—Das kommt Ihnen jetzt nur so vor, weil ich den Vergleich etwas kurz und brüsk gestaltet habe. Wir müssen uns das »er ist ein Dieb« einigermassen umschleiert vorstellen. Die Tendenz des Gleichnisses bleibt wahr. Wenn wir genötigt sind, jemandem bestimmte Eigenschaften zuzuerkennen, die Anspruch auf Beachtung, Ehrerbietung und Autorität verleihen, dann gewährt es uns Befriedigung, neben diesen Eigenschaften etwas zu entdecken, das uns von dem schuldigen Tribut teilweise oder gänzlich frei erklärt. »Vor solch einem Dichter sollte man das Haupt beugen, aber ... er schlägt seine Frau!« Sehen Sie, dann benutzen wir die blauen Flecke der Frau gern als Vorwand, unsere Nase recht hoch zu halten, und schliesslich wird es uns gar zur Genugthuung, dass er das Weib schlägt, was doch sonst recht hässlich ist. Sobald wir zugeben müssen, dass jemand Qualitäten besitzt, die ihn der Ehre eines Piedestals würdig machen, sobald wir seine Ansprüche darauf nicht länger leugnen können, ohne als unkundig, gefühllos oder eifersüchtig angesehen zu werden ... sagen wir schliesslich: »Gut, setzt ihn nur drauf!« Aber schon während des Draufsetzens und während er selbst noch meint, dass wir verzückt daständen angesichts seiner Vortrefflichkeit, haben wir schon die Schlinge in den Lasso gelegt, der dienen soll, ihn bei der ersten günstigen Gelegenheit herunterzuholen. Je mehr Wechsel unter den Inhabern der Piedestale, desto grösser die Wahrscheinlichkeit für andere, dass sie auch einmal an die Reihe kommen werden, und so wahr ist dies, dass wir aus Gewohnheit und zur Übung—wie ein Jäger, welcher auf Krähen schiesst, die er doch liegen lässt—auch die Standbilder gern niederlegen, deren Piedestal nie durch uns bestiegen werden kann. Herr Schöps, der sich nährt von Sauerkohl und Dünnbier, sucht Erhebung in der Klage: »Alexander war nicht gross ... er war unmässig«, ohne dass für Herrn Schöps die mindeste Möglichkeit besteht, jemals mit Alexander in Welteroberung zu konkurrieren.

Wie dem sei, ich bin überzeugt, dass viele niemals auf den Gedanken gekommen wären, den General Vandamme für so tapfer zu halten, wenn nicht seine Tapferkeit als Vehikel hätte dienen können für das stets hinzugefügte: »aber ... seine Sittlichkeit!« Und ebenso bin ich überzeugt, dass diese Unsittlichkeit von den vielen, die selbst nicht gerade unantastbar waren, nicht als so gross hingestellt worden wäre, wenn man sie nicht nötig gehabt hätte als Gegengewicht gegen seinen Ruhm der Tapferkeit, der manche nicht schlafen liess.

Eine Eigenschaft besass er wirklich in hohem Masse: Willenskraft. Was er sich vornahm, musste geschehen, und geschah auch gewöhnlich. Doch—sehen Sie wohl, dass ich sogleich wieder die Antithese zur Hand habe?—doch in der Wahl der Mittel war er dann auch etwas ... frei, und, wie van der Palm—ich glaube, zu Unrecht—von Napoleon sagte: »Hindernisse der Sittlichkeit standen ihm niemals im Wege!« Nun, dann ist es gewiss leichter, sein Ziel zu erreichen, als wenn man sich durch so etwas wohl gebunden erachtet.

Der Assistent-Resident von Padang hatte also einen Bericht ausgefertigt, der günstig lautete für den suspendierten Kontrolleur, dessen Suspension hierdurch den Anstrich der Ungerechtigkeit erhielt. Die Padangschen Tuscheleien nahmen ihren Fortgang: man sprach noch immer über das verschwundene Kind. Der Assistent-Resident fühlte sich aufs neue berufen, die Sache aufzunehmen, doch ehe er etwas zur Aufklärung hatte bringen können, ging ihm ein Beschluss zu, nach welchem er vom Gouverneur der Westküste Sumatras »wegen Unehrlichkeit in Amtsbeziehungen« suspendiert wurde. Es hiess darin, dass er aus Freundschaft oder Mitleid die Angelegenheit des Kontrolleurs gegen sein besseres Wissen in ein falsches Licht gerückt habe.

Ich habe die Akten, die diese Angelegenheit betreffen, nicht gelesen, aber ich weiss, dass der Assistent-Resident auch nicht die geringste Beziehung zu jenem Kontrolleur hatte, was schon daraus zu entnehmen ist, dass man gerade ihn bestimmt hatte, diese Sache zu untersuchen. Ich weiss weiterhin, dass er eine achtenswerte Persönlichkeit war, und dass auch die Regierung ihn dafür hielt, was aus der Nichtigerklärung der Suspension, nachdem die Sache andernorts untersucht worden war, hervorgeht. Auch jener Kontrolleur ist später gänzlich in seiner Ehre rehabilitiert worden. Der Beiden Suspension war es, was mir das Epigramm eingab, das ich auf den Frühstückstisch des Generals von jemandem niederlegen liess, der damals bei ihm und vorher bei mir in Dienst stand.

Leibhafter Suspensionsbeschluss, der suspendierend uns regiert,

Johann Suspensor, Gouverneur, du Wehrwolf unsrer Zeiten,

Du hättest dein Gewissen selbst mit Freuden suspendiert ...

Wenn’s nicht schon längst entlassen wär’ in alle Ewigkeiten!

—Nehmen Sie mir’s nicht übel, M’nheer Havelaar, ich finde, dass so etwas nicht am Platze war, sagte Duclari.