige Tage vorher pflückt man Laub, windet Kränze und Guirlanden und schmückt damit den Saal der Schenke in- und auswendig. Am Nachmittag des Festtages werden die Mädchen, welche Kränze mit Bandschleifen am Arme tragen, aus dem elterlichen Hause unter Musik geholt und mit „Gejauchze“ zieht man in den Saal, wo eine wohlbesetzte Tafel gerüstet ist. Nachdem die Mädchen ihre Kränze aufgehängt haben, setzt man sich und schmaust vergnügt. Nach dem Essen beginnt der Tanz, der bis in die späte Nacht hinein dauert (Sehma).

b. Das Gemeindebier. 691. Das Abhalten desselben ist nicht streng an eine Jahreszeit gebunden, doch geschieht es meistens im Sommer. Wer ein Grundstück gekauft hat, giebt seinen neuen Gemeindegenossen Bier zum Besten, und zwar hat er ein Gut gekauft zwei Tonnen, ein Haus eine Tonne. Das Bier wird in der Schenke von den Bauern und Häuslern, die mit ihren Frauen dahin zusammenkommen, vertrunken. Unter Tanz und Scherz wird der Abend heiter verbracht.

§ 87. c. Erntefeste. Vgl.: „Deutsche Erntegebräuche“, Aufsatz in den Grenzboten, 1860, Nr. 34. — 692. Hat der Hausvater auf seinem prüfenden Gang durch die Felder gefunden, daß das Getreide reif zur Ernte sei, so beginnen die Vorbereitungen zur morgenden Arbeit. Die Sensen werden hervorgeholt und die Tengelzeuge herbeigesucht. Am obern Theil des Sensenbaumes wird der Bügel aus Weiden-, Buchen- oder Birkenholz befestigt und „die Sense angeschlagen.“ Dort rüstet man den großen Erntewagen, indem die langen Leiterbäume aufgesetzt werden, hier werden Tenne und Böden von dem noch umherliegenden Stroh gesäubert, um der neuen Frucht eine ausreichende Stätte zu bereiten. Die Knechte setzen sich mit Tengelstock und Hammer unter die alte, schattenreiche Linde hinter dem Hofe und bald tönen die taktmäßigen Hammertöne des Tengelns weithin durch die abendliche Stille. Beim Grauen des nächsten Tages wird Leben im Hause, und nachdem die Arbeiten im Stalle besorgt und die große, braune Kaffeekanne am gemeinsamen Frühstückstisch zweimal geleert worden ist, zieht man hinaus auf das Feld. Die Schnitter die Sense auf der Schulter und die „Wetzkitze“ mit dem Wetzstein an dem Mähergürtel, die Schnitterinnen den Rechen tragend. Ist man zum Ziele gelangt, so werden die Sensen herabgenommen, noch einmal mit dem nassen Wetzstein die Schneide derselben gestrichen und mit einem „das walte Gott“ vollzieht der Hausvater den ersten Schnitterhieb. Indem er weiter mäht, rafft eine Schnitterin ihm noch die gefallenen „Schwaden“ auf und legt sie in Haufen auf die Stoppeln. Diesem Paare folgen die anderen. Gegen 9 Uhr erscheint die Hausfrau mit schwerbepacktem Korbe und Alles lagert sich an dem blumigen Feldrain, um an Butterbrod, Bier und Schnaps sich zu erquicken. Von Neuem geht man zur Arbeit, die man bis Mittag fortsetzt, wo man in das Gehöfte zurückkehrt. Eine dampfende Biersuppe, kräftiges Rindfleisch mit Reis, und kühlende Semmelmilch labt die müden Arbeiter. Am Nachmittag zieht man zur Vollendung des Werkes hinaus, das zur Vesperzeit durch eine im Freien aus Krügen verzehrte „Biermerthe“ unterbrochen wird. Zuletzt wird das gemähte Getreide in Garben gebunden und gepuppt, worauf man heim zum Abendbrode eilt und endlich von des Tages Last und Hitze ausruht. — Soll nun das geerntete Getreide eingefahren werden, so ist man abermals früh auf. Bis zum 2. Frühstück werden die Getreidepuppen aus einander genommen und die Garben auf das Feld geschlichtet. Nun erscheint der Erntewagen, auf dem der „Wiesbaum,“ die Garbengabel, Stricke und Seile liegen. Die Garben werden mittelst der Gabel auf den Wagen gereicht und der obenstehende Knecht schichtet sie regelrecht bis hoch über die Leiterbäume zu beiden Seiten. Langherüber wird hierauf der Wiesbaum über das volle Fuder gelegt und befestigt. „Schwer herein schwankt der Wagen kornbeladen.“