693. Ist die Getreideernte beendigt, weht der Wind über die Stoppeln, so giebt der Hausherr seinen Leuten gewöhnlich am nächsten Sonntag oder auch am Abend des letzten Erntetages ein kleines Fest, welches Stoppelhahn genannt wird. Die Hausfrau muß für Kuchen und Hefenklöse, aus dem neuen Waizen gebacken, sorgen, der „Kuhprinz“ muß ein Fäßchen Bier und eine ansehnliche Flasche „Branntewei“ aus der nächsten Stadt holen, die Räucherkammer liefert geräuchertes Fleisch und Küche und Keller das übrige. Ist die Mittagszeit herangerückt, so wird ein schneeweißes Tuch über den großen Eßtisch gebreitet, das bessere Geschirr aufgesetzt und alsbald erscheinen nun Knechte und Mägde, sowie die bei der Ernte thätig gewesenen Tagelöhner und Gehilfen. Steht endlich die dampfende Schüssel mit „Schwarzfleesch“ und „Artöppel Klies“ auf dem Tisch, so tritt auch der Bauer mit Frau und Kindern an die gerüstete Tafel. Ein längeres Tischgebet, von dem gewöhnlich jeder der Anwesenden ein Stück aufsagt, wird gesprochen und man setzt sich nun vor die lockenden Gerichte. Es wird tüchtig eingehauen und dabei dem umher gereichten Gläschen mit einem feurigen „Pfeffermünz“ oder Kümmel tapfer Bescheid gethan. Nachdem das Schlußgebet gesprochen, folgt Kaffee mit Kartoffel-, Zimmt-, Pflaumen-, und anderen Kuchen. Da öffnet sich die Thüre und die bestellten Musikanten, mit Ziehharmonika und Flöte, Geige und Klarinette treten herein. Schnell werden Stühle und Bänke auf die Seite geschafft, der Tisch in die Ecke geschoben und der Tanz beginnt. Der Hausvater in Hemdärmeln und die Hausmutter mit blendendweißer Schürze eröffnen den Reigen, ihnen folgen die Knechte und Mägde, die Tagelöhner mit ihren Frauen, die Kühjungen mit den Töchtern des Hauses und bald ist Alles voll Lust und Leben. Die Knechte stampfen auf den Boden, schnalzen mit der Zunge, jauchzen und schreien. Dazu kreist die Schnapsflasche und das Bierglas, auch an consistenterer Nahrung fehlt es nicht. Jeder vergnügt sich nach seinem Geschmack bis der „Kehraus“ gespielt wird. Mit Händedruck und Dank verabschiedet sich jedes von dem Gastgeber, wobei die Tagelöhner gewöhnlich noch mit einem Viertels- oder halben Kuchen für ihre Kinder daheim beschenkt werden.

694. Haben alle Güter einer Gemeinde geerntet, so folgt am nächsten Sonntage das Erntefest. Kirche und Haus werden mit Kränzen von Aehren und Blumen geschmückt. Wer nur irgend abkommen kann, geht in das Gotteshaus, wo die Erntepredigt gewöhnlich Nachmittags 1 Uhr gehalten wird. Im Hause fehlt es nicht an leiblichen Genüssen und am Abend wird die Schenke besucht, um bei Tanz und Spiel sich zu erfreuen und zu vergnügen.

695. Laut tönen nun wieder die Schläge des Dreschflegels aus allen Scheunen durch das Dorf. Man kommt an die letzten Garben und endlich wird auch das sogenannte „Gebrecht“, das Getreide, welches nach der Ernte auf der Stoppel zusammengerecht worden ist, gedroschen. Auf einmal schweigt in jener Scheune der Drescherschlag und lautes Gelächter schallt herüber. „Du hast den Panzelhahn geschlagen“ ruft Einer, „Schnaps her, Schnaps her“ der Andere. Der Schnaps wird durch den jüngsten Drescher geholt und nach der anstrengenden Arbeit folgt ein fröhliches Gelag. Der Drescher, der den letzten Schlag gethan, muß den Branntwein bezahlen, dem der Hausherr mitunter einen kleinen Imbiß (die „Flegelmoolzet,“ d. i. Flegelmahlzeit) hinzufügt. Das ist der sogenannte Panzelhahn.

§ 88. d. Die Kirmeß. 696. Kahl stehen die Bäume, öde die Felder, der Herbst ist eingezogen und mischt sich bereits mit den Anfängen des Winters. Da naht das Hauptfest des Landmanns, die Kirmeß. Es setzt schon lange voraus, Herzen und Hände in Bewegung. Alle wollen am Feste geschmückt erscheinen. Die Kinder erbitten von den Eltern, dort ein neues Paar Hosen, hier eine neue Jacke. Auch die jungen Leute machen bei dem Dorfschneider ihre Bestellungen, der kaum allen Aufträgen genügen kann und die Botenfrau muß den jungen Mädchen bunte, seidene Bänder und andere Schmucksachen häufiger als sonst aus der Stadt mitbringen. Auch die Hausfrau hat ihre Pläne für das nahende Fest. Lange vorher hat sie den Rahm gesammelt, um genug Butter zum Kuchenbacken zu haben und bereitet nun Käse, läßt Rosinen, Mandeln, Zucker, Hefen u. s. w. holen, auf daß nichts fehle. Die Kuchen sind bereit und wandern zum Bäcker, um nach einigen Stunden, fertig und noch rauchend, unter dem Jubel der Kinder ihren Einzug wieder in das Haus zu halten. — Aber noch andere Opfer sind nöthig. Ein Schwein soll geschlachtet („Sauleed“ oder „Krumbeh“ gehalten) werden. Der Fleischer ist bestellt, der Schlachtzettel besorgt, Gewürz, Wasser und Brennmaterial schon am Abend vorher herbeigeschafft. Der späte Herbsttag bricht an, schon knistert das Feuer unter dem Wurstkessel: da klingelt die Thüre und herein tritt der Fleischer, Brust und Beine bedeckt die weiße, frisch gemangelte Schürze. Der breite Ledergürtel unter derselben ist mit Perlen oder Silberplättchen verziert, und an der Seite hängt ein Köcher mit Messer, Gabel und Wetzstahl. Er verrichtet sein Werk und bald ruht das todte Schwein in dem bereitstehenden Troge. Mit Hilfe des heißen Wassers und des Schabeisens sind die Borsten entfernt, das Schwein wird getheilt und Stücken Fleisch in den brodelnden Kessel geworfen. Endlich ertönt der Ruf: „das Wurstfleisch ist fertig“ und Alles eilt herbei, um an dem leckern Genuß sich zu laben. Nun folgt das Bereiten und Kochen der Würste, das Einsalzen des aufzuhebenden Fleisches, ein tüchtiges Bratstück ist zur Kirmeß ausgesucht und der Abend schließt mit dem Verzehren der Wurstsuppe und frischer Wurst, als eine Art Vorfeier des immer näher rückenden Festes. Nun wird auch das ganze Haus gerüstet, überall wäscht und kehrt, scheuert und putzt man. Der Kirmeßsonntag ist da. Beim Aufgang der Sonne weckt das Blasen eines Chorals vom Thurme durch die Dorfmusikanten die schlummernden Bewohner. Bald sind alle in der Wohnstube beim Kaffeetisch versammelt. „Die gute Kaffeekanne“ dampft in der Mitte der Tassen und daneben locken Teller mit Thürmen von Kuchenstücken. Man thut dem ersehnten Gebäck die möglichste Ehre und Teller und Kanne sind schnell geleert. Der heutige Gottesdienst wird nur spärlich besucht, denn erst am morgenden Tage, am Montag, ist der eigentliche Kirchweihtag. Ist er endlich angebrochen und rufen die Glocken zur Kirche, so eilen die festlich geschmückten Landleute in einzelnen Trupps von allen Seiten nach der lieben Ortskirche, deren Weihtag ja heute gefeiert wird. Heute darf die Kirchenmusik nicht fehlen. Wieder ertönt Glockenklang und heraus strömt die Menge. Jeder seiner Wohnung zu. — Welche Freude giebt es bei der Heimkunft. Der Vetter, aus der benachbarten Stadt, die Frau Gevatterin aus einem entfernten Dorfe und andere geladene Gäste sind eingetroffen. Endlich ist der Tisch gedeckt. Auf dem Tischtuch von selbst erbautem Flachs prangen Schweine- und Hühnerbraten, daneben die beliebten Kartoffelklöse und Sauerkraut, weißes Brod und Bier, vielleicht auch eine Flasche Wein. Alles setzt sich. Auch der zitternde Großvater im silberweißen Haar rückt seinen alterthümlichen Lehnstuhl heran und von seinem wirthlichen Sohne gebeten, nimmt er das Sammtkäppchen von dem ehrwürdigen Haupte in die gefalteten Hände und spricht das Tischgebet. Jeder läßt sich die guten Gerichte wohlschmecken, deren Schluß mächtige „Kuchenteller“ bilden. Nach Tische machen die Männer einen Gang ins Freie, die Kinder haben ebenfalls draußen „ihre Lust“, wo auf Wegen und Stegen ein fröhliches Leben herrscht. Nur die Frauen bleiben sitzen und erzählen sich bei Kuchen und Kaffee die neusten Geschichten. Die rückkehrenden Männer gesellen sich auch zu ihnen und unter Gespräch und Genuß, vergeht die erste Hälfte des Nachmittags. Später geht man wohl in die Schenke, wo der Tanz der jüngeren Leute bereits um 3 Uhr begonnen hat. Dort setzt man sich zum Glase Bier, man spielt einen Skat oder schaut der unermüdlichen Jugend zu. Um 7 Uhr geht man zum Abendessen nach Hause, das von der Hausmutter festlich zugerüstet ist. Alt und Jung nimmt Platz, die Teller werden gefüllt und bald ist Alles in reger Arbeit. Ist die Rosinensuppe gegessen, folgt Schweinefleisch mit Zwiebelbrühe, dann Karpfen mit Krautsalat, zuletzt wieder Kuchen. An Bier, Branntwein, selbst an Wein ist kein Mangel. Nach aufgehobener Tafel bleibt man noch eine Weile beisammen sitzen oder man wandert wieder zur Schenke, wo nun auch die Verheirateten am Tanz sich betheiligen, bald einen Walzer, bald einen Rutscher, einen Dreher u. s. w. verlangend. Spät wird die Kirmeßlust beschlossen und mit Kuchenpaketen beladen ziehen die Gäste dankend heim. — Dienstag bildet noch eine Art Nachfeier, bis endlich an der Mittwoch Haus und Arbeit allmälig wieder in das ruhigere Gleiß einlenken. — Am nächsten Sonntag verhallen in der „Klein-Kirmeß“ die letzten Klänge und Freuden des Festes: nur die Erinnerung tröstet noch und die Hoffnung, „daß nächstes Jahr wieder Kirmeß ist“. Vgl. auch [879][886].

697. An manchen Orten (Dittersdorf) halten die Musikanten am Kirmeßnachmittag einen Umzug, wobei sie mit Kuchen beschenkt werden. Einer von ihnen ist als sogenanntes Kirmeßweib verkleidet. Ein Strohhut mit rothen, flatternden Bändern, berußtes Gesicht und dicht gedrehte Werglocken, auf dem Rücken einen Tragkorb zur Bergung des empfangenen Kuchens, in der rechten Hand ein langer Stab, in der linken eine brennende Laterne bilden, nebst buntscheckiger Weibertracht sein Kostüm. Von den übrigen Musikern begleitet geht der Zug bei dem Schall der Instrumente, und unter mancherlei Scherz und Schabernack, gefolgt von der Dorfjugend, von Gehöfte zu Gehöfte, und lenkt endlich wieder in die Schenke ein, wo man sich an der erblasenen Sammlung ein Gütliches thut.[2]

§ 89. Ehe wir von dem gebirgischen Landmann sammt seinem Thun und Treiben scheiden, müssen wir noch der sogenannten Bauerregeln gedenken, da diese auf sein Leben, namentlich auf die Anordnung seiner wirthschaftlichen Arbeiten, nicht ohne Einfluß sind. Wir stellen hier die zusammen, die auf einer gewissen Naturbeobachtung beruhen, da wir diejenigen, welche ein abergläubisches Gepräge an sich tragen, bereits im ersten Abschnitt erledigt haben. Dabei beschränken wir uns auf die, welche aus dem Munde der gegenwärtigen Bevölkerung gesammelt sind, also mehr oder weniger noch jetzt gläubige Anhänger und gehorsame Befolger haben. Der Naturwissenschaft aber überlassen wir es den wirklichen Gehalt derselben zu prüfen. Vgl.: Böbel, Haus- und Feldweisheit des Landwirths, Berlin 1854.

§ 90. A. Nach der Zeit geordnet. a. Die Monate des Jahres. Januar. 698. Sind im Jenner die Flüsse klein, giebt’s vielen und guten Wein (Marienberg). — 699. Januar warm, daß Gott erbarm (allg.). — 700. Ein schöner Januar bringt ein gutes Jahr (Annaberg). — 701. Wie der Januar, so der Juli (Grünstädtel). — 702. Wenn Gras wächst im Januar, wächst es schlecht im ganzen Jahr (Grünstädtel). — 703. Giebt’s im Januar viel Regen, bringt’s den Früchten keinen Segen (Grünstädtel). — 704. Tanzen im Januar die Mucken [Mücken], muß der Bauer nach dem Futter gucken (Marienberg). — 705. Wenn der Januar gelind ist, so folgt ein rauher Frühling und ein heißer Sommer (Geier).

Februar mit Lichtmeß, Fastnacht etc. 706. Wie der Februar, so der August (Grünstädtel). — 707. Spielen die Mücken im Februar, friert Schaf und Bien’ durch’s ganze Jahr (Lößnitz). — 708. Wenn im Hornung die Mücken schwärmen, muß man im März den Ofen wärmen (Annaberg). — 709. Wenn im Februar die Lerchen singen, wird’s uns Frost und Kälte bringen (Zwönitz). — 710. Wenn’s der Hornung gnädig macht, bringen März und April den Frost bei Nacht (Grünstädtel). — 711. Die weiße Gans [Schnee] im Februar, brütet Segen für’s ganze Jahr (Lößnitz). — 712. Rollt im Februar der Donner, rollt’s noch mehr im ganzen Sommer (Aue). — 713. Donnert es über den kahlen Busch, so kommen viel Gewitter (Marienberg). — 714. Dunkle Lichtmessen [2. Februar] bringt reichlich Essen; Lichtmeß helle, bringt Mangel zur Stelle (Grünstädtel). — 715. Wenn an Lichtmeß die Sonne scheint, dauert der Winter noch lang (allg.). — 716. Wenn es zu Lichtmeß trüb ist, so kann der Schäfer vier Wochen eher austreiben, scheint aber die Sonne, so muß er vier Wochen länger zu Hause bleiben (Raschau). — 717. Der Schäfer sieht Lichtmeß lieber den Wolf im Stall, als den Sonnenschein (Zöblitz). — 718. Sonnt sich der Dachs in der Lichtmeßwoch, geht er vier Wochen wieder zu Loch (Grünstädtel). — 719. Lichtmeß im Klee, Ostern im Schnee (Raschau). — 720. Wenn es zu Alphonsus oder Desiderius [11. Febr.] regnet, hören die Fröste auf (Ehrenfriedersdorf). — 721. Petri Stuhlfeier [22. Febr.] kalt, die Kälte noch anhalt (Geier). — 722. Matthis [Matthäus, 24. Febr.] bricht’s Eis; find’ er keins, so macht er eins (Stollberg). — 723. Trockne Fasten, gutes Jahr (Grünstädtel). — 724. Wenn zu Fastnacht die Sonne Vormittags scheint, so säe man den Flachs zeitig, scheint sie aber Nachmittags, später (Marienberg), vgl. [85].

März und Frühling. 725. Märzschnee thut der Saat weh (Marienberg). — 726. Hält der März den Pflug beim Sterz [d. h. kann man im März pflügen], hält April ihn wieder still (Grünstädtel). — 727. Märzenstaub bringt Gras und Laub (Raschau). — 728. Märzenlaub wird gern vom Frost verzehrt (Lauter). — 729. März nicht zu trocken, nicht zu naß, füllt dem Bauer Kisten und Faß (Annaberg). — 730. Wenn im März der Schnee zerfließt, kommt viel Hagelwetter im Sommer (Raschau). — 731. Wer im Frühling den Pflug trocken hinausführt, bringt ihn im Herbst wieder naß herein (Sehma). — 732. Jeder Märznebel kommt nach hundert Tagen als Regen wieder (allg.).

§ 91. April und Ostern. 733. April kalt und naß, füllt Scheuer und Faß (allg.). — 734. Regnet’s warm im April, so erntet der Bauer in Füll’ (Marienberg). — 735. Sei der April noch so gut, er schickt dem Schäfer den Schnee auf den Hut (Annaberg). — 736. St. Georg und St. Markus [24. 25. April] drohen oft viel Arges (Lößnitz). — 737. Wenn es Charfreitag regnet, wird ein trockner Sommer (Raschau). — 738. Charfreitag- und Osterregen bringen schlechte Erntesegen (Annaberg). — 739. Regnet’s in die Ostern hinein, wird zu Wasser auch der Wein (Marienberg), vgl. [109] u. [128].