—Glauben Sie mir, es steckte nichts mehr dahinter als das. Er hatte sehr viele Truthühner, und ich hatte nichts. Man trieb die Tiere an meiner Thür vorüber ... ich nahm eins davon und sagte zu dem Manne, der sich einbildete, dass er sie hütete: »Sage dem General, dass ich, Max Havelaar, diesen Truthahn nehme, weil ich essen will«.

—Und dann das Epigramm?

—Hat Verbrugge Ihnen davon erzählt?

—Ja.

—Das hat mit dem Truthahn nichts zu schaffen. Ich machte das Ding, weil er so viele Beamte suspendierte. Es waren auf Padang gewiss sieben oder acht, die er mehr oder minder gerechtfertigt in ihren Ämtern suspendiert hatte, und viele unter ihnen verdienten es viel weniger als ich. Der Assistent-Resident von Padang gar war suspendiert, und wohl wegen eines Grundes, der, wie ich glaube, ein ganz anderer war, als der in dem Beschlusse angegebene. Ich will Ihnen das wohl erzählen, obschon ich nicht versichern kann, dass ich alles genau weiss, und nur wiedererzähle, was man zu Padang für wahr hielt und was auch—vor allem im Hinblick auf die bekannten Eigenschaften des Generals—wahr gewesen sein kann.

Er hatte, müssen Sie wissen, seine Frau geheiratet, um eine Wette zu gewinnen, und damit einen Anker Wein. Er ging also oftmals des Abends aus, um ... sich überall herumzutreiben. Der Surnumerair Valkenaar muss einmal in einer Gasse nahe beim Mädchenwaisenhause seinem Inkognito so strenge Beachtung geschenkt haben, dass er ihm eine Tracht Prügel zukommen liess wie dem ersten besten Strassenflegel. Nicht weit davon wohnte Miss X. Es war ein Gerücht in Umlauf, dass diese Miss einem Kinde das Leben gegeben hätte, das ... verschwunden wäre. Der Assistent-Resident war als Haupt der Polizei verpflichtet und auch willens, diese Sache zu untersuchen, und scheint von diesem Vornehmen auf einer Whistpartie beim General etwas gesagt zu haben. Doch man höre: am folgenden Tage erhält er den Befehl, sich nach einer Abteilung zu begeben, deren amtsführender Kontrolleur wegen wahrer oder vermeintlicher Unehrlichkeit von seinem Posten suspendiert war, und in loco bestimmte Dinge zu untersuchen und dieserhalb Bericht einzureichen. Wohl war der Assistent-Resident verwundert, dass ihm ein Auftrag gegeben wurde, der durchaus nicht in Beziehung zu seiner Abteilung stand, aber da er, recht genommen, ihn als eine ehrende Auszeichnung ansehen konnte und auch mit dem General auf sehr freundschaftlichem Fusse stand, sodass er nicht Ursache hatte, an einen Fallstrick zu denken, so liess er sich durch diese Sendung nicht weiter beunruhigen und begab sich nach—ich will vergessen haben, wohin—um zu thun, was ihm befohlen war. Nach einiger Zeit kehrt er zurück und erstattet einen Bericht, der nicht ungünstig für den Kontrolleur lautete. Doch es war währenddessen auf Padang durch das Publikum—das heisst: niemand und alle Welt—entdeckt worden, dass dieser Beamte nur suspendiert war, um eine Gelegenheit zu schaffen, den Assistent-Residenten vom Platze zu entfernen, zu dem Zwecke, seiner beabsichtigten Untersuchung, das verschwundene Kind betreffend, zuvorzukommen oder sie wenigstens bis auf einen Zeitpunkt zu verschieben, wo es schwer fallen würde, die Sache aufzuhellen. Ich wiederhole nun, dass ich nicht weiss, ob dieses wahr ist, doch nach den Erfahrungen, die ich selbst später mit dem General Vandamme machte, kommt mir diese Lesart glaubhaft vor. Auf Padang war niemand, der ihn nicht—was den Grad angeht, auf welchen seine Sittlichkeit gesunken war—als fähig zu so etwas einschätzte. Die meisten schrieben ihm nur eine gute Eigenschaft zu, die der Unerschrockenheit in Gefahr, und wenn ich, der ich ihn in Gefahr gesehen habe, der Meinung wäre, dass er bei alledem ein tapferer Mann war, so würde dies allein mich bewegen, Ihnen diese Geschichte nicht zu erzählen. Es ist wahr, er hatte auf Sumatra viel durch die Faust entscheiden lassen, doch wer einzelne Geschehnisse aus der Nähe beobachtet hatte, spürte Neigung, etwas von seiner Tapferkeit abzudingen, und, wie fremd es scheinen mag, ich glaube, dass er seinen Ruhm als Kriegsmann grossenteils der Sucht der Antithese zu danken hatte, die uns alle mehr oder minder beherrscht. Man sagt gern: es ist wahr, dass Peter oder Paul dies, dies oder dies ist, doch ... das ist er, das muss man ihm lassen! Und niemals kann man sicherer sein, gepriesen zu werden, als wenn man einen stark ins Auge fallenden Mangel hat. Sie, Verbrugge, sind alle Tage betrunken ...

—Ich? fragte Verbrugge, der ein Muster von Mässigkeit war.

—Ja, ich mache Sie nun betrunken, alle Tage. Sie vergessen sich so weit, dass Duclari des Abends in der Galerie über Sie stolpert. Das wird er unangenehm finden, aber sofort wird er sich erinnern, etwas Gutes an Ihnen gefunden zu haben, das ihm doch früher gar nicht ins Auge fiel. Und wenn ich dann komme und ich finde Sie doch ein bisschen arg ... horizontal, dann wird er mir die Hand auf den Arm legen und ausrufen: »Ach, glauben Sie doch, er ist sonst so’n guter, braver, achtbarer Kerl!«

—Das sage ich sowieso von Verbrugge, und ist er auch vertikal.

—Nicht mit dem Feuer und mit der Überzeugung! Erinnern Sie sich mal, wie oft man sagen hört: »O, wenn der Mann auf seine Sachen passen würde, das wäre einer! Aber ...« und dann folgt die Darlegung, wie er nicht auf seine Sachen achte und also keiner sei. Ich glaube den Grund hiervon zu wissen. Auch von den Toten erfährt man immer gute Eigenschaften, von denen wir früher nichts bemerkten. Die Ursache wird wohl sein, dass sie niemandem im Wege stehen. Alle Menschen sind sich mehr oder minder Konkurrenten. Wir würden gern jeden andern ganz und gar in allem unter uns stellen. Das aber zu äussern, verbietet der gute Ton und selbst das eigene Interesse, denn uns würde sehr bald niemand mehr glauben, auch wenn wir etwas Wahres behaupteten. Es muss also ein Umweg gesucht werden, und nun seht, wie uns das gelingt. Wenn Sie, Verbrugge, sagen: »Der Leutnant Gamascho ist ein guter Soldat, er ist wahrhaftig ein guter Soldat, ich kann Ihnen nicht genug sagen, ein wie guter Soldat der Leutnant Gamascho ist ... aber ein Theoreticus ist er nicht ...«